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Skispringen 2021/22: Die Ziele und Chancen der deutschen Skispringer im Weltcup

Weltcup 2021/22 : Das sind die Ziele der deutschen Skispringer für die neue Saison

Die neue Skisprung-Saison beginnt in Russland. Die Erwartungen an die deutschen Springer um Karl Geiger sind nach den jüngsten Erfolgen groß. Doch ihr Teammanager warnt vor einem wiedererstarkten Japaner. Neben Weltcup und Skiflug-WM steht auch Olympia an, das aber nicht alle Athleten als Höhepunkt sehen.

Wenn die Skispringer am Freitag im russischen Nischni Tagil in ihre Wintersaison starten, werden dieselben Namen wie in den vergangenen Jahren auf den Favoritenlisten stehen. Inzwischen gehören dazu neben den Norwegern um Robert Johansson, dem Österreicher Stefan Kraft oder dem mehrfachen Vierschanzentournee-Sieger Kamil Stoch auch die deutschen Topspringer Karl Geiger und Markus Eisenbichler.

Droht der Skisprung-Weltcup also zu einem langweiligen Wettbewerb mit immer den gleichen Siegern zu verkommen? Mit Nichten. Zum einen, weil sich die etablierten Spitzenathleten Jahr für Jahr bei ihrer Weitenjagd einen spannenden Konkurrenzkampf mit immer neuen Bestweiten und -leistungen liefern. Zum anderen, weil sich immer wieder neue Skispringer in die Weltspitze vorspringen und zum Shooting-Star werden, Sieg für Sieg abräumen oder die Vierschanzentournee dominieren. Im vergangenen Jahr war das Halvor Egner Granerud aus Norwegen, davor dominierten plötzlich ein Marius Lindvik oder Ryoyu Kobayashi aus Japan die Weltspitze.

Bei manch einem zeichnet sich der Durchbruch über Jahre oder zumindest im Sommer vor der Saison ab, andere kommen wie aus dem Nichts.

Deswegen dürfen sich die Top-Leute der vergangenen Saison auch diesmal nicht sicher sein, dass sie nicht von einem neuen Talent übertrumpft werden, selbst wenn sie sich im Sommer und Herbst in guter Form präsentiert haben.

Aber genau das mache den Sport so spannend, befindet Horst Hüttel, Teammanager der Skispringer und Skispringerinnen beim Deutschen Skiverband (DSV). „Es ist unglaublich viel Bewegung im System Skispringen. Bei vielen Teams haben sich zuletzt bei den nationalen Meisterschaften eher unbekannte Springer gezeigt. Auch im Sommer-Grand-Prix waren viele Athleten, die sonst nicht ganz vorne mitspringen, schon in sehr guter Form. Man muss aber auch schauen, wie viel die Etablierten in einer Olympia-Saison im Sommer wirklich investieren“, sagte Hüttel im Gespräch mit unserer Redaktion und nennt Stoch und Eisenbichler als Beispiele. Beide hätten im Sommer nicht so viel gezeigt, wie sie könnten, seien nun pünktlich zum Start des Weltcups aber wieder in Form.

Vor einem alten Bekannten warnt der DSV-Teammanager aber schon vor dem Saisonstart: „Ryoyu Kobayashi hat im Sommer immer dann, wenn er dabei war, eine unglaubliche Dominanz und die gleichen Ansätze wie in seiner Erfolgssaison 2018/19 gezeigt. Wenn er die Form in den Winter mitnimmt, dann kann er die Erfolge von damals wiederholen.“

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Eine Warnung, die auch die deutschen Athleten vernommen haben dürften. Doch Hüttel sieht auch seine Skisprung-Adler gut für die Olympia-Saison aufgestellt: „Die Jungs haben die Latte in den vergangenen Jahren selbst hochgelegt. Diesen Weg gehen wir mit kontinuierlicher, akribischer Arbeit der Springer und Trainer weiter. Den Anspruch haben wir als Team." 

Die Vorbereitung auf die Saison ist für das deutsche Team, das seit Sommer 2019 vom Österreicher Stefan Horngacher trainiert wird, gut und ohne größere Verletzungen der Weltcup-Kandidaten gelaufen. Wenn gleich es einige infrastrukturelle Probleme gab. Beide Haupttrainingszentren waren den Sommer über nicht nutzbar. In Oberstdorf war der Aufsprunghang zu wellig und musste umgebaut werden, erklärte Hüttel. In Hinterzarten liegt gar ein Konstruktionsfehler im Anlauf vor, der aufwendiger behoben werden muss. „Daher sind wir nach Oberhof, Garmisch oder Berchtesgaden ausgewichen. Der Mehraufwand hat alle schon Kraft gekostet, die vielen Autofahrten sind auch sicher nicht optimal gewesen für das Training. Ob das Folgen für die Saison hat, wird man erst noch sehen“, sagte Hüttel. „Unser Anspruch bleibt aber, bei jedem Weltcup auf dem Podest zu stehen. Karl Geiger und Markus Eisenbichler werden auch diesen Winter den Ton vorne angeben“, ist der Teammanager dennoch optimistisch.

Und mit dem Sauerländer Stephan Leyhe, der sich nach seiner schweren Knieverletzung im vergangenen Jahr im Sommer wieder an die Weltspitze herangearbeitet hat, und Constantin Schmid stehen zwei weitere Kandidaten für Siege bereit. Auch Pius Paschke präsentierte sich nach seinem erfolgreichen Winter 2020/21 auch im Sommer in einer Form, die eine Top-Ten-Platzierung möglich macht. Der einstige Gesamtweltcup-Sieger Severin Freund arbeitet weiterhin akribisch daran, konstant unter die Besten 30 springen zu können, am besten aber unter die Top-Platzierungen.

