Skispringen: Stephan Leyhe sorgt mit Heimsieg für Jubel-Sturm in Willingen

Erster Sieg für Lokalmatador : Leyhe sorgt mit Heimsieg für Jubel-Sturm in Willingen

Ausgerechnet in seiner Heimat gelingt Skispringer Stephan Leyhe der erste Sieg seiner Karriere. Anders als befürchtet, sorgte der Wind für keine Probleme beim Weltcup in Willingen. Stattdessen ließ Leyhe das Stadion beben.

 Stephan Leyhe steht im Flutlicht auf dem Siegerpodest im Auslauf der Mühlenkopfschanze in Willingen, ganz alleine. Nationalhymne und  Jubelgesänge sind bereits verstummt. Dieser Moment gehört nur ihm. Dem „Willinger Jung“. Zum ersten Mal steht der 28-Jährige  in seiner Karriere bei einem Einzelspringen im Weltcup ganz oben auf dem Podest.  Zum ersten Mal in 25 Jahren Weltcup-Geschichte in Willingen gewinnt ein Willinger Skispringer. Das Waldecker-Lied erklingt, die Hymne der Region. 

In einem spannenden und hochklassigen Wettkampf hatte sich Leyhe nach zwei Sprüngen gegen den Norweger Marius Lindvik und Kamil Stoch aus Polen durchgesetzt. Dabei waren die Vorzeichen für den Skisprung-Weltcup im hessischen Willingen alles andere als gut. Bei Sturm und Orkanböen lässt es sich nicht unbedingt problemlos von der größten Skisprungschanze der Welt springen, die im Sauerland steht und auf der Weiten von 150 Metern möglich sind. Am Ende wurde es zumindest am Samstag doch eine Flugshow und riesige Siegesparty für Lokalmatador Leyhe. Ausgerechnet in seiner Heimat war der DSV-Adler in den vergangenen Jahren nicht durch herausragende Sprünge aufgefallen. Der Druck in der Heimat war für Leyhe oft zu groß.  Nicht so am Samstag.

In einem engen Wettkampf, in dem im zweiten Durchgang eine Bestweite nach der anderen gesprungen wurde, behielt der 28-Jährige vor 23.500 Zuschauern die Nerven und sprang als Zweiter des ersten Durchgangs 144,5 Meter. Die Stimmung um Skistadion kochte. Zum ersten Mal nach 25 Jahren Weltcup in Willingen war für „einen von ihnen“ der Sieg greifbar nahe. Und die deutschen Fans durften auch nach dem letzten Springer des Tages jubeln. Der Stoch fiel noch auf Rang drei hinter Leyhe und  Lindvik zurück. Die Siegesparty im Sauerland war perfekt. Leyhes Teamkollegen fielen ihm in die Arme. Die Fans sangen „Oh, wie ist das schön.“

Leyhe selbst wirkte bei der Siegerehrung entspannt und ergriffen zugleich. Bei der Nationalhymne standen vielen der freiwilligen Helfer und Organisatoren die Tränen in den Augen. „Ich war hier noch nie so relaxed wie heute“, sagte Leyhe. „Ich wusste einfach, dass ich in Topform bin und habe jeden Moment hier genossen.“ Das war ihm schon den ganzen Wettkampf über anzumerken. Der sonst eher zurückhaltende Leyhe klatschte nach jedem Sprung mit den Fans ab. Nach dem ersten Durchgang, bei dem er wie Stoch 139,5 Meter gesprungen war, erwiderte er die Welle der Fans. Am Ende feierte er ausgelassen mit ihnen und seinen Teamkollegen im Auslauf und ließ sich für den Sieg und die Führung in der Willingen-Five-Wertung feiern. Bei der gehen der Qualifikations-Sprung sowie die jeweils zwei Durchgänge der beiden Einzelspringen am Samstag und Sonntag in die Wertung ein. Der Springer, der nach den fünf Sprüngen vorne liegt, bekommt zusätzlich zu den Weltcuppunkten 25.000 Euro Preisgeld für den Willingen-Five-Sieg. Im vergangenen Jahr hatte sich der Japaner Ryoyu Kobayashi die Extra-Wertung gesichert.

Noch am Freitag hatte es dabei so gar nicht nach einer problemlosen Flugshow in Willingen ausgesehen. Der angekündigte Sturm drohte den Athleten und Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung zu machen.  Vier Stunden versuchten es die Organisatoren des Kult-Weltcups am Freitag, Training und Qualifikation durchzubringen. Am Ende vergeblich. Das Training musste wegen des Windes abgebrochen, die Qualifikation verschoben.

Am Samstag um 15 Uhr fand die am Freitag ausgefallene Qualifikation vor dem 1. Durchgang statt. Die Fans im ausverkauften Skistadion an der Mühlenkopfschanze durften sich also zusammen mit dem Training auf insgesamt vier Sprünge der Top-Athleten und traditionell ausgelassene Partystimmung freuen. Seit 25 Jahren findet der Weltcup in Willingen statt. Schwierige Bedingungen – von Schneemangel über Regen und Sturm - sind die Veranstalter und Helfer gewohnt.

Von der Wetterprognose ließen sich auch die Zehntausenden Zuschauer aus der Umgebung, aber auch aus Bayern, Polen oder Österreich, am Samstag nicht abschrecken. Auch viele Fans aus Nordrhein-Westfalen nahmen den Weg ins nahegelegene Sauerland auf sich und pilgerten zur Schanze, um Leyhe, Geiger und Co. fliegen zu sehen. Und in diesem Jahr galt immerhin auch ein Lokalmatador zu den Mitfavoriten auf den Sieg beim Willingen Five. Leyhe landete beim vergangenen Weltcup und Sapporo auf Rang zwei und reiste in Topform in seine Heimat Willingen.

