9600 unbesetzte Lehrstellen in NRW

Fachkräftemangel : 9600 unbesetzte Lehrstellen in NRW

Die Unternehmen bekommen den demografischen Wandel zunehmend bei der Besetzung der Lehrstellen zu spüren. Zugleich beklagt der DGB die Arbeitsbedingung vieler Azubis.

Die Zahl der unbesetzten Ausbildungsplätze ist in Nordrhein-Westfalen nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf ein Rekordniveau geklettert. Zwar boten nach Angaben der NRW-Regionaldirektion die Firmen mit 115.813 Lehrstellen weniger Plätze an, als es Bewerber gab (133.803). Und doch blieben nach dem Start des Ausbildungsjahres 9591 Plätze unbesetzt. Fachleute sprechen von einem Matching-Problem, weil Angebot und Nachfrage nicht zusammenpassen. Gründe dafür sind etwa, dass die Ausbildungsstelle weit vom Heimatort entfernt liegt oder nicht der Beruf in der Wunschbranche verfügbar ist

Die Chefin der Regionaldirektion, Christiane Schönefeld, appellierte an Ausbilder, sich auf diese neue Situation einzustellen: „Der Lehrstellenmarkt wird sich in einen Bewerbermarkt wandeln.“ Sie warnte, dass sich die Situation in den kommenden vier Jahren für die Firmen noch weiter verschärfen könnte, wenn rund 500.000 Menschen – also sieben Prozent der Beschäftigten – in den Ruhestand treten würden. Zudem erforderten auch die Herausforderung der Digitalisierung gut ausgebildete Fachkräfte.

Auch der Kreis derer, die für eine Ausbildung überhaupt infrage kommen, schrumpft: Die Zahl der Bewerber ist in NRW deutlich zurückgegangen. Die Agenturen verzeichneten 3170 weniger als noch im Vorjahr. Nach Angaben von Regina Flake, Bildungsexpertin des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, die sich mit den Ausbildungsdaten im Bund auseinandergesetzt hat, ist nicht nur die Zahl der Schulabgänger zwischen 2000 und 2017 um 13 Prozent zurückgegangen. „Auch die Zusammensetzung hat sich stark verändert: So ist die Zahl der Abgänger mit Fachhoch- oder Hochschulreife um 20 Prozent gestiegen, die der Realschulabsolventen aber um sechs Prozent gesunken. Und bei den Hauptschulabsolventen – traditionell eine Hauptzielgruppe für die duale Ausbildung – beträgt das Minus seit 2000 sogar 44 Prozent.“

Die Arbeitgeber zeigten sich angesichts der hohen Zahl unbesetzter Stellen ebenfalls besorgt: „Dies ist der höchste Stand offener Lehrstellen seit mehr als 20 Jahren“, sagte Luitwin Mallmann, Hauptgeschäftsführer von Unternehmer NRW. Da sich einige der unversorgten Bewerber nach anderen Optionen umsehen – beispielsweise weiter die Schulbank drücken, ein Studium aufnehmen, den Freiwilligendienst ableisten oder zu einem Auslandsaufenthalt aufbrechen – ist die Zahl derer, die für die Plätze noch in Betracht kommen zu gering: Laut Regionaldirektion gibt es noch 7119 unvermittelte Bewerber. Zu wenig, um den Bedarf zu decken. Mallmann nennt als zentrales Problem ebenfalls das Matching. „Ich ermutige junge Menschen, nicht nur in ihrer Heimatstadt oder ihrem Wunschberuf nach einem Ausbildungsplatz zu suchen.“

Hinzu kommt allerdings ein weiteres Problem: Das Image der Ausbildung. Zwar gilt das duale System weltweit als besonders angesehen, allerdings zeigt eine Erhebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in NRW die Defizite während der Ausbildungsphase auf. Beim alljährlich erhobenen Ausbildungsreport gaben zwar 68,7 Prozent der Befragten an, sie seien mit der Ausbildung zufrieden. Allerdings hat dieser Wert im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Jahren deutlich abgenommen. Am unzufriedensten zeigten sich demnach die Lehrlinge im Lebensmittelhandwerk, Friseure und Hotelfachleute. Die drängendsten Probleme sind laut DGB NRW lange Arbeitszeiten und häufige Überstunden. So gaben 35 Prozent der Befragten an, länger als vertraglich vereinbart arbeiten zu müssen. Dies galt vor allem für Hotelfachleute, Tischler und zahnmedizinische Angestellte. Im Durchschnitt mussten die Azubis, die zu Überstunden verdonnert wurden, 4,3 Stunden länger arbeiten. Höchstwerte erreichten die Köche mit durchschnittlich 7,8 Stunden. Daneben beklagten die Lehrlinge mangelnde Ausbildungsqualität und die schlechte Vergütung. Als besonders zufrieden gelten hingegen Mechatroniker, Bankkaufleute und Industriemechaniker.

Die Chancen nach erfolgreich absolvierter Ausbildung sind im Übrigen rosig. Nach Angaben von IW-Expertin Flake gelingt es 80 Prozent aller Ausbildungsabsolventen nach ihrem Abschluss ein nahtloser Übergang in den Arbeitsmarkt.