Weiterer Beschuldigter im Missbrauchsskandal von Lügde

Missbrauchsverdacht : Weiterer Beschuldigter im Fall Lügde

Der Missbrauchsskandal in Lügde weitet sich aus. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft auch gegen einen 21-Jährigen. Erste Anklagen könnten schon Ende der Woche vorliegen. Zudem wird ein Untersuchungsausschuss wahrscheinlich. Ein Beschuldigter könnte vor Gericht aussagen, sagt sein Verteidiger.

Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt gegen einen weiteren Beschuldigten im Fall Lügde. Das gab die Behörde am Mittwoch bekannt. Zuvor hatte das Justizministerium dem Rechtsausschuss im Landtag bereits vertraulich über den Fall berichtet. Demnach wird gegen einen 21-Jährigen ermittelt, weil der Haupttäter Andreas V. diesen schriftlich belastet habe. Der 21-Jährige werde des „schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie des Besitzes kinderpornografhischer Schriften“ beschuldigt, heißt es im Bericht an den Rechtsausschuss, der unserer Redaktion vorliegt. Bei dem jungen Mann hält die Staatsanwaltschaft allerdings für möglich, dass er selbst Opfer der Missbrauchskette ist. Er ist laut Bericht an den Landtag „geistig eingeschränkt“ und steht unter gesetzlicher Betreuung.

Bisher unbekannte Ermittlungen gegen die 63-jährige Mutter eines Mädchens wegen des Verdachts auf Beihilfe zum sexuellen Missbrauch wurden dem Ausschuss ebenfalls mitgeteilt. Sie wurden allerdings mittlerweile von der Staatsanwaltschaft eingestellt, wie diese mitteilte. Unterdessen heißt es in Justizkreisen, dass die Staatsanwälte möglicherweise schon diese Woche die ersten Anklagen fertigstellen werden. Dann könnte in einigen Wochen ein erster Prozess vor dem Detmolder Landgericht beginnen. Insgesamt wird gegen acht Personen ermittelt, einschließlich des Hauptverdächtigen Andreas V. sitzen drei in Untersuchungshaft.

Es geht darum, dass auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde mehrere Männer mehr als 40 Kinder und Jugendliche missbraucht haben sollen. Anfangs war die Kreispolizeibehörde Lippe für den Fall zuständig, dort war es aber zu Ermittlungspannen gekommen. Später stellte sich dann heraus, dass die Polizei bei der Durchsuchung der Campingparzelle nicht sorgfältig genug gearbeitet hatte; ein Abrissunternehmer fand später noch weiteres Beweismaterial. Die SPD im Landtag forderte darum den Rücktritt von Innenminister Herbert Reul (CDU). „Die Dimension wird immer größer“, sagte Hartmut Ganzke, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion.

Die Polizei hat mittlerweile große Mengen Material zusammengetragen. 80 Prozent der gefundenen Datenträger seien von der Ermittlungsgruppe ausgewertet worden, heißt es im Bericht an den Rechtsausschuss. Dabei seien fünf Millionen Fotos und rund 218.000 Video-Dateien ausgewertet worden. Zwei Drittel dieser Dateien waren zwar gelöscht worden, konnten aber wiederhergestellt werden. Das Ergebnis ist offenbar eindeutig: Rund 31.000 Bilder und 11.000 Videos seien dem Bereich Kinder- und Jugendpornografie zuzuordnen. Wie viele dieser Bilder von den Verdächtigen aufgenommen wurden, ist aber noch unklar.

Unterdessen zeichnet sich bei zwei der drei in Untersuchungshaft sitzenden Beschuldigten ab, dass sie ihre Taten wenigstens teilweise vor Gericht gestehen werden. „Ich werde meinem Mandanten raten, vor Gericht eine Aussage zu machen“, sagte Jürgen Bogner, der den 34-jährigen Arbeitslosen Mario S. aus Steinheim als Pfichtverteidiger vertritt, unserer Redaktion. Er habe umfangreiche Akteneinsicht gehabt. Er habe auch mit der Mutter des Beschuldigten gesprochen, allerdings nicht über die Vorwürfe, sondern um die von Mario. S. genutzte Camping-Platz-Parzelle.

Für ein Geständnis vor Gericht spreche unter anderem, dass dies im Falle der Verurteilung zu einem weniger harten Urteil führen könne. Es würde dem Gericht insbesondere erleichtern, auf die Vernehmung von Opfern zu verzichten, um diese nicht weiter zu belasten:

Der 48-jährige Heiko V. aus Staade, der an zwei Sex-Video-Chats teilgenommen haben soll, sei geständig, berichtete die „Neue Westfälische“. Sein Anwalt habe Haftprüfung beantragt, über die nun vom Oberlandesgericht Hamm entschieden werden müsse. Dabei spiele auch eine Rolle, dass der Handwerker sich von Mitgefangenen bedroht fühle. Sein Anwalt sagte, er habe den Kontakt zum vermeintlichen Haupttäter Andreas V. abgebrochen, nachdem dieser ihn nach einer Chat-Konversation eingeladen habe.

Wegen der vielen Ungereimtheiten im Fall Lügde strebt die Opposition im Landtag einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss an. Die AfD ist seit Anfang April dafür, Anfang der Woche äußerten sich nun auch die Grünen in diesem Sinne. Die innenpolitische Sprecherin der Fraktion, Verena Schäffer, sagte: „Damit wir uns selbst ein Bild von möglichen strukturellen Defiziten machen können, muss es einen Untersuchungsausschuss geben.“

Allerdings will die Partei die Anklage der Staatsanwaltschaft abwarten. Da dies nun schnell geschehen könnte, könnte auch der Untersuchungsausschuss bald auf den Weg gebracht werden. Da die Stimmen von AfD und Grünen nicht ausreichen, ist die Zustimmung der SPD erforderlich. Dort will man ebenfalls die Anklage abwarten. Aus Parteikreisen aber heißt es: „Ein Untersuchungsausschuss rückt für uns jeden Tag näher.“

Ein Untersuchungsausschuss könnte für Innenminister Reul ungemütlich werden. Er steht seit Monaten wegen der schleppenden Aufklärung der Missbrauchsfälle und eklatanter Ermittlungsfehler in der Kritik. Reul schloss auf dem Landesparteitag der CDU am Wochenende aber einen Rücktritt, wie ihn doie SPD gefordert hat, aus. Angela Erwin, rechtspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, sagte zu einem Untersuchungsausschuss: „Die Antragstellung ist noch nicht erfolgt. Wenn ein entsprechender Antrag vorliegt, werden wir uns damit befassen.“