Der 28-Jährige stellte die dann auch im Training und in der Qualifikation unter Beweis. Bei guten Aufwind-Bedingungen sprang Leyhe unter dem Jubel der Fans auf 145,5 Meter. Da kam auch der Gesamtweltcupführende Stefan Kraft aus Österreich als Zweiter der Qualifikation nicht ran. Leyhe stand strahlend im Zielbereich und nahm den Scheck für den Qualifikationssieg entgegen. Danach streifte er sich das rote Trikot für den Führenden in der Willingen-Five-Wertung über und klatschte mit den Fans ab.

Es war also alles vorbereitet für eine Skisprung-Party in Willingen. Der erste Durchgang begann dann auch direkt mit einem Paukenschlag. Der erste Springer des Feldes, Ziga Jelar aus Slowenien, sprang 135 Meter und lag damit lange in Führung. Auch die Deutschen Richard Freitag und Markus Eisenbichler konnten nicht mit dem Slowenen mithalten. Eisenbichler sprang 128 Meter und erreichte damit immerhin als 27. noch den zweiten Durchgang. Richard Freitag hingegen verließ den Zielbereich mit versteinerter Miene. Der in dieser Saison schwächelnde Deutsche kam nur auf 126 Meter und schied aus.

Deutlich besser lief es für Pius Paschke und Constantin Schmid, die problemlos den zweiten Durchgang erreichten.

Dann war Leyhe an der Reihe. Der Sauerländer wurde von den Fans regelrecht die Schanze hinunter gebrüllt: 139,5 Meter. Bestweite vorerst und die Führung. Das Stadion tobte, nochmal als der Norweger Lindvik zwar einen halben Meter weiter sprang, aber nach Punkten doch nur Zweiter war.  Dann durften die polnischen Fans zeigen, was in ihnen steckt. Ähnlich lautstark wie zuvor Leyhe wurde Olympiasieger Kamil Stoch angefeuert. Auch ihm verhalf das zu 139,5 Metern – und 0,8 Punkten mehr als Leyhe. Der Gesamtführende im Weltcup, Stefan Kraft aus Österreich, und Karl Geiger reihten sich noch auf Platz vier und sechs unter den Topplatzierungen ein.

Der zweite Durchgang sollte also ein Kopf-an-Kopf-Rennen vor allem zwischen Stoch und Leyhe werden. Aber auch Lindvik, Kraft und Geiger durften sich noch Hoffnungen auf den Tagessieg machen.

Bei weiterhin fairen und guten Bedingungen gingen die Flüge im zweiten Durchgang weit hinunter. Der Schanzenrekord von 152 Metern kam aber nie in Gefahr. Auch nicht, als sich die Top Ten eine wahre Flugshow lieferten und die Führung ständig wechselte. Der Höhepunkt des stimmungsvollen Springens, das nun bei Flutlicht stattfand, bildete dann der zweite Sprung von Leyhe. Seine Bestweite war für den bis dahin führenden Stoch nicht zu schlagen und auch Lindvik blieb als am Ende Zweiter mit 143 Metern hinter dem Lokalmatador zurück.

Leyhe hingegen darf sich auf eine große Feier in seiner Heimat freuen und hat am Sonntag die Chance, die Willingen-Five-Wertung zu gewinnen. Das gute deutsche Teamergebnis rundete Karl Geiger, der im Vorjahr am Samstag in Willingen gewonnen hatte, als Fünfter ab. Constantin Schmid wurde 21, Puis Paschke 24. und Markus Eisenbichler landete auf Rang 26. Über eine Topplatzierung freuen durfte sich auch der Rekordweltcupsieger Gregor Schlierenzauer. Der Österreicher, die in den vergangenen Jahren mit seiner Formschwäche zu kämpfen hatte, wurde Siebter.

„Der Sieg in Willingen hat für mich einen sehr, sehr hohen Stellenwert. Jetzt kann alles kommen, mental bin ich vorbereitet“, sagte Leyhe nach seinem Sieg. Feiern wollte er am Samstagabend dennoch  nicht. „Wir müssen morgen ja nochmal ran. Vielleicht gibt es ein Bier, den Rest müsst ihr für mich mittrinken“, sagte er schmunzelnd. Leyhe hofft, dass er am Sonntag erneut jubeln und vor allem springen darf.

Wegen des angekündigten Orkans haben die Veranstalter den Wettbewerb für den Sonntag bereits von 16 Uhr auf 10.15 Uhr am Morgen vorverlegt. Ob er tatsächlich stattfinden kann, muss sich noch zeigen. „Wenn es zu gefählrich ist, muss man es natürlich absagen. Die Fans müssen ja auch sicher nach Hause kommen. Aber wenn man in guter Form ist wie ich gerade, will man immer springen“, sagte Leyhe und merkte an, dass es für die Willingen-Five-Wertung auch nicht schlimm wäre, wenn am Sonntag nicht gesprungen werden kann. Dann hätte er sich den Gesamtsieg und die Siegprämie gesichert und dürfte auch ohne Wettkampf erneut jubeln.

08.02.2020, Hessen, Willingen: Ski nordisch, Skispringen, Weltcup, Finale: Stephan Leyhe aus Deutschland jubelt nach seinem Weltcup-Sieg. Foto: Swen Pförtner/dpa +++ dpa-Bildfunk +++. Foto: dpa/Swen Pförtner

Ob der Weltcup am Sonntag möglicherweise schon vorzeitig abgesagt wird, soll sich nach Absprache mit der Polizei klären.