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WM-Protest mit Pfeil und Bogen

Proteste in Brasilien : Mit Pfeil und Bogen gegen die WM

Brasilianische Ureinwohner kämpfen auf den Straßen der Hauptstadt Brasilia für mehr Rechte und gegen die Fifa.

Die Szenen haben Sprengkraft: Brasilianische Ureinwohner, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, kämpfen gegen die bestens ausgerüstete Staatsmacht. Bis zu 2000 Demonstranten, so berichteten es Augenzeugen aus der Hauptstadt Brasilia, lieferten sich mit der Polizei eine Straßenschlacht. Die spektakulären Bilder des ungleichen Kampfes gingen anschließend um die Welt und zeigen die Verwundbarkeit der Veranstaltung. Die Wut der indigenen Gemeinden richtet sich vor allem gegen die völlig aus dem Ruder gelaufenen Kosten und gegen den Weltverband, der als Kolonialmacht wahrgenommen wird. Gepaart mit der Kritik der Obdachlosenverbände, die auf die unbezahlbaren Mieten in der Nähe der WM-Bauten verweisen, ist das eine gefährliche Mischung. Gewalt gegen die indigenen Ureinwohner, die sich gegen den Einfluss der "Kolonialmacht Fifa" wehren, ist in Brasilien angesichts der Geschichte des Landes ein sehr sensibles und emotional aufgeladenes Thema. Schon am Abend nach den Konflikten gab es in den sozialen Netzwerken Solidaritätsbekundungen. Die 305 Stämme Brasiliens verfügen zwar über in der Verfassung geschützte Rechte, die Realität sieht aber anders aus: Landvertreibungen und Gewalt von Großgrundbesitzern sorgten dafür, dass sie kaum noch auf ihren angestammten Territorien leben können. Auch dagegen wollten die Ureinwohner demonstrieren, die Weltmeisterschaft bietet ihnen eine Bühne, das lange verdrängte Thema auch international bekannt zu machen.

Der große Flächenbrand, wie es ihn beim Confed-Cup 2013 in Brasilien gab, als Hunderttausende auf die Straße gingen, ist das allerdings noch nicht. Doch die Anzahl an Streiks und Protestankündigungen wächst mit jedem Tag, an dem die WM näher rückt. Und ein Funke reicht, um die Proteste wieder zu einer Massenveranstaltung mutieren zu lassen.

Brasiliens Regierung reagiert auf die neuerlichen Proteste mit einem Kurswechsel. Sportstaatssekretär Luis Fernandes kritisierte gegenüber unserer Zeitung die Erwartungshaltung der Industrienationen gegenüber Brasilien. Als Beispiel nannte er den verheerenden Brand in einer Disco vor gut zwei Jahren, als bei der Tragödie fast 200 Menschen in einem Provinzstadt ums Leben kamen und die internationalen Medien die Fähigkeit Brasiliens in Frage stellten, Großevents organisieren zu können. "Passiert so etwas in Russland oder Frankreich, dann werden solche Fragen nicht gestellt." Bereits vor einer Woche hatte Sportminister Aldo Rebelo von einer Kampagne der internationalen Medien gegen Brasilien gesprochen.

Die Kritik der Demonstranten kann Fernandes allerdings nicht entkräften. "Welchen nachhaltigen Gewinn Brasilien aus der WM ziehen wird, wird sich erst nach der WM zeigen." Der Confed-Cup habe allerdings gezeigt, dass das Land vor allem im Tourismussektor von dem Turnier profitiert habe. Man werde aus den Fehlern lernen, verspricht Fernandes mit Blick auf die Olympischen Spiele. Es sei der Regierung nicht gut genug gelungen, die Vorteile zu kommunizieren, die eine WM für ein Land bringen werden. Bei den Olympischen Spielen werde man das bessermachen und besser kommunizieren: "Rio de Janeiro wird nach Olympia 2016 eine fantastische Stadt sein."

Große Sorgen machen sich die Veranstalter unterdessen um die Streiks im Land. Weil der öffentliche Nahverkehr in vielen Städten nahezu komplett zum Erliegen kam, basteln die WM-Organisatoren an einem Notfallplan, um den Transport während des Turniers sicherzustellen, falls gestreikt wird.

Sportstaatssekretär Luis Fernandes versucht unterdessen, die bösen Gespenster zu vertreiben. Er glaubt, dass all die Diskussion rund um Kostenexplosionen, Verspätungen und Korruption in zwei, drei Wochen ein Ende haben werden: "Ich bin sicher, Brasilien wird die Welt überraschen. Wir werden eine exzellente WM erleben."

Hier geht es zur Bilderstrecke: Brasilien: Indianer protestieren mit Pfeil und Bogen

(RP)