Vor allem bei den anderen Nationen müssen man sehen, was von der Form im Sommer-Grand-Prix übrig ist, meint Hüttel. Er geht davon aus, dass der Sommer in Zukunft ohnehin noch wichtiger wird. „Irgendwann werden wir nicht mehr einen Winter-Weltcup und einen Sommer-Grand-Prix haben, sondern einen Gesamtweltcup“, ist er sich sicher. Wie lange das noch dauert, hänge auch davon ab, ob es Sponsoren gebe, die sich ein solches Projekt auf die Fahne schreiben wollen. „Insgesamt können wir ja auf den Matten genauso gut springen wie auf Schnee. Das wäre in Zukunft auch eine Alternative für schneearme Winter“, sagte Hüttel und verweist darauf, dass das Skispringen schon jetzt wenige Schnee- und Wasserressourcen brauchen würde. „Wir fahren auf Eis- oder Keramikspuren an. Für den Aufsprung braucht es etwa 4000 Kubikmeter Schnee, der wird über den Sommer eingelagert, so dass es kaum noch Schneemaschinen oder Schnee aus Skihallen braucht.“

An ausreichend Motivation sollte es zumindest nicht mangeln. Die Athleten hoffen darauf, dass wieder zahlreiche Fans an den Schanzen sein dürfen. Gerade bei den Heimweltcups in Klingenthal, Garmisch, Oberstdorf und Willingen ist das wichtig. „Wir hoffen sehnlichst auf Zuschauer und brauchen sie vor allem emotional, um Kraft und Motivation zu schöpfen“, sagt der DSV-Teammanager. Es sei auch wichtig, dass die Familien wieder dabei sein können, immerhin seien die Springer vier Monate fast ununterbrochen unterwegs. Viele würden mit ihren Familien reisen, das sei unter Corona nicht möglich gewesen.

Und auf eine Neuerung freuen sich auch die Herren: In diesem Winter werden vier Weltcup-Wochenenden gemeinsam mit den Skispringerinnen stattfinden. In Willingen und Oslo sollen dann auch Mixed-Wettbewerbe stattfinden. „Das ist vor allem für die Frauen toll, weil sie von der Aufmerksamkeit für das Herren-Skispringen profitieren. Aber auch die Jungs freuen sich, weil es die ganze Sportart voran bringt“, sagte Hüttel.

Und dann sind da ja noch die Höhepunkte der Saison 2021/22: Neben Weltcup und der 70. Vierschanzentournee stehen die Olympischen Winterspiele vom 4. bis 20. Februar in Peking und die Skiflugweltmeisterschaften vom 11. Bis 13. März im norwegischen Vikersund an. In beiden Fällen hat das deutsche Team Medaillen zu verteidigen. 2018 wurde Andreas Wellinger Olympiasieger von der Normalschanze. 2022 dürfte der immer noch junge Bayer, der aber seit drei Jahren darum kämpft, wieder zu einem erfolgreichen Flugsystem zu finden, jedoch in China nicht zu den Medaillenkandidaten gehören. Karl Geiger ist der amtierende Skiflug-Weltmeister. Markus Eisenbichler holte 2020 Bronze.

Olympia ist zudem das Ziel, auf das viele Athleten ihr Leben lang hinarbeiten – oder zumindest vier Jahre lang. Doch diesmal scheinen die Bedenken vor der Olympia-Saison größer als die Vorfreude. Die Winterspiele finden nicht nur in einem Land statt, dem Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, China ist auch nicht gerade bekannt für seine Wintersporttradition. Eisenbichler betonte erst kürzlich, dass für ihn der Sieg im Gesamtweltcup schon immer attraktiver war als ein Olympiasieg. Weil es beim Weltcup auf gute Leistungen über Monate hinweg ankomme, bei Olympia könne ein guter Tag zu Gold reichen. Und in Peking kommt ein weiterer Faktor dazu: „Der Austragungsort bei den Olympischen Spielen 2022 ist natürlich nicht optimal. Die Spiele finden aber statt, und im Endeffekt werde ich da teilnehmen, um das Land Deutschland bestmöglich zu vertreten und Medaillen zu gewinnen“, sagte der 30 Jahre alte Siegsdorfer im Interview bei Sport1.

Auch Severin Freund, Team-Olympiasieger von 2014, betonte, dass die Skiflug-Weltmeisterschaften im traditionsreichen Skiflugland Norwegen sein Highlight seien.

„Die Athleten sehen diese Spiele überwiegend kritisch. Man merkt, dass nicht so die Wahnsinns-Vorfreude da ist, wie wenn Olympia in Innsbruck oder Lillehammer stattfinden würde“, sagt Hüttel und betont, dass auch er die Winterspiele lieber an traditionellen Wintersportorten sehen würde. „Dennoch ist es gerade für junge Sportler, die zum ersten  Mal dabei sein können, eine wichtige Erfahrung. Und wir als Verband haben die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass ihre vier Jahre Arbeit nicht umsonst waren.“

Anfang Dezember wird Hüttel nach China reisen, um sich die Bedingungen vor Ort anzuschauen. Ein Hotel, in dem das Team untergebracht werden sollte, ist nicht fertig geworden. Nun gilt es zu schauen, ob die Ersatzunterkunft geeignet ist. In jedem Fall werde man das Team auf mehrere Standorte verteilen müssen.

In unserem Skisprung-Telegramm halten wir Sie über die Saison auf dem Laufenden.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das sind die Weltcup-Termine der Skispringer 2021/22