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Bilanz der Saison 2021/22 - Skispringen: deutsche Skispringer verpassen den ganz großen Erfolg

Bilanz der Olympia-Saison : Skispringer verpassen den ganz großen Erfolg

Die deutschen Skispringer beenden die Saison 2021/22 ohne großen Titel. Karl Geiger konnte Ryoyu Kobayashi im Kampf um den Gesamtweltcup nicht mehr angreifen. Ein Finale, das exemplarisch für eine gute, aber nicht überragende Saison steht.

Am Ende einer langen Saison mit 28 Weltcupspringen plus den Olympischen Spielen durften die Skispringer in den vergangenen drei Wochen noch mal in ihrer Königsdisziplin ran – im Skifliegen. Nach der Skiflug-WM in Vikersund und dem Weltcup in Oberstdorf ging die Olympia-Saison am Wochenende bei strahlendem Sonnenschein und frühlingshaften Temperaturen in Planica zu Ende. Und das traditionelle Saisonfinale in Slowenien hatte diesmal neben der Weitenjagd auch noch einen Zweikampf um die große Kristallkugel, den Sieg im Gesamtweltcup, zu bieten.

Das Duell zwischen dem Deutschen Karl Geiger und dem Japaner Ryoyu Kobayashi begeisterte die ganze Saison über die Skisprungfans und sollte erst am letzten Wochenende entschieden werden.   

 Zum Start in die Saison lag der Deutsche noch recht klar vorne. Doch pünktlich zur prestigeträchtigen Vierschanzentournee war Kobayashi in Topform und siegte souverän. Geiger kämpfte sich nach einer enttäuschenden Tournee zurück und eroberte auch das Gelbe Trikot für den Gesamtführenden wieder, ging als bester im Weltcup bei Olympia an den Start, kam dort aber nie richtig zurecht, so dass er am Ende froh über Bronze im Einzel und Team war. Auch bei der Skiflug-WM konnte er seinen Titel nicht verteidigen.

Passend zum Saisonverlauf ging dann am Sonntag auch der Gesamtweltcup an den Japaner. Geiger konnte im Saisonendspurt und Kampf um den einzig verbliebenen Titel der Saison nicht mehr angreifen und schaffte es in den letzten vier Weltcups nicht aufs Podest. Es ist ein Sinnbild für die gesamte Saison der deutschen Skispringer. Das Team von Bundestrainer Stefan Horngacher war irgendwie immer vorne dabei, bei allen Saisonhöhepunkten gehörte Geiger zu den Favoriten, sein Freund und Zimmerkollege Markus Eisenbichler mindestens zu den Mit- oder Geheimfavoriten. Auch als Team galten die DSV-Adler als Titelkandidaten bei Olympia und der Skiflug-WM. In den ersten fünf Weltcups stand immer mindestens ein Deutscher auf dem Podest, viermal gewann Geiger in dieser Saison, insgesamt stehen 20 weitere Podestplätze in dieser Weltcupsaison in der deutschen Bilanz.

Doch ausgerechnet bei den Saisonhöhepunkten Vierschanzentournee, Olympia und Skiflug-WM konnten Geiger und Co. nicht ihre besten Leistungen bringen. Bei der Tournee hatte Geiger auch Pech mit den Bedingungen, war früh weit abgeschlagen in der Gesamtwertung. Dass er sich danach im Weltcup die Führung mit beeindruckenden Sprüngen und Ergebnissen direkt zurückholte, zeigt, dass er mental immer in der Lage ist, Rückschläge wegzustecken. Bei den Winterspielen in Peking gelang das mit Bronze im Einzel von der Großschanze, auch wenn der erhoffte Olympiasieg ausblieb. Geiger kam wie das gesamte deutsche Team auf den beiden Olympiaschanzen zunächst gar nicht zurecht. Das DSV-Team sprang bis auf Constantin Schmid deutlich schlechter als in der bisherigen Saison.

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Ratlosigkeit machte sich breit, vor allem bei Geiger. Derartige Anpassungsschwierigkeiten an eine neue, unbekannte Schanze sind für Topspringer unüblich. Ob es an der Einstellung lag, der Druck zu groß war, das Material nicht passte oder vielleicht auch die Situation in Peking Einfluss auf die Leistung hatte, muss der Deutsche Skiverband nach der Saison analysieren, um künftig besser für den Medaillenkampf bei Großereignissen wie Olympia gewappnet zu sein.

