Skisprung-Weltcup Willingen 2019: Stephan Leyhe bleibt vor Heimspiel ganz cool

Skispringer Stephan Leyhe : „Mister Zuverlässig“ bleibt vor Heimspiel in Willingen ganz cool

Stephan Leyhe weiß, dass es beim Skispringen in Willingen ein volles Haus geben wird - und er in seiner Heimat wie ein Superstar gefeiert wird. Beirren lassen will er sich davon nicht. Ohnehin geht Leyhe das Springen eher gelassen an.

Er springt auf das Podest, reißt die Arme gen Himmel und lässt danach seine ganze Freude mit einem gewaltigen Schrei raus. Am Abend dieses 6. Januar 2019 sieht die Skisprung-Welt eine bisher verborgene Seite des Stephan Leyhe. Der 27-Jährige feiert ausgelassen seinen dritten Platz in der Gesamtwertung der Vierschanzentournee. Es ist der bisher größte Einzelerfolg seiner Karriere. Den darf er auch noch gemeinsam mit Kumpel Markus Eisenbichler feiern, der vor ihm Zweiter wird. Leyhe kann sein Glück kaum fassen, wirkt wie befreit.

Nun ist es nicht so, dass er ein Miesepeter oder Pessimist wäre. Ganz und gar nicht. Aber als Partykönig hat sich Leyhe öffentlich bisher auch noch keinen Namen gemacht. Am Freitag startet er beim Weltcup in seiner Heimat Willingen – der Partyhochburg im Skisprung-Kalender.

Bislang sind ihm dort keine großen Sätze gelungen. Aber davon lässt sich Leyhe nicht beirren. „Ich nehme es als normalen Weltcup, aber mit dem Bonus, dass er in meiner Heimat stattfindet“, sagte Leyhe im Gespräch mit der „Waldeckischen Landeszeitung“. Er weiß, dass in Willingen „die Hütte voll sein wird“ und freut sich darauf. Für ihn sei es wichtig, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um das Drumherum auszublenden. „Ab dann heißt es nur noch: Ich und die Schanze“, sagt Leyhe. Seine Familie, seine Freunde, die übrigen deutschen Fans, die ihm zujubeln, spielen dann keine Rolle mehr. Leyhe will ganz auf sich konzentriert sein.

Der Willinger ist nicht gerade als Lautsprecher im Team der deutschen Skispringer bekannt. Vielmehr gilt er als akribischer Arbeiter und Teamplayer mit feinem, manchmal verstecktem Humor. Der für Fans, Reporter und Kollegen immer ein nettes oder aufbauendes Wort parat hat. Der auch dann Rede und Antwort steht, wenn es mal nicht so gut gelaufen ist. Der sich über die Erfolge seiner DSV-Kollegen auch dann freut, wenn er selbst nicht dabei ist. Wie etwa bei den olympischen Einzelspringen 2018. Als er mit seinem Zimmerkollegen Andreas Wellinger über dessen Olympiasieg jubelte, obwohl Bundestrainer Werner Schuster ihn für die Wettbewerbe nicht berücksichtigt hatte. Die Unterstützung wurde ein paar Tage später mit Silber im Team belohnt.

Geduldig, ruhig, bescheiden, immer freundlich – das sind typische Attribute, die fallen, wenn seine Kollegen über Leyhe reden. Leyhe ist ein unermüdlicher Arbeiter, dem man nicht unbedingt ansieht, dass er sich über einen guten Sprung freut. Ein Lächeln hat er fast immer für die Fans übrig, das gebietet für ihn schon die Höflichkeit. Geballte Fäuste nach dem Sprung sind bei Leyhe schon fast ein Gefühlsausbruch.

Als Bundestrainer Werner Schuster 2017 nach Leyhes erstem Top Ten-Platz forderte, er solle sich mal freuen und aus seinem Schneckenhaus herauskommen, fragte Leyhe nur: „Was, ich soll aus mir rausgehen?“ Er werde immer der ruhige Typ bleiben, eher introvertiert als euphorisch, sagte er damals. „Ich freue mich riesig, aber im Stillen“.

Was also ist in dieser Saison anders? Leyhe ist seit Jahren ein zuverlässiger Top-30-Springer, bei Team-Events kann sich der Bundestrainer auf „Mister Zuverlässig“ verlassen. Zuverlässig verpasste Leyhe in der Vergangenheit aber im Einzel auch immer wieder die Spitzenplätze.

Das ist in diesem Winter anders. Leyhe gehört zwar auch jetzt nicht zu den Überfliegern, die wie ein Ryoyu Kobayashi oder Domen Prevc quasi über Nacht zum Seriensieger wurden oder wie Kamil Stoch und Stefan Kraft seit Jahren die Weltspitze dominieren. Der 1,74 Meter große „Preuße“, wie ihn seine Teamkollegen nennen, muss sich seinen Erfolg mit viel Geduld und Akribie immer wieder neu erarbeiten.

Dafür zog er mit 19 Jahren in den Schwarzwald, weil ihm in Willingen die Konkurrenz fehlte, an der er sich hätte messen können. Dort arbeitete er intensiv an seinem Absprung. Inzwischen hat er ihn so verbessert, dass er zu den Siegkandidaten gehört.

Mit 27 Jahren springt er nun die beste Saison seines Lebens. Als Siebter in der Gesamtwertung des Weltcups ist er der konstanteste deutsche Springer. Direkt zu Saisonbeginn sprang er in Wisla als Zweiter zum ersten Mal in seiner Karriere im Weltcup aufs Podest. Und der Erfolg scheint Leyhe tatsächlich ein bisschen mehr Euphorie verliehen zu haben. Er jubelte seither über elf Top-Ten-Plätze und das nicht selten sehr offensichtlich.

Auch kleinere Tiefs wie zuletzt in Lahti oder beim Skifliegen in Oberstdorf bringen ihn nicht aus der Ruhe. Ohnehin ist Leyhe kein großer Flieger, das weiß er. Von daher verwundert es auch nicht, dass er auf seiner Heimschanze in Willingen bisher noch nicht in die Top Ten gesprungen ist.

Die Mühlenkopfschanze ist die größte Großschanze der Welt. Sprünge von mehr als 150 Metern sind dort möglich. Da kommen die Springer fast schon ins Fliegen. Leyhe landete mit Platz 16 im vergangenen Jahr seine beste Platzierung in der sauerländischen Heimat. In diesem Jahr wird mehr von ihm erwartet.

Bundestrainer Schuster glaubt, dass die Erwartungen und die Unterstützung der Fans in dieser Saison für Leyhe positiv sein könnten. „In der Vergangenheit war es immer so, dass er von seinem Heimpublikum gefeiert wurde wie ein Superstar, der er aber nicht war. Das hat ihn sehr unter Druck gesetzt“, sagte Schuster der Deutschen Presse-Agentur. Diesmal komme er bereits mit Erfolgen nach Hause. Willingen könnte nun ein wichtiger Schritt in seiner Persönlichkeitsentwicklung werden, hofft der Bundestrainer.

Leyhe selbst wäre zufrieden, wenn er in den Top Ten landen würde. Und da gewinnt seine Bescheidenheit dann doch wieder die Oberhand. Schafft er es, die im Wettkampf abzulegen, hören die insgesamt 50.000 Fans an der Schanze im Upland vielleicht am Samstag und Sonntag auch wieder einen Jubelschrei von Leyhe.

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