Skispringer Severin Freund im Interview: „Zwei Jahre ohne Sprünge haben ihre Spuren hinterlassen“

Interview mit Severin Freund: „Zwei Jahre ohne Sprünge haben ihre Spuren hinterlassen“

Severin Freund ist Skisprung-Weltmeister, Olympiasieger und Weltcupsieger. Die letzten zwei Jahre verbrachte der 30-Jährige nach zwei Kreuzbandrissen aber vor allem im Krankenbett und in der Reha. Nun soll das Comeback im Weltcup gelingen.

Herr Freund, Sie arbeiten nach Ihrem Kreuzbandriss seit einem Jahr an Ihrem Comeback. Zum Start am Samstag in Wisla reicht es noch nicht. Wann sehen wir Sie wieder im Weltcup?

Freund Der Trainer und ich haben gemeinsam beschlossen das erste Springen in Wisla auszulassen. Ich habe so noch ein bisschen mehr Zeit, um mich vorzubereiten. Aber in Kuusamo gehe ich dann an den Start. Ich mag die Schanze und fühle mich dort sehr wohl.

Wie ist Ihr Gefühl auf der Schanze? Brauchen Sie noch ein paar Sprünge auf Schnee, um wieder wettbewerbsfähig zu sein?

Freund Ich merke schon, dass Fortschritt drin ist. Ich spüre aber auch, dass die zwei Jahre ohne Sprünge ihre Spuren hinterlassen haben. Es geht nicht so leicht.

Was genau geht nicht mehr so leicht?

Freund Das Fehlerabstellen geht nicht mehr ganz so einfach wie früher, wenn ich in Topform war. Es kann im Skispringen aber auch sehr, sehr schnell gehen, wenn ein paar Bausteine wieder aufeinander passen. Genauso kann es aber auch etwas länger dauern. Da bin ich ziemlich gelassen. Dass es nicht von heute auf morgen geht, war in dem Moment klar, als ich gesagt habe, ich mache die Reha und habe das Ziel, Weltcup zu springen und auf dem Podium zu stehen. Dass sich der Sport und die Jungs im Team in der Zeit weiterentwickelt und das Level höher gesetzt haben, ist mir auch klar. Deswegen gibt es noch genug Arbeit für mich. Ich bin mir aber auch bewusst, dass es nicht jeden Tag besser werden wird.

Mussten Sie das Fliegen nach zwei Jahren Abwesenheit von der Schanze wieder neu lernen?

Freund Vor allem habe ich mich gefreut, wieder auf die Schanze zu gehen. Mit meditationsartigen Übungen habe ich zwar versucht, die Sprünge auf der Schanze zu imitieren, aber hauptsächlich war es in der Reha körperliche Arbeit. Und wenn du dann das erste Mal wieder auf der Schanze bist, ist das etwas unglaublich Schönes. Gleichzeitig hast du aber das Gefühl von den Sprüngen davor in Erinnerung und merkst, dass es nicht mehr so einfach geht. Die Bewegung hat sich durch die Knieoperation verändert, Fehler passieren, und ich musste einige Abläufe erst wieder neu anlernen.

Sie wirken relativ entspannt, was die Erwartungen an Sie betrifft. Sie machen sich keinen großen Druck mehr, dass es direkt wieder ein Podiumsplatz sein muss, oder?

Freund Mir ist bewusst, dass es nicht wie nach der Hüftverletzung wird, als ich in Kuusamo zum Saisonstart zurückgekommen bin und direkt gewonnen habe. Das ist jetzt eine komplett andere Situation. Jetzt wird es die Zwischenschritte brauchen. Ich habe ja auch nicht die Reha als Projekt für eine Saison angegangen, sondern will noch länger springen. Knieverletzungen brauchen einfach länger, und deswegen ist auch okay, wenn ich nicht von Anfang an fähig bin, vorne rein zu springen. Ich setze mir aber als Ziel, über die Saison wirklich kontinuierlich besser zu werden.

Vertrauen Sie Ihrem Knie denn schon wieder voll und ganz?

Freund Es ist schon eine andere Art von Verletzung. Nach der Bandscheibenverletzung war es mehr oder weniger sofort ein Befreiungsschlag nach der OP. Danach habe ich mich sofort besser gefühlt. Das ist jetzt bei der Knieverletzung anders gewesen. Es ist ein Prozess, der länger dauert und auch noch nicht abgeschlossen ist. Ich bin mittlerweile sehr zufrieden mit meinem Knie, aber es gibt auch Sachen, bei denen ich denke, das darf noch besser werden.

Haben Sie in der Reha mal ans Aufgeben gedacht?

Freund Die Motivation war nicht immer gleich hoch. Es ist aber nie an den Punkt gekommen, an dem ich mir gedacht habe, ich habe keinen Bock mehr und lasse es sein. Im Januar, Februar habe ich schon gemerkt, dass ich schon ein halbes Jahr auf das Comeback hinarbeite, wusste aber, dass ich mindestens nochmal die gleiche Zeit brauche, bevor ich das erste Mal wieder auf der Schanze bin. Im Winter das erste Mal wieder auf Schnee zu sein, und wenn es auch nur auf Langlaufski waren, war dann zum Beispiel ein Moment, der mir wieder Kraft gegeben hat.