Auch wenn vor allem Eisenbichler die Bedeutung von Olympia immer mal wieder etwas abtat - dass den Springern ihr Abschneiden in Peking nicht egal war, zeigten ihre frustrierten Reaktionen nach den Sprüngen, aber auch die große Freude über den erlösenden Podestplatz im Team – ein positives Zeichen, dennoch wäre mehr drin gewesen.

Die deutschen Skispringer haben in den vergangenen Jahren oft gezeigt, dass sie mit der Favoritenrolle gut umgehen können, dass sie zum Saisonhöhepunkt da sind und liefern. Das war in diesem Winter anders, auch wenn Olympia-Bronze für Geiger und im Team, sowie Team-Silber bei der Skiflug-WM und der zweite Platz im Gesamtweltcup für Geiger nicht nur Achtungserfolge sind. Dennoch waren die Hoffnungen und Erwartungen in der Saison 2021/22 angesichts der guten Form der Athleten größer. Deswegen fällt das Saisonfazit bei allen Erfolgen für Geiger und der geglückten Rückkehr von Stephan Leyhe nach seiner schweren Knieverletzung dennoch eher durchwachsen aus.

„Die Saison ist nicht ganz perfekt verlaufen, aber das gibt es nie“, sagte der Bundestrainer daher auch der „Sportschau“ über den Winter 2021/22. Sein Vertrag läuft aus, soll aber verlängert werden. Es hänge nur noch an kleinen Details, sagten Horngacher und der DSV übereinstimmend. „Überall, wo es Medaillen gibt, haben wir Medaillen gewonnen“, hob Horngacher in seinem Saisonfazit hervor.  Dass es bei der Vierschanzentournee wieder nicht für den Sieg reichte, ärgert den Österreicher, aber irgendwann werde es klappen, ist er sich sicher. Neben den Erfolgen von Geiger und Eisenbichler hob er die Leistungen von Andreas Wellinger und Leyhe hervor.

Wellinger hat tatsächlich in diesem Winter immer mal aufblitzen lassen, dass er wieder zu alter Stärke finden kann, erlitt aber auch immer wieder Rückschläge und schied oft im ersten Durchgang aus. Dennoch war es nach vielen Verletzungen in den vergangenen vier Jahren mal wieder eine bessere Saison für ihn. Gerade das Finale mit tollen und weiten Flügen sollte dem Olympiasieger von 2018 Hoffnung für den nächsten Winter machen. Verletzt er sich mal nicht im Urlaub oder in der Saisonvorbereitung, kann er wieder zur Weltspitze gehören.

Auch Eisenbichler verpasste überraschend oft den zweiten Durchgang, sprang aber auch sechsmal aufs Podest. Der Willinger Leyhe war nach einem Jahr Verletzungspause 2021/22 schon deutlich weiter als erwartet, auch wenn ihm noch die Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit in seinen Sprüngen fehlte. Er muss nun wieder zu konstant guten Sprüngen finden, um wieder dauerhaft unter den Topspringern zu landen. Gleiches gilt für Schmid, der immer noch zu den Talenten im deutschen Team gehört. Das hat er in diesem Winter unter Beweis gestellt. Für die Weltspitze reichte es meist aber noch nicht.

Zu der gehörte lange Severin Freund. Der Bayer verkündete in Planica sein Karriereende. Der 33-Jährige hat fast alles im Skispringen gewonnen. In den vergangenen Jahren kämpfte er sich nach schweren Verletzungen immer wieder zurück ins Weltcup-Team, in dieser Saison gar über den Continental Cup, der so zu sagen die zweite Liga im Skispringen ist. Auch ohne die großen Erfolge war Freund wichtig für das Team – als Ratgeber, Trainingspartner, Vorbild. Das zeigen die Reaktionen seiner Kollegen zum Abschied noch mal deutlich. Eine Lücke, die die Mannschaft nun irgendwie füllen muss.

Endstand im Gesamtweltcup der Männer nach 28 Wettbewerben:

1. Kobayashi 1621 Punkte, 2. Geiger 1515, 3. Lindvik 1231, 4. Halvor Egner Granerud (Norwegen) 1227, 5. Stefan Kraft (Österreich) 1069, 6. Eisenbichler 950, 7. Lanisek 936, 8. Zajc 711, 9. Jan Hörl (Österreich) 662, 10. C. Prevc 657, ... 22. Leyhe 333, 23. Schmid 332, ... 29. Wellinger 219, 30. Freund 211, ... 33. Pius Paschke (Kiefersfelden) 174, ... 48. Justin Lisso (Schmiedefeld) 44, ... 59. Richard Freitag (Aue) 20, ... 62. Philipp Raimund (Oberstdorf) 16

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Karl Geiger