Abschied vom Bergbau - letzte Fragen zur Steinkohle

Bergbau im Ruhrgebiet : Letzte Fragen zur Steinkohle

Warum sind die Fördertürme so hoch? Wieso gab es keine Frauen, aber Kanarienvögel unter Tage? Wir haben interessante Fakten zum Abschied von der Steinkohle zusammengestellt.

Am Freitag verabschiedet sich Deutschland von der Steinkohle. Auf der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop überreichen Bergleute die letzte geförderte Steinkohle an den Bundespräsidenten. Damit endet ein großes Kapitel Industriegeschichte, an dem viel Technik, Wissen und Kultur hängt.

Warum sind die Fördertürme so hoch?

Die RAG gibt die einfache Antwort: Weil die Kohle so tief liegt. Die Förderkörbe werden von den Fördertürmen an einem Seil in die Tiefe gelassen. Das Seil ist auf sogenannten Seilscheiben aufgewickelt. Wenn der Stollen zum Beispiel 1000 Meter tief ist, müssen 1000 Meter Seil auf den Seilscheiben aufgewickelt werden, um den Förderkorb ganz nach oben zu holen. Es ist also ahnlich wie bei einem Gartenschlauch: Je länger der Schlauch, desto mehr Platz braucht er auf dem Schlauchwagen. Darüber hinaus sind die Fördertürme auch aus Gründen der Stabilität so mächtig.

Warum heißt die Kaue Kaue?

Jedes Bergwerk hat zwei Kauen. In der Weißkaue legen die Bergleute ihre Freizeitkleidung ab und die Baumwollkleidung an, in der Schwarzkaue legen sie nach der Schicht die dreckige Kleidung ab und duschen. Der Name kommt aus dem ganzen frühen Bergbau, als der noch ein Tagebau war. Damals gab es Dächer, unter die sich bei schlechtem Wetter die Arbeiter kauern (!) konnten, um sich zu schützen.

Der Bergbau im Ruhrgebiet geht zu Ende - was bleibt?

Warum nahmen die Bergleute früher Kanarienvögel mit unter Tage?

Wegen der bösen Wetter. So nennt man im Bergbau schädliche Gasgemische, die unter Tage entstehen können. Dazu zählt zum Beispiel Kohlenmonoxid, das erst zu Kopfschmerzen und in höherer Konzentration auch zum Tod führen kann. Kanarienvögel, Finken und andere Vögel dienten den Kumpeln als Frühwarnsystem vor dieser Gefahr. Hörten die Tiere auf zu singen oder fielen sogar von der Stange, war es höchste Zeit, den Stollen zu verlassen. Später wurden die Tiere durch Messgeräte ersetzt.

Warum gab es keine Frauen unter Tage?

Weil es verboten war. In einem Abkommen der Internationalen Arbeitsorganisation (IAO) wurde 1935 festgelegt: „Keine Frau, welchen Alters auch immer, soll unter Tage in einem Bergwerk arbeiten.“ Gedacht war das zum Schutz der Frauen vor der schweren und teils gesundheitsgefährdenden Arbeit eines Bergmanns. Deutschland übernahm die Vereinbarung ins Bundesberggesetz und schaffte sie nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs erst 2008 wieder ab. Bei der RAG gab es aber auch danach keine einzige Bergfrau. Denn schon damals war bekannt, dass die Kohleförderung im Ruhrgebiet 2018 ausläuft. Aber auch vor dem offiziellen Verbot waren Frauen unter Tage schon eine Seltenheit. In der Grube herrschte der Abgerlaube, dass Frauen unter Tage Unglück bringen.

Warum ist Grubenwasser schädlich?

Das erklärt die RAG so: Regenwasser, das entlang der Gesteinsschichten versickert, reichert sich mit Salzen und anderen Mineralien an und sammelt sich als Grubenwasser in den Strecken und Streben unter Tage. Zugleich könnte es sich dort mit Schadstoffen mischen, etwa PCB aus altem Maschinenöl. Denn anders als heute wurden alte Bergwerke früher nicht demontiert. Durch den hohen Druck könnte das Grubenwasser in höhere Schichten gelangen und sich dort mit dem Grundwasser vermischen. Das gilt besonders, weil die Mergelschicht, die einst wie ein Deckel auf den Flözen lag, durch den Bergbau zerlöchert ist wie ein Schweizer Käse. Versalztes Grundwasser aber wäre wertlos oder müsste aufwendig gereinigt werden.

