Air Berlin-Chef Thomas Winkelmann: Jeder Bieter hat Interesse an Düsseldorf

Air Berlin-Chef Thomas Winkelmann : "Jeder Bieter hat Interesse an Düsseldorf"

Bereits am heutigen Mittwoch soll der Gläubigerausschuss der insolventen Fluggesellschaft die Aufspaltung des Unternehmens beschließen. Mitten in den hektischen Gesprächen zur Insolvenz findet der Air-Berlin-Chef Zeit für ein Interview - am Telefon.

Herr Winkelmann, Air Berlin verkauft für die Jahreswende Tickets, obwohl der Übergangskredit nur drei Monate reichen wird, also vielleicht nur bis Ende November. Sollte man diese Tickets wirklich buchen?

Winkelmann Ich gehe aus heutiger Sicht davon aus, dass weite Teile unseres Streckennetzes von den neuen Betreibern übernommen werden. Wer jetzt bucht, geht kein hohes Risiko ein. Sonst hätte der Übergangskredit ja keinen Sinn. Jetzt muss aber alles sehr schnell gehen, damit unsere Kunden Sicherheit haben.

Sie verramschen USA-Tickets inklusive Rückflug ab 333 Euro. Panik?

Winkelmann Diese Preise zeigen, dass der Wettbewerbsdruck enorm ist. Ich hoffe, in den nächsten Wochen erste Einigungen über die Übernahme großer Teile des Unternehmens vorstellen zu können. Wir arbeiten rund um die Uhr, um dies möglich zu machen. Die Gespräche laufen gut, ist mein Eindruck.

Gibt es Entschädigungen, wenn ein Flug ausfällt, oder werden solche Forderungen Teil der Konkursmasse wie bei ausgefallenen Flügen vor dem Insolvenzantrag am 15. August?

Winkelmann Für jetzt gebuchte Flüge gelten die Allgemeinen Geschäftsbedingungen. Dies bedeutet, dass für ausfallende oder stark verspätete Flüge entsprechende Entschädigungen anfallen.

Wettbewerber sagen, die nun schnelle Zerschlagung von Air Berlin sei ein mit Ihrem früheren Arbeitgeber Lufthansa abgesprochenes Komplott.

Winkelmann Unsinn. Seit Februar habe ich öffentlich immer wieder gesagt, dass wir neue Partner brauchen. Seit Ende Mai konnten Unternehmen bei der HSBC-Bank vertrauliche Informationen über Air Berlin erhalten. Mehr als zehn Unternehmen haben da reingeschaut, jetzt sprechen wir mit mehr als drei großen börsennotierten Unternehmen über einen Verkauf.

Der Unternehmer Hans Rudolf Wöhrl will Air Berlin als Ganzes kaufen.

Winkelmann Herr Wöhrl hat bis heute kein substanzielles Angebot abgegeben. Und er hat sich auch nicht bei uns gemeldet, als wir auf Partnersuche gingen.

Und jetzt wird Ihr früherer Arbeitgeber Lufthansa der strahlende Sieger?

Winkelmann Wir wollen so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten - auch darum ist uns das öffentlich verkündete Interesse von Lufthansa sehr willkommen. Die Namen der anderen Interessenten werden Sie mir nicht entlocken, weil wir Vertraulichkeit vereinbart haben.

Aber Lufthansa könnte ab Düsseldorf mit Hilfe von Air-Berlin-Teilen ein Fast-Monopol aufbauen.

Winkelmann Richtig ist, dass Düsseldorf das Kronjuwel von Air Berlin ist, weil in der Region sehr viele Menschen leben, weil wir hier viele Geschäftsreisende Kunden der Air Berlin sind und weil Air Berlin über viele sehr attraktive Flugrechte (Slots) verfügt. Aber an den Aufbau eines neuen Monopols denkt hier keiner. Die Zeiten von Monopolen sind überall vorbei. Jeder Bieter hat Interesse an attraktiven Strecken von und nach Düsseldorf.

Und Easyjet wird Nummer Zwei in Düsseldorf?

Winkelmann Kein Kommentar.

Glauben Sie, dass Lufthansa und deren Ableger Eurowings das Langstreckennetz von Air-Berlin in Düsseldorf weiterbetreiben werden?

Winkelmann Ich kann nur allgemein antworten: Eine Langstreckenverbindung einer Airline muss sich eigenständig rechnen - und Air Berlin hat da sicher einige attraktive Strecken im Angebot wie beispielsweise New York, Miami oder Fort Myers. Gleichzeitig lohnt sich der Betrieb von Langstrecken mehr, wenn ich per Kurzstrecke Passagiere zuführe.

Wann kündigen Sie die ersten Mitarbeiter in der Verwaltung, weil da ja viele Jobs wegfallen?

Winkelmann Die Frage von Kündigungen stellt sich nicht. Noch hat das Insolvenzverfahren nicht mal offiziell angefangen. Aber wir erhalten schon jetzt viele Angebote für Kollegen von Air Berlin gerade in Berlin. Die haben einen exzellenten Ruf in der Branche und auch darüber hinaus. Gleichzeitig haben wir mit der Bundesagentur für Arbeit vereinbart, dass sie ab heute ein Beratungsbüro für unsere Kollegen bei Air Berlin öffnet.

Es droht Streit zwischen Neuerwerbern und Gewerkschaften.

Winkelmann Ich gehe davon aus, dass es faire Angebote für die Mitarbeiter in den betroffenen Betriebsteilen geben wird - also entsprechende Tarifverträge. Die Gewerkschaften sind übrigens über unsere Gespräche mit möglichen Partnern informiert, ohne Details zu kennen.

Manchem Mitarbeiter könnte aufstoßen, dass sich der Chef sein Gehalt durch eine Bankbürgschaft in Höhe von 4,5 Millionen Euro absichern ließ.

Winkelmann Wie gesagt: Wir kämpfen um jeden der mehr als 8000 Arbeitsplätze. Wir sind auch der Bundesregierung dankbar, dass Sie uns nun helfen will, die nächste Zeit zu überbrücken. Zu meinem Vertrag nur soviel: Als Etihad Ende 2016 einen neuen Chef für Air Berlin suchte, kamen die auf mich als damals 57-jährigen zu. Als ich dann sagte, ich hätte noch eine gut dotierte Aufgabe für vier Jahre als Leiter des München-Geschäftes von Lufthansa und sei zufrieden, bot man mir einen Vier-Jahres-Vertrag. Ich sah das als Bekenntnis zu einer langfristigen Strategie nach mehreren Führungswechseln. Also unterschrieb ich, weil ich glaubte, eine Sanierung von Air Berlin sei mit der neuen Strategie und neuen Partnern in den nächsten Jahren möglich.

(RP)
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