Ski-Alpin-Weltcup 19/20: Thomas Dreßen heiß auf die Streif - Schrecksekunde im Training

Ski-Alpin-Telegramm 2019/20 : Schrecksekunde für Dreßen beim Training auf der Streif

Im ersten Weltcup-Rennen nach der harten Kritik von Alpinchef Wolfgang Maier hat Viktoria Rebensburg ein Spitzenergebnis klar verpasst. In unserem Telegramm halten wir Sie über alles Wichtige während der Ski-Alpin-Saison auf dem Laufenden.

Im ersten Weltcup-Rennen nach der harten Kritik von Alpinchef Wolfgang Maier hat Viktoria Rebensburg ein Spitzenergebnis klar verpasst. Mit mehr als einer Sekunde Rückstand auf ihre Teamkollegin Kira Weidle, die trotz eines Fehlers Achte wurde, kam die 30 Jahre alte Skirennfahrerin am Freitag bei der Abfahrt in Bansko nur auf Platz 22. Nur in zwei Weltcup-Rennen dieses Winters war sie schlechter platziert. Auf Siegerin Mikaela Shiffrin aus den USA fehlten Rebensburg 2,79 Sekunden. Rang zwei auf der eisigen und anspruchsvollen Strecke in Bulgarien holte sich Federica Brignone aus Italien vor der Schweizerin Joana Hählen.

Maier hatte Rebensburg zu Wochenbeginn vorgeworfen, zu wenig und nicht hart genug zu trainieren. Rebensburg betonte, sie wolle erst intern ein klärendes Gespräch suchen, bevor sie sich inhaltlich zu den Vorwürfen äußern werde.

Das Rennen am Freitag war der Ersatz für den in Val d'Isère abgesagten Wettkampf. Am Samstag steht eine weitere Abfahrt auf dem Programm, am Sonntag folgt ein Super-G.

++++23. Januar 2020+++++

Schrecksekunde für Dreßen beim Training auf der Streif

In Kitzbühel herrschte "Kaiserwetter", doch Thomas Dreßen blickte äußerst finster drein. "Ich bin richtig sauer", sagte der 26-Jährige nach der letzten Testfahrt vor dem Super-G am Freitag und der Abfahrt am Samstag (jeweils 11.30 Uhr), und das war kein Wunder. Es hatte nicht viel gefehlt, und Dreßen hätte sich in die Galerie der vielen "Opfer" der Streif eingereiht, nur unter Einsatz seines ganzen skifahrerischen Könnens verhinderte er beim zweiten Abfahrtstraining auf der berühmt-berüchtigten Piste einen schweren Sturz.

In der Karussellkurve sei er "kurz auf dem Oarsch g'hockt", sagte Dreßen mit dem ihm eigenen Dialekt, einer Mischung aus Bayerisch und Tirolerisch, auch in der Ausfahrt Steilhang war es "ein Kampf, dass ich überhaupt auf der Strecke bleibe. Zum Glück weiß ich in der Situation, was ich technisch zu tun habe, dass ich es halbwegs im Griff habe."

Als Ursache für seine Probleme machte der Kitzbühelsieger den Ski aus, mit dem er in seinem Comebackrennen zu Saisonbeginn in Lake Louise noch sensationell triumphiert hatte und diesmal "Schlangenlinien" fuhr. Der Ski sei wohl auf dem Rücktransport nach Europa beschädigt worden, mutmaßte Dreßen, und habe deshalb keinen Grip mehr gehabt - das sei auf der herausforderndsten Weltcup-Strecke nunmal "das Worst-Case-Szenario".

Vor zwei Jahren raste der Mittenwalder am Hahnenkamm sensationell aus dem Nichts auf den Abfahrtsthron - verteidigen konnte er seinen Titel seither nicht. Wegen seiner schweren Knieverletzung stand Dreßen 2019 nur als Zuschauer "mit einem schlechten Gefühl" im Zielraum. Jetzt, bei der Rückkehr, habe er sich "an das zurückerinnert, auf was es ankommt, was ich gut gemacht habe, was besser geht", sagte er, "wenn du es schon mal gewonnen hast, weißt du, was du da runter zu tun hast." Zumindest, wenn die Latten an seinen Füßen mitspielen. "Wenn du der Chef über deine Ski bist, hast du's schon im Griff - bis zu einem gewissen Grad", sagte Dreßen. So war es vor zwei Jahren.

