Ärztepräsident Montgomery im Interview: „1000 zusätzliche Medizinstudienplätze“

Ärztepräsident Montgomery im Interview: „1000 zusätzliche Medizinstudienplätze“

Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery spricht im Interview mit unserer Redaktion über ethische Fragen der Medizin und die Personalknappheit in Krankenhäusern. Zudem fordert er Personaluntergrenzen für Klinikärzte.

In China sind die ersten Babys zur Welt gekommen, deren Gene verändert wurden. Wie dramatisch ist diese Entwicklung?

Montgomery Das ist ein sehr gefährliches Signal, das aussendet: Alles was möglich ist, wird auch gemacht – aus Ruhmsucht oder aus materiellem Streben. In der seriösen Wissenschaftler-Gemeinde ist das Verfahren seit zehn Jahren bekannt. Sie hat sich aber darauf verständigt, dieses Verfahren aus ethischen Gründen nicht am Menschen anzuwenden.

Nach der deutschen Gesetzeslage dürfen solche Verfahren nicht angewendet werden. Könnte der gesellschaftliche Druck wachsen, Gene zu verändern und Design-Babys zu schaffen?

Montgomery Die Debatte um embryonale Stammzellen hat bis heute nicht eingelöst, was man damals erwartet hatte. Man hört nichts mehr davon. Es wird interessierte Gruppen geben, die den Druck erhöhen, weil sie ihre finanzielle oder ruhmreiche Zukunft in solchen Projekten sehen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es in Deutschland eine Mehrheit für die Legalisierung von Genmanipulationen am Menschen gibt.

Und international?

Montgomery Wir brauchen auf dem Niveau der UNO einen international verbindlichen Kodex für Wissenschaftler, welche Forschungsprojekte mit medizinisch-ethischen Standards vereinbar sind und welche nicht. Der Weltärztebund hat bereits ein entsprechendes Papier verabschiedet. Wir müssen sicherstellen, dass die Erschaffung genveränderter Menschen ein Tabu bleibt.

Wie bewerten Sie die sogenannten Pränatests zur Erkennung des Down-Syndroms bei ungeborenen Kindern?

Montgomery Es ist wichtig, ethische Fragen im Zusammenhang mit diesen Tests breit gesellschaftlich und parlamentarisch zu diskutieren. Aber festzuhalten ist auch, der Pränatest ist ein Ersatz für die Gebärmutterpunktion mit einer höheren Sicherheit für die ungeborenen Kinder. Deshalb ist es überhaupt nicht einzusehen, dass man den Frauen das risikoreichere Verfahren zumutet. Es geht nicht, dass der Pränatest privat finanziert werden muss, während die Krankenkassen die Gebärmutterpunktion übernehmen. Ich persönlich meine, der Pränatest sollte allen Frauen mit Risikoschwangerschaft auch als Kassenleistung zugänglich gemacht werden.

Führt das nicht zu einem gesellschaftlichen Druck, dass Kinder mit Down-Syndrom auch abgetrieben werden?

Montgomery Nein, den Druck sehe ich so nicht. Wir dürfen den Eltern solche Informationen nicht vorenthalten. Sie brauchen dann aber auch Hilfen und Beratung, wie sie damit umgehen. Von vornherein zu sagen: Wir wollen sie im Unklaren lassen, das halte ich für den falschen Weg.

  • Gesundheitspolitik : 5000 offen Stellen für Klinikärzte

Ein zentrales ethisches Thema, das in Deutschland auch debattiert wird, ist die Organspende. Warum spricht sich die Ärzteschaft für die Widerspruchslösung aus?

Montgomery Sie ist der sinnvolle und vernünftige Weg. 85 Prozent der Bevölkerung sprechen sich für die Organspende aus. Knapp 40 Prozent haben auch einen Organspendeausweis. Wenn sich aber die Situation stellt, ist der Wille des Patienten dennoch oft schwer zu ermitteln, weil der Ausweis nicht auffindbar ist oder weil die Angehörigen ihn nicht kennen. Bei einer Widerspruchslösung würde das schwierige Gespräch mit den Angehörigen unter anderen Voraussetzungen stattfinden. Klar ist auch: Wenn es nur den leisesten Zweifel gibt und Angehörige widersprechen, muss schon aus Pietät vor deren Trauer auf eine Organspende verzichtet werden. Und selbst wenn eine Widerspruchslösung in Deutschland nicht durchsetzbar ist, muss man die Menschen zumindest in regelmäßigen Abständen auffordern, sich zu dem Thema zu bekennen: Ja, nein oder ich weiß nicht – zu sagen.

Sind die Kliniken überhaupt flächendeckend in der Lage, im Fall der Fälle Organe zu entnehmen?

Montgomery Es gibt ja einen Gesetzentwurf, der die Voraussetzungen und die Bedingungen für die Organspende in Kliniken verbessert. In großen Kliniken ist die Organentnahme schon heute kein Problem. Kleinere Kliniken brauchen Teams, die ihnen helfen und einen Transplantationsbeauftragten, der im Fall der Fälle das Team auch holt. Und dann bedarf es auch einer ausreichenden Finanzierung.

Für Pflegepersonal auf Intensivstationen wird es künftig eine Untergrenze geben. Wie sieht das bei Ärzten aus. Brauchen die auch eine Untergrenze?

Montgomery Ja, selbstverständlich. Ich verstehe nicht, warum in der Frage der Personaluntergrenze Pflegepersonal und Ärzte unterschiedlich behandelt werden. Die Arbeitsbelastung ist sowohl für die Pflegekräfte wie auch für die Ärzte im Krankenhaus ausgesprochen hoch. In beiden Berufsgruppen gibt es hohe Burnout-Quoten. Die Arbeitsverdichtung in den Krankenhäusern kann nur durch mehr Personal kompensiert werden.

Ist die Personalnot bei Ärzten genauso groß wie in der Pflege?

Montgomery Die Belastung mit Überstunden ist bei Ärzten sogar deutlich höher als beim Pflegepersonal, das ja in der Regel im Schichtdienst arbeitet. Was die Belastung angeht, gerade auch die körperliche, ist die Situation für beide Berufsgruppen ähnlich. Nicht nur in der Pflege fehlt Personal. Es gibt etwa 5000 offene Stellen für Ärzte in Krankenhäusern. Wir brauchen dringend mehr Studienplätzen.

In welcher Größenordnung?

Montgomery Wir brauchen rund 1000 zusätzliche Studienplätze pro Jahrgang. Diesen Bedarf gibt es schon länger. Es ist ein Grundübel, dass die Länder ihren Finanzierungsverpflichtungen nicht ausreichend nachkommen.

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