Vierschanzentournee 2018/19: Fragen und Antworten zu Favoriten und Rivalen

Favoriten, deutsche Athleten und Besucher : Was Sie über die Vierschanzentournee wissen müssen

Die Sehnsucht nach dem ersten Triumph bei der Vierschanzentournee seit fast 17 Jahren ist im Lager der deutschen Skispringer groß. Aber welcher DSV-Adler kann um den Tourneesieg springen? Der frühere Skispringer Thomas Morgenstern gibt vor dem Start am Samstag Antworten.

In Sven Hannawald gewann 2002 zum letzten Mal ein Deutscher die Vierschanzentournee. Ab Sonntag nehmen die deutschen Skispringer einen neuen Anlauf auf den nächsten deutschen Triumph bei dem traditionsreichen Wettbewerb. Gleich mehreren DSV-Adlern sind in diesem Jahr Siege bei den vier Springen in Deutschland und Österreich zu zutrauen. Topfavorit ist aber ein anderer. Gleichzeitig könnte Vorjahressieger Kamil Stoch einen weiteren Tournee-Rekord knacken.

Wer sind die Favoriten auf den Sieg bei der Vierschanzentournee 2018/19?

Wer vor der Vierschanzentournee den Weltcup anführt, der gehört automatisch auch zu den Topfavoriten für den Gesamtsieg bei der Tournee. In diesem Jahr hat ein neuer Überflieger die Skisprungszene überrascht: Der Japaner Ryoyu Kobayashi hat vier der bisherigen sieben Weltcups gewonnen. Zwei Mal landete er auf dem dritten Rang. In der vergangenen Saison schaffte es Kobayashi nicht ein Mal unter die besten Fünf. Bei den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang war er als Siebter (Normalschanze) und Zehnter (Großschanze) aber bereits bester Japaner.

Vor dieser Saison hat der 22-Jährige an seiner Technik gearbeitet. „Kobayashi ist der Topfavorit auf den Titel. Er springt dieses Jahr am stärksten“, sagt der frühere österreichische Skispringer Thomas Morgenstern. Die Siege zu Beginn der Saison würden auch für das nötige Selbstbewusstsein für eine gute Tournee sorgen. „Er wirkt nicht so, als könne ihn bei fairen Windbedingungen derzeit irgendetwas verunsichern“, sagt Morgenstern. Der Tournee-Sieger von 2010/11 kennt selbst das Gefühl, als Favorit zur Tournee zu reisen.

Nicht unterschätzen dürfe man Vorjahressieger Kamil Stoch. Der Pole habe in dieser Saison zwar noch keinen Weltcup gewonnen, sei aber ebenfalls sehr stabil in seinen Sprüngen. „Kamil ist nicht mehr in der Pflicht, das Ganze gewinnen zu müssen. Er kann befreit springen“, sagt Morgenstern und sieht darin einen Vorteil des Olympiasiegers gegenüber dem jungen Japaner.

Der inzwischen 31 Jahre alte Stoch hatte in der vergangenen Saison alle vier Springen des Zwei-Länder-Wettbewerbs gewonnen. Das war zuvor erst einem gelungen: Sven Hannawald bei seinem Triumph 2002. In diesem Jahr könnte Stoch zum dritten Mal in Folge die Tournee gewinne. Auch das schaffte bisher erst ein Springer: Norwegens Legende Björn Wirkola in den Jahren 1967 bis 69.

Konkurrenz hat Stoch in diesem Jahr aber auch aus dem eigenen Team. Piotr Zyla scheint in seiner zwölften Weltcupsaison zum ersten Mal konstant in der Weltspitze mitspringen zu können. Er liegt vor Stoch auf Platz zwei im Weltcup.
Morgenstern hat aber auch noch einen Geheimfavoriten: den Russen Jewgeni Klimow. „Er hat immerhin das Auftaktspringen gewonnen und im Sommer gezeigt, wie gut er ist. Er ist immer für eine Überraschung gut“, sagt Morgenstern. Aber auch die Norweger könnten zum Beispiel mit Robert Johansson um den Sieg springen. Die DSV-Springer würden ebenso zum erweiterten Favoritenkreis gehören.

Für seine Landsleute müsse bei dieser Tournee viel passen, damit etwa Stefan Kraft oder Daniel Huber Chancen auf den Titel haben. Kraft, Tournee-Sieger von 2015, liege allerdings die Schanze in Oberstdorf, sagt Morgenstern. Und im Skispringen reicht oft schon ein guter Wettkampf, um wieder zu alter Sprungform und zum Erfolg zu finden. „Vor dem ersten Springen ist es schwierig, die Favoriten auszumachen. In Oberstdorf setzen sich dann meist schon fünf bis acht Springer ab“, sagt Morgenstern. Zudem sei in diesem Jahr die Pause zwischen dem letzten Weltcup und dem Tour-Start sehr lang gewesen. „Da hatten die Teams viel Zeit für individuelle Trainingseinheiten und die Optimierung des Materials“, sagt der frühere Vierschanzentourneesieger.

Wie steht es genau um die Chancen der DSV-Springer?

