Skisprung-Weltcup: Ein deutsch-polnisches Fest in Willingen

Skisprung-Weltcup : Ein deutsch-polnisches Fest in Willingen

Einmal im Jahr ist Willingen fest in polnischer Hand. So scheint es zumindest, wenn man beim Skisprung-Weltcup in die Zuschauermenge schaut. Wenn die Sportler dann noch mitspielen, steigt im Hochsauerland eine große deutsch-polnische Party.

Berge an roten Cowboyhüten, weiß-roten Blumenketten und Schals mit der Aufschrift „Polska“ türmen sich auf den vier kleinen Tischen. An dem Pavillon hängen überall polnische Fahnen. Ein Stück nach dem anderen geht über den Tisch. Bei Lukasz können sich die polnischen Fans einkleiden. Zumindest die, die noch nicht ganz in den Landesfarben gehüllt, mit riesigen Fahnen und Tröten ausgestattet zum Skispringen in Willingen kommen. Und selbst die finden für ein neues Fan-Utensil noch Platz um Hals oder Handgelenk.

Von den Parkplätzen aus pilgern sie zu Hunderten an die Mühlenkopfschanze. Zwischen den übrigen Fans sind sie mit ihrer Fankleidung gut zu erkennen - und zu hören. Den ganzen Weg über schallt es aus den polnischen Tröten. „Polska, Polska“, tönt es immer wieder aus den kleinen und großen polnischen Gruppen.

Einmal im Jahr ist Willingen fest in der Hand der Skisprungfans – und in polnischer Hand. Die Polen sind skisprungverrückt, spätestens seit den Erfolgen von Adam Malysz Anfang der 2000er Jahre. Dank Kamil Stoch ist die Euphorie gar nicht erst abgeklungen. Und so ist der Weltcup in Willingen für viele Polen aus dem nahegelegenen Ruhrgebiet, aus Hessen oder Niedersachsen die einzige Chance, ihre Skisprung-Helden zu bejubeln.

Auch Gregor Schmidt und seine Freunde sind vom Parkplatz aus auf dem Weg zur Skisprungschanze. Alle tragen sie Polen-Schals und -Mützen. Auch die kleinen Töchter sind schon dabei. Zu zwölft sind sie nach Willingen gekommen. Sie kommen aus Duisburg und Dortmund, fünf von ihnen sind aber extra aus Dänemark angereist, um „König Kamil“ siegen zu sehen – das hoffen sie zumindest. Aber eigentlich fiebern sie mit all ihren Springern mit – Dawid Kubacki, Piotr Zyla, Stefan Hula. „Am besten wäre es, wenn nachher drei Polen auf dem Treppchen stehen“, sagt Schmidt. Der Sieg des polnischen Teams am Vortag hat schon mal für den passenden Startschuss zur polnischen Party im Sauerland gesorgt. „Aber die ist ja eigentlich immer bombe hier“, sagt Schmidt.

Vor der großen Leinwand am Auslauf der Schanze haben sich die kleinen Trüppchen dann pünktlich zum Probedurchgang zusammengefunden. Blickt man in die Runde, sieht man meterweit nur weiß-rote Mützen, Fanclubs aus Peine, junge Frauen mit weiß-roten Blumenketten im Haar. Von den 23.5000 Menschen im Stadion sind fast genauso viele polnische Fans wie deutsche.

Auch Marta Zak und Johanna Karpinska haben sich vorher noch bei Lukasz eingedeckt und warten nun darauf, ihre Springer anzufeuern. „Als Polonia wollen wir doch - wann immer es geht - dabei sein und unsere Sportler anfeuern und gemeinsam feiern“, sagt Zak. Natürlich drückt sie vor allem den polnischen Springern die Daumen. „Aber wir feuern auch alle anderen an“, sagt sie. Darum gehe es im Sport doch immerhin – um Integration, gemeinsames Feiern und Fairness.