Warum muss die RAG nach dem Ende der Zechen noch ewig pumpen?

Zum einen holt die RAG das Grubenwasser gezielt an einzelnen Punkten hoch, um eine Verunreinigung des Grundwassers zu vermeiden. Zum anderen liegen Teile des Ruhrgebiets wie Teile von Essen unter dem Meeresspiegel und würden versumpfen, wenn man dem Wasser freien Lauf ließe. Daher muss die RAG auf ewig pumpen. Für die Wasserhaltung macht sie sich zunutze, dass die vielen Bergwerke unterirdisch verbunden sind. Mit der Nordwanderung des Bergbaus ab der Ruhr entstand ein weitestgehend durchgängiges Netzwerk von Grubenbauverbindungen. So lassen sich zusammenhängende Bergwerke nach der Stilllegung zu einer Wasserprovinz bündeln und die Grubenwässer zentral an einem gemeinsamen Standort heben, heißt es von der RAG.

Wohin geht das Grubenwasser?

Künftig will die RAG an sieben Standorten das Grubenwasser hochpumpen: Sechs liegen an der Ruhr und einer wegen des Bergwerks Ibbenbüren im Tecklenburger Land. Von diesen Standorten aus soll das Wasser in Flüsse wie Rhein, Ems und Ruhr abfließen. Die Emscher, einst Kloake des Reviers, wird gerade aufwendig renaturiert und soll nicht mit Grubenwasser belastet werden. Im Saarland muss die RAG übrigens nicht pumpen. Dort kann wegen der günstigen geologischen Verhältnisse das Grubenwasser drucklos in die Saar geleitet werden.

Kann man ein Bergwerk, das einmal geschlossen wurde, wieder öffnen?

Von der Steinkohle, die unter dem Ruhrgebiet lagert, wurde bislang erst ein Bruchteil gefördert. Die Vorräte allein von Prosper Haniel würden noch für 40 Jahre reichen. Und wer weiß, wenn der Energiehunger der Welt so stark steigt und damit auch der Weltmarktpreis für Kohle, könnte sich das Ganze irgendwann sogar wirtschaftlich wieder lohnen. Doch nun kommt der Deckel drauf: Die Schächte werden mit Massen an Beton verfüllt, Strecken und Strebe dem Einsturz überlassen. Und Ein Bergwerk, das geschlossen ist, kann man wegen der unberechenbaren Einstürze nach derzeitigem Stand nicht wieder öffnen.

Warum ist Steinkohle schädlich für das Klima, wenn auch nicht so stark wie Braunkohle?

Das liegt an den CO2-Emissionen, die beim Verbrennen entstehen. Denn die Kohle enthält, wie der Name sagt, viel Kohlenstofff. Dieser wird beim Verbrennungsprozess zum Treibhausgas Kohlenstoffdioxid. Pro Kilowattstunde (kWh), die bei der Stromerzeugung mit Steinkohle gewonnen wird, stößt ein Kohlekraftwerk 900 Gramm CO2 aus. Zum Vergleich: Beim Verbrennen von Erdgas sind es nur 370 Gramm pro kWh. Noch schlechter als der schwarze Bruder steht allerdings die Braunkohle da. Hier werden pro kWh 1150 Gramm Kohlenstoffdioxid freigesetzt. Die Stromerzeugung mit Steinkohle ist also nicht gut für das Klima, aber immerhin noch besser als die Braunkohle, über deren Verzicht momentan viel diskutiert wird. Warum das so ist, erklärt die RAG: Steinkohle ist älter und hat deshalb einen höheren Heizwert. Sprich: Für dasselbe Ergebnis bei der Stromerzeugung muss weniger Kohle verfeuert werden.

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