Düsseldorf: Zwei Gipfelstürmer – 15 und 55

Düsseldorf: Zwei Gipfelstürmer – 15 und 55

Ein Teenager aus Kalifornien, Jordan Romero, hat die höchsten Berge aller Kontinente bestiegen – unter ihnen den Mount Everest. Hans Kammerlander war 1996 im Himalaja. Im Januar kehrte er aus der Antarktis zurück.

Hans Kammerlander ist unter den berühmten Bergsteigern ein alter Hase. Der 55-Jährige aus Südtirol stand auf 13 der 14 Achttausender, der weltweit höchsten Gipfel, und bei all diesen Expeditionen verzichtete er in der Todeszone über 7500 Meter Höhe auf Flaschen mit Sauerstoff. Anfang des Jahres erfüllte sich der kleine, drahtige Mann nun einen weiteren Traum. Er war der Erste, der die zweithöchsten Berge aller Kontinente meisterte, die Seven Second Summits. Letzte Station war im Januar der 4852 Meter hohe Mount Tyree in der Antarktis mit 2200 Höhenmetern über eine blanke Eisflanke.

Jordan Romero ist 40 Jahre jünger als die Kletterlegende vom Pustertal. Mit 15 hat der Lockenkopf aus den USA die höchsten Berge aller sieben Kontinente erklommen – als jüngster Mensch aller Zeiten. Auch er beendete die Serie in der Antarktis, Heiligabend 2011 auf dem 4892 Meter hohen Mount Vinson, und übertraf so den Rekord des Briten George Atkinson, der die Seven Summits mit 16 bewältigt hatte. Der Kalifornier, der schon als Zehnjähriger auf dem Kilimandscharo in Afrika war und zu dessen sportlichen Aktivitäten auch Skateboard- und Skifahren, Mountainbiking und Marathonlaufen gehören, hat damit zum zweiten Mal Bergsteiger-Geschichte geschrieben. Schon mit 13 stand der Gipfelstürmer auf dem Mount Everest, dem mit 8850 Meter größten Giganten. Zum Dach der Welt begleitet wurde er von Vater Paul Romero und dessen Lebensgefährtin Karen Lundgren. "Meine Familie ist mein Team", schreibt Romero auf seiner Homepage. Sie wählten die Nordroute von der chinesischen Seite. In Nepal hätte Jordan mit 13 keine Erlaubnis für einen Aufstieg erhalten.

"Bergsüchtig" lautet der Titel eines 1999 erschienenen Buchs, das Hans Kammerlander mit dem aus Frankfurt am Main stammenden Journalisten Walther Lücker geschrieben hat. Bergsucht ist es, die ihn auch heute zu waghalsigen Unternehmungen treibt. "Es ist eine Passion", sagt er. "Man muss neue Ziele so setzen, dass sie zu einem passen. Die steilen Felshänge machen die Jungen, da sind wir Ältere weg vom Fenster. Ich habe heute nicht mehr das Gefühl, den Wettlauf durchzumachen wie viele Jahre vorher." Die Antarktis hatte ihn noch einmal gepackt. Auf dem Weg zum Mount Tyree habe er viele Südpoltouristen gesehen, "die wie die Pinguine watschelten".

Die zweithöchsten Berge der sieben Kontinente gelten als größere, anspruchsvollere Herausforderung im Vergleich zu den sieben höchsten. "Sie sind viel schwerer", erklärt Kammerlander. "Der K2 ist dabei. Er ist der schwerste Berg der Welt." Der Leistung von Jordan Romero, der in Big Bear Lake lebt, einem 29 000-Seelen-Ort östlich von Los Angeles, zollt er einerseits Anerkennung. "Sie ist schon toll, das muss man sagen", sagt der Italiener, der 1996 auf dem Gipfel stand und von dort mit Skiern ins Basislager herunterfuhr. Dass der Teenager auf den Everest stieg, war in seinen Augen allerdings riskant: "Ein bisschen verrückt, ein bisschen verantwortungslos. Ich würde als Vater meinen 13-jährigen Sohn nicht mitnehmen. Der Bub ist noch ein Kind. Auch wenn Sherpas dabei waren, ist ein Restrisiko einfach da. Ich finde es ein bisschen übertrieben, genauso, wie man Beinamputierte und Blinde nach oben führt." Schon mehr als 210 Menschen starben am Everest.

Natürlich löst das Vordringen eines so jungen Menschen in die eisigen Höhen des Mount Everest zwiespältige Reaktionen aus: Bewunderung und Ablehnung. "Vom Medizinischen und von der Erfahrung her ist er theoretisch viel zu jung", sagt der Münchner Sportmediziner Walter Treibel, Vorsitzender der Sektion Oberland im Deutschen Alpenverein, über Romeros Everest-Abenteuer mit 13. "Ich empfehle, Jugendliche erst mit 14 zum Trekking in den Himalaja mitzunehmen. Bei Romero ist es etwas anders. Er betreibt das Höhenbergsteigen schon seit dem zehnten Lebensjahr. Und er macht es nicht, weil die Eltern es so wollen. Kein Kind kann von den Eltern angetrieben werden, wenn es das nicht selber will – gerade bei den schwierigen, hohen Gipfeln."

"Es ist ein Risiko, und es sollte nicht die Regel werden. Man kann aber nicht sagen, es sei völlig unverantwortlich gewesen und er habe nur Glück gehabt", betont Treibel, der im Himalaja auf drei Achttausendern war (Everest-Südgipfel/8750 Meter, Gasherbrum II und Cho Oyu). "Was die Höhe betrifft, so sind jüngere Leute bis zu ungefähr 25 Jahren mehr gefährdet als die über 25. Die beste Zeit zum Höhensteigen ist zwischen 30 und 50 Jahren. Jüngere haben noch nicht so viel Erfahrung, und sie können eher höhenkrank werden. Sie haben zwar meist eine gute Kondition, aber sie rennen leicht zu schnell los. Und: Das Gewebe im Lungenkreislauf ist bei ihnen relativ steif und fest. Dadurch entsteht dort eher ein Überdruck und damit das gefährliche Lungenödem. Bei Älteren ist das Gewebe lockerer, die Lungen geraten nicht so unter Druck."

(RP)
Mehr von RP ONLINE