Was hat Ihnen noch geholfen, die Reha und das Training danach durchzuziehen?

Freund Ich habe in der Zeit mein Studium gut vorangetrieben. Es war gut, dass ich was hatte, das zielführend war, was Sinnvolles in das ich Zeit und Energie reinstecken konnte. Ist ja auch nicht der blödeste Zeitvertreib, die Bachelorarbeit zu schreiben. Sonst habe ich einfach versucht, die Situation anzunehmen und mir bewusst darüber zu sein, dass es nicht von alleine gehen wird, dass es aber auch keine Schranke gibt, an der es nicht weitergeht.

Haben die Verletzungen den Blick auf Erfolge und Ziele verändert?

Freund Man nimmt sich schon mal einen Moment und macht sich bewusst, dass man sehr dankbar sein kann für das, was man erreicht hat. Aber die Motivation und der Hunger auf weitere Erfolge sind nicht weniger groß. Ich will nicht nur springen, um dabei zu sein.

Dabei haben Sie schon viele Titel gewonnen. Sie sind Weltmeister, Weltcupsieger und auch Olympiasieger. Letzte Saison haben ihre Teamkollegen um den Einzel-Olympiasieger Andreas Wellinger die Erfolge gefeiert. War es schwer, dabei von zu Hause aus zuzuschauen?

Freund Die Spiele waren relativ easy für mich. Bei der Skiflug-WM war es schlimmer, weil das eine Veranstaltung war, an der schon Emotionen hingen. Oberstdorf war damals die erste Skiflugschanze, auf der ich begriffen habe, was Skifliegen sein kann, wenn man die richtige Form hat. Außerdem ist es mehr oder weniger mein zweites Trainingsstandbein, und als Heim-WM ging schon länger der Fernblick darauf, dass die WM dort eine sehr coole Sache wird. Da nicht dabei zu sein, war bitterer als bei den Olympischen Spielen zu fehlen. Vielleicht auch, weil ich in Sotschi schon Teamgold gewonnen hatte und ich nie der war, für den Olympia das Größte war. Da war es nicht so, dass ich bei Olympia hätte heulend vorm Fernseher sitzen müssen. Im Gegenteil, ich habe mit den Jungs mitgefiebert. Es war sehr viel Freude dabei und nicht so sehr der Gedanke „wie blöd, dass ich jetzt nicht dabei bin“.

Umso schwerer wird es, mit den Jungs jetzt wieder mitzuhalten. Auch der Sprungstil hat sich in den letzten zwei Jahren etwas verändert.

Freund Grundsätzlich wird das Skispringen etwas schneller und zeigt auch schneller die Limits auf. Mir ist bewusst, dass die letzten zwei Jahre kein Stillstand war. Ich kann nicht einfach sagen, mit Mittelmaß komme ich eigentlich immer noch ganz gut zurecht. Ich glaube aber trotzdem, dass ich gut genug sein werde, wenn ich nahe an meinem Optimum springe. Es gibt viele Wege, die in unserer Sportart ans Ziel führen. Kamil Stoch und Andi Wellinger haben beide total unterschiedliche Sprungstile, und beide waren letzte Saison sehr erfolgreich.
Mir wäre blöder zu Mute, wenn ich im Training das Gefühl hätte, ich würde sensationell springen, würde aber trotzdem mit den Jungs nicht mitkommen. Aber nach wie vor sehe ich noch genug Potenzial, meinen eigenen Sprung noch zu verbessern.

Haben Sie noch ein großes Ziel im Skispringen?

Freund Für diese Saison ist der Fokus erstmal auf der WM. Die Tournee wird für mich zu früh kommen, da bin ich Realist genug. Bis zur WM kann sich schon noch was entwickeln. Für die Restkarriere, wie lange die dann auch immer dauern wird, ist das Ziel wieder ganz oben auf dem Podium zu stehen. Ich habe kein Event, bei dem es noch klappen muss, damit ich am Ende sage, nur dann hatte ich eine schöne Karriere. Mit der nordischen WM in Oberstdorf zum Beispiel gibt es aber schon noch ein Fernziel, das attraktiv ist.

Durch die Erfolge des Teams im vergangen Jahr gab es eine neuen Skisprung-Hype in Deutschland, und die jüngeren Springer sind wieder Teenie-Stars. Ist das gut für Sie?

Freund Ich bin sehr froh, dass unser Team so stark ist. Wenn ich in einem schwächeren Team wäre oder einem, dass nur aus drei Leuten besteht, wäre das Interesse an meiner Person viel größer. Für den Moment besser, wenn ich mich in Ruhe entwickeln und daran arbeiten kann, dass ich mich in dem starken Team wieder etabliere, als wenn es jede Woche wieder heißt: „Wie weit ist er denn? Wann kommt er denn wieder dazu?“ Unser Team hat es ja über all die Jahre ausgemacht, dass ich nie der einzige war, der aufs Podest springen konnte. Das muss auch der Anspruch unserer Mannschaft sein. Es gibt viele Leute in unserem Team, die Großes erreichen können und das ist vor einer Saison die beste Ausgangslage.

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