Währenddessen sind die ersten Springer schon gelandet. Als der erste Pole dran ist, wird es zum ersten Mal richtig laut im Stadion. Die polnischen Fahnen werden geschwenkt. Ein paar kleine Mädchen stehen mit gebastelten Herzen in den polnischen Landesfarben in der ersten Reihe. „Polska“ steht darauf. Wenig später auch die ersten Autogramme von Skispringern aus Japan, Österreich, Deutschland – und, na klar, auch aus Polen. Als Piotr Zyla für die Unterschrift stehen bleibt, strahlen die beiden übers ganze Gesicht. Dann müssen sie aber auch schon wieder Stoch anfeuern.

Der Wettkampf wird dann zur perfekten deutsch-polnischen Party. Die Sonne ist zwar langsam hinter dem Berg verschwunden, im Willinger Hexenkessel heizen Stadionsprecher und Fans die Stimmung aber ordentlich an. Mit verschlossenen Augen erkenne, ob ein deutscher oder polnischer Springer dran ist? Das geht nur, weil das Dröhnen der polnischen Tröten unverkennbar ist. In der Lautstärke stehen sich die Fangruppen in nichts nach. Als Richard Freitag in Führung geht, tobt die Hütte.

Die polnischen Topspringer kommen erst zum Ende des Durchgangs. Und da geht es für die deutsch-polnische Fangemeinde Schlag auf Schlag. DSV-Adler Karl Geiger löst Freitag mit 142 Metern als Führenden ab. Dann springt der Pole Dawid Kubacki 144 Meter. Die polnischen Fahnen lösen die deutschen ab. Kubacki schiebt sich aber nur zwischen Geiger und Freitag. Da findet dann auch noch sein Teamkollege Zyla Platz.

Nur kurz können die Fans durchschnaufen. Der Österreicher Stefan Kraft kann die deutsch-polnische Party aber nicht sprengen. Und dann kommt ja auch noch Polens Ausnahmespringer – Kamil Stoch. Seine Fans unten am Auslaufen geben alles, was ihre Lungen zu geben haben. Das wirkt. Stoch geht in Führung. Die Freude der Zuschauer entlädt sich in einem kollektiven Jubelschrei. Und nochmal, als der Weltcupführende Ryoyu Kobayashi hinter Stoch landet. Das perfekte Drehbuch für eine deutsch-polnische Skisprungshow im zweiten Durchgang ist geschrieben: drei Polen und zwei Deutsche unter den Top Sechs.

Da darf den Fans zum Ende von Durchgang zwei nicht die Puste ausgehen. Richard Freitag macht den Auftakt. „Ihr müsst jetzt für ordentlich Aufwind sorgen“, ruft der Stadionsprecher. Befehl gehört, ausgeführt, Freitag springt in Führung. Da lassen sich die Polen nicht lange bitten und legen bei Kubacki und Zyla noch einen drauf. Beide gehen an Freitag vorbei.

Doch der Showdown kommt erst noch. Geiger wartet oben. Das Stadion unten tobt. Auch die polnischen Fahnen werden für den Obertsdorfer geschwenkt. Angetrieben von der wahnsinnigen Stimmung fliegt er als Erster an diesem Tag über die 150 Meter – 150,5 Meter erscheinen auf der riesigen Anzeigetafel. Geiger jubelt, die deutschen Fans schreien auf. Platz 1. Daran ändert auch der Sprung von Kobayashi nichts.

Eine Hälfte des Stadions wird also an diesem Tag in Freudentaumel verfallen. Deutschland oder Polen? Stoch springt ab. Das Dröhnen hunderter Tröten muss auch zu ihm hinauf tönen. Er hat etwas Vorsprung aus dem ersten Durchgang. Aber: 144,5 Meter reichen nicht. Als dann die Zwei für Stoch aufblinkt, ist das Stadion ein einziges schwarz-rot-gold-weiß-rotes Fahnenmeer. Die deutschen Fans feiern den Sieg, die Polen irgendwie auch - und dazu noch Stochs Platz zwei. Beide Springer werden später sagen, dass sie bei der „wahnsinnigen Atmosphäre“ einen raushauen und den Fans was bieten wollten. Das ist ihnen gelungen. Und den Fans auch – mit einer irren deutsch-polnischen Fanparty. Die mit der Siegerehrung noch nicht zu Ende war.

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