Die Sehnsucht der deutschen Skispringer und ihrer Fans nach dem goldenen Adler ist groß. Und Karl Geiger hat mit dem ersten Weltcup-Sieg seiner Karriere die deutschen Hoffnungen auf einen Tournee-Sieg neu entfacht. Er gewann die Tour-Generalprobe vor Weihnachten in Engelberg souverän. Geiger sagt von sich selbst, dass er so gut springt wie noch nie. Und tatsächlich landete der 25-Jährige in den ersten sieben Weltcups der Saison immer unter den besten Zehn. „Er hat jetzt mal den ersten Sieg angeschrieben. Das war schon ein starkes Zeichen an die Kollegen“, sagt Morgenstern.
Die Tournee startet traditionell in Oberstdorf, der Heimat von Geiger. Das kann motivieren, der Druck kann aber auch groß werden. Geiger muss beweisen, dass er nicht nur den eigenen, sondern auch den Erwartungen der Fans und Experten standhalten kann. Gelingt es ihm, konzentriert zu bleiben und seine Sprünge technisch sauber auf die vier Schanzen zu bringen, kann er um den Gesamtsieg mitspringen. „Es ist wichtig, gut in die Tournee zu starten. Du kannst sie in Oberstdorf zwar nicht gewinnen, aber schon verlieren“, sagt Morgenstern. Das gilt allerdings für alle Favoriten.

Im deutschen Team sieht der Österreicher neben Geiger noch zwei bis drei weitere potenzielle Siegspringer. In dem Willinger Stephan Leyhe und in Olympiasieger Andreas Wellinger sprangen zwei weitere Deutsche diese Saison bereits auf das Podest. Beide können auch bei den vier Springen in Deutschland und Österreich um die vorderen Plätz mitspringen. Genauso wie Markus Eisenbichler haben sie aber auch gezeigt, dass sie ihre Leistung bisher nicht konstant abrufen können. Genau das aber ist bei der Tournee gefragt.

In diesem Jahr gehört Richard Freitag zu den Sorgenkindern von Bundestrainer Werner Schuster. Freitag verpasste zum Saisonstart mehrfach den zweiten Durchgang. Und auch der von seinen beiden Kreuzbandrissen wiedergenesene Severin Freund gehört erwartungsgemäß noch nicht zu den Top-Ten-Springern.

Was erwartet die Skispringer an den vier Tournee-Orten?

Mit Oberstdorf, Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen warten vier Schanzen mit teils sehr unterschiedlichen Profilen bei Anlauf, Flugbahn und Aufsprung auf die Athleten. Und auch die Wetterbedingungen sind vor allem beim Neujahrsspringen und an der Bergiselschanze in Innsbruck oft unberechenbar. Ein Sturz im Innsbruck kostete zum Beispiel im vergangenen Jahr Richard Freitag die Chance auf den Gesamtsieg. Das Auftaktspringen in Oberstdorf ist seit Wochen ausverkauft. Vor allem nach den guten Leistungen von Lokalmatador Geiger war der Ansturm auf die Tickets groß. 35.000 Zuschauer werden die Springer anfeuern. Thomas Morgenstern erwartet einen „lässigen Hexenkessel“ in Oberstdorf. „Der Sieg von Karl Geiger war positive Werbung“, sagt Morgenstern, „die Fans werden ordentlich Stimmung für ihn und die anderen Deutschen machen“.

Auch in Garmisch-Partenkirchen, Innsbruck und Bischofshofen werden die Skisprungarenen voll mit Fans sein, die die schwarz-rot-goldenen und rot-weiß-roten Fahnen für die deutschen und österreichischen Springer schwenken. „Für die wäre es natürlich toll, wenn Springer aus beiden Nationen lange um den Gesamtsieg mitspringen könnten“, sagt Morgenstern. Insgesamt rechnen die Veranstalter der Tournee mit 100.000 Besuchern.

Wie steht es um die Rivalität zwischen Deutschen und Österreichern bei der Tournee?

Traditionell geht es bei der Vierschanzentournee auch immer um die Konkurrenz zwischen den beiden Austragungsnationen Deutschland und Österreich. „Es ist immer eine gesunde Rivalität zwischen den beiden Ländern. Die Springer verstehen sich sehr gut, aber für die Fans ist es natürlich eine schöner Wettbewerb“, sagt Morgenstern.

In den vergangenen zehn Jahren war die Vorherrschaft allerdings ziemlich klar: Von 2009 bis 2015 gewann immer ein ÖSV-Springer die Tournee. Die Deutschen blieben weitestgehend chancenlos. 2016 und 2018 verloren Severin Freund und Richard Freitag dann ihre Siegchancen ausgerechnet durch Stürze in Innsbruck. Die Österreicher mussten allerdings in den vergangenen drei Jahren auch anderen beim Gesamtsieg den Vortritt lassen. Nach Rücktritten und Formschwächen einiger Springer aus der Generation der sogenannten österreichischen „Superadler“ um Morgenstern, Andreas Kofler, Gregor Schlierenzauer oder Stefan Kraft steckt das ÖSV-Team in der Krise. Deutschlands österreichischer Trainer Werner Schuster hat hingegen inzwischen ein Team geformt, indem mehrere Springer um den Titel springen können.

„Es wäre zu wünschen, dass es in diesem Jahr einen Kampf auf Augenhöhe gibt und beide Nationen bis zum Schluss einen Springer im Rennen haben, der um den Sieg springt“, sagt Morgenstern.

(rent)
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