Seit diesem Triumph habe sich sein Leben "komplett" verändert. Der Ruhm habe ihm viele Türen geöffnet, aber er habe auch Schattenseiten. Früher habe er in seinem Wohnort Scharnstein in Oberösterreich unbehelligt mit seinem Hund spazieren gehen können, "mittlerweile werden Fotos gemacht, ob ich den Haufen von meinem Hund wegräume. Das ist kein Spaß."

Ein Kitzbühelsieger, das hat Dreßen lernen müssen, ist eine Person des öffentlichen Interesses. Ein Weltmeister hat irgendwann ein Ex vor seinem Titel stehen, wenn der Nächste die Goldmedaille um den Hals gehängt bekommt. Kitzbühelsieger bleibt man ein Leben lang, wie Olympiasieger. Im Kino oder beim Essen mit der Freundin vermisst Dreßen hier und da die Privatsphäre. Da will er "nicht angesudert", also angebettelt werden.

Nach seiner Knieverletzung hat die Aufmerksamkeit für Dreßen nur kurz etwas nachgelassen, mit der spektakulären Rückkehr hat er sie wieder befeuert. Dass er so schnell wieder in die Weltspitze fahren würde, habe er nicht erwartet, sagte er.

Was das für Kitz bedeutet? Mit Dominik Paris (Italien/Kreuzbandriss) fehlt in der Abfahrt der Titelverteidiger, Dreßens Teamkollege Josef Ferstl (Hammer), der im Vorjahr sensationell den Super-G gewonnen hatte, kämpft schon den ganzen Winter mit dem Material. Topfavorit sei für ihn der Schweizer Beat Feuz, meinte Dreßen. Ob es für ihn selbst fürs "Stockerl" reicht? "Ich bin heute vier Sekunden hinten", sagte er, und zeigte doch noch den Hauch eines verschmitzten Grinsens, "also nein." Pokern kann er auch.

++++23. Januar 2020+++++

Bei Ferstl muss es „von oben bis unten passen“

Titelverteidiger Josef Ferstl kämpft vor dem Super-G am Freitag (11.30 Uhr) in Kitzbühel mit Problemen, stellt sein Können aber nicht grundsätzlich infrage. "Ich kann Skifahren", sagte der 31-Jährige am Donnerstag bestimmt, "aber es muss von oben bis unten passen." Weil das zuletzt nicht der Fall war, gehört Ferstl diesmal zu den Außenseitern - und wegen seiner ungünstigen Startnummer 1.

Diese hatte er zwar auch bei seinem größten Triumph auf der berühmt-berüchtigten Streif vor zwölf Monaten, "aber das war ein perfekter Tag, da ist alles für mich gelaufen", sagte er. In dieser Saison ist das bislang nicht der Fall, obwohl Ferstl mit den ordentlichen Plätzen 14 und 24 in Lake Louise trotz eines Handbruchs so gut startete "wie noch nie". Danach, erzählte er in Kitzbühel, habe sich die Krise über schlechte Ergebnisse und mit ein bisschen Pech "eingeschlichen - und schon hängt man in der Scheiße".

Ferstl, ergänzte Alpindirektor Wolfgang Maier, habe mit seinem neuen Servicemann lange um ein passendes Material-Setup gerungen. In diesem Bereich sei aber eine Lösung gefunden, meinte Cheftrainer Christian Schwaiger. "Ich befinde mich auf dem Weg, mich wieder an die Spitze heranzukämpfen, aber man muss nicht gleich wieder Wunder erwarten", sagte Ferstl, der sich als "sehr sensiblen" Rennfahrer bezeichnete: "Wenn Kleinigkeiten nicht passen, läuft es nicht."

Ausgerechnet Kitzbühel soll dem Sohn des zweimaligen Streif-Siegers Sepp Ferstl die Wende bringen. "Ich habe gute Erinnerungen, die kann ich mir herholen", sagte er. Unterstützung erhält Ferstl vor Ort von Ehefrau Vroni und seinen beiden Kindern. Und eine Taktik hat er auch parat: "Ich muss einfach wieder attackieren, mich in die Schwünge reinarbeiten, Gas geben - vor allem da runter. Dann fühle ich mich sicher."

Neben Ferstl (Hammer) gehen für den Deutschen Skiverband (DSV) Thomas Dreßen (Mittenwald), Andreas Sander (Ennepetal) und Dominik Schwaiger (Königssee) in den Super-G. Den letzten Startplatz erhielt der gebürtige Österreicher Romed Baumann (Kiefersfelden).

+++++23. Januar 2020+++++

Viktoria Rebensburg findet Maier-Weckruf „absolut unverständlich“

Skirennläuferin Viktoria Rebensburg hat äußerst verstimmt auf den deutlichen Weckruf von DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier reagiert. "Die Kritik von Wolfgang Maier an meiner Person ist für mich sowohl inhaltlich als auch in der Art und Weise absolut unverständlich", sagte die Riesenslalom-Olympiasiegerin von 2010 dem Miesbacher Merkur.

Die 30-Jährige bewertete Maiers Aussagen als "so grundlegend und die gewählte Vorgehensweise ist für mich unbegreiflich, dass ich es nicht auf sich beruhen lassen kann". Anders als Maier wolle sie dies aber "intern mit ihm und dem DSV besprechen", bevor sie damit an die Öffentlichkeit gehe.

Maier hatte im Gespräch mit dem SID in Bezug auf ihre Paradedisziplin Riesenslalom gesagt: "Mit dem derzeitigen Aufwand ist das Leistungsniveau auf dem Podium nicht mehr zu halten." Rebensburg müsse "Trainingsinhalt und -umfang intensivieren".

Rebensburg hat vor dem anstehenden Weltcup in Bansko/Bulgarien im Riesenslalom in dieser Saison als bestes Ergebnis einen vierten Platz verbucht, im Dezember gewann sie den Super-G in Lake Louise.

+++++23. Januar 2020+++++

Fünf deutsche Skirennfahrer für Super-G in Kitzbühel nominiert

Neben Vorjahressieger Josef Ferstl und Thomas Dreßen werden drei weitere deutsche Skirennfahrer beim Super-G von Kitzbühel an den Start gehen. Nach den Eindrücken der zwei Abfahrtstrainings wurden zudem Dominik Schwaiger, Andreas Sander und Romed Baumann für das Rennen am Freitag (11.30 Uhr/ARD und Eurosport) nominiert. Das teilte Cheftrainer Christian Schwaiger mit. Ferstl wird das Rennen auf der Streif mit der Startnummer 1 eröffnen. Dreßen, der als Dritter von Gröden das bislang beste deutsche Super-G-Ergebnis des Winters eingefahren hatte, kommt mit Nummer 15.

+++++22. Januar 2020+++++

Kitzbühel ohne verletzten Sieg-Favoriten Paris

Die große Kitzbühel-Woche ist schon lange vor den ersten Schussfahrten die Streif hinunter um eine Attraktion ärmer. Die Chancen von Deutschlands Hoffnung Thomas Dreßen auf einen erneuten Triumph im wichtigsten Weltcup-Rennen der Welt sind dadurch allerdings sprunghaft gestiegen. Denn: Vorjahreschampion und Topfavorit Dominik Paris hat sich im Training nur wenige Kilometer von der legendären Strecke schwer am Knie verletzt und wird bei der 80. Auflage der Hahnenkamm-Rennen fehlen.

„Meine Saison ist zu Ende“, teilte die Nummer eins des italienischen Ski-Teams nach dem Sturz mit, als er durch eine Untersuchung Gewissheit hatte über Schwere und Konsequenzen seiner Verletzung: Kreuzbandriss, Wadenbeinkopf-Fraktur. Monatelanger Ausfall.

Paris, der 2017er-Weltmeister und derzeit beste Abfahrer, Beat Feuz aus der Schweiz und Dreßen werden sich in Kitzbühel also nicht wie noch am Samstag in Wengen das Siegerpodest teilen können. Dreßen kommt vor der Rückkehr an den Ort seines größten Erfolges in der Abfahrt auf bislang einen Sieg und den dritten Platz in der Schweiz. Der 30 Jahre alte Paris schaffte es in vier der fünf Abfahrten dieses Winters in die Top drei - Feuz sogar in jedem Weltcup-Rennen dieser Disziplin. Von Schadenfreude über den Ausfall von Paris, der eine ganz besondere Beziehung zum berühmtesten Skirennen der Welt hat, sind die Konkurrenten aber trotz der gestiegenen Chancen weit entfernt.

„Du kommst gleich stark wieder zurück“, kommentierte Feuz. Er freue sich schon darauf sich mit dem Südtiroler auf der Piste wieder zu pushen. Auch der Norweger Kjetil Jansrud, Super-G-Kitzbühel-Sieger Josef Ferstl und viele andere sendeten Grüße und gute Wünsche.

Paris ist auf der Streif der dominierende Athlet der vergangenen Jahre. Was Branchen-Legenden wie Bode Miller oder Aksel Lund Svindal nie gelang, schaffte er schon dreimal. 2013, 2017 und 2019 gewann er die wichtigste Abfahrt der Welt, 2015 gelang zudem ein Sieg im Super-G. „Vollgas“, antwortete er einmal auf die Frage nach seinem Kitzbühel-Geheimnis. Nur Didier Cuche aus der Schweiz (5) und Franz Klammer aus Österreich (4) haben die Abfahrt dort häufiger gewonnen.

Der 100-Kilogramm-Kraftprotz ist nicht mit so einem Skigefühl gesegnet wie der deutsche Hoffnungsträger Dreßen oder sein guter Kumpel Feuz. Aber das Duell der zwei besten Abfahrer dieses Winters endete abrupt und Feuz' Chancen auf eine eigene Heldengeschichte in Kitzbühel sind massiv gestiegen.

Jene von Paris war schon sehr beeindruckend: Als junger Rennfahrer verlor er den Fokus und ging für einen Sommer auf eine Alm in die Schweiz. Zurück in der Zivilisation entschied er sich, den Skirennsport nun vernünftig und intensiv zu verfolgen. 2013 feierte er die ersten beiden Weltcupsiege, in Bormio und Kitzbühel bezwang er zwei der härtesten Strecken im Weltcup.

Von gröberen Verletzungen war Paris zuvor in seiner Laufbahn verschont geblieben, anders etwa als Dreßen und Feuz. Nach seiner Heimkehr und ein paar Tagen Ruhe will er zusammen mit den Teamärzten entscheiden, wie es weitergeht. Der Ski-Zirkus vermisst ihn jetzt schon. Der Weltverband FIS schrieb auf seine Homepage: „Wir wünschen Paris eine gute und schnelle Genesung und hoffen ihn bald wieder da zu sehen, wo er hingehört: auf den Abfahrtspisten!“

+++++22. Januar 2020+++++

Dreßen kehrt an den Ort seines größten Triumphes zurück

Thomas Dreßens Vorbereitung auf die Rückkehr an den Ort seines größten Triumphes hat auf den ersten Blick nichts mit Leistungssport zu tun. "Da wird mich nicht viel von der Couch runterreißen", sagte der beste deutsche Skirennläufer mit einem verschmitzten Lächeln über die zwei freien Tage vor seinem Comeback in Kitzbühel.

Im österreichischen Ski-Mekka ging 2018 mit seinem sensationellen Abfahrtssieg auf der Streif Dreßens Stern auf, beim Training am Mittwoch wird er sich die berühmt-berüchtigte Piste erstmals seit diesem Triumph wieder hinunterstürzen. Da tut die kurze Pause gut - dem rechten Knie, das seit dem "Totalschaden" im Herbst 2018 immer mal zwickt, aber auch dem Kopf, der Dreßens beeindruckende Rückkehr nach der schweren Verletzung erstmal verarbeiten muss.

Beim Deutschen Skiverband (DSV) wissen sie, was in der wohl verrücktesten Woche des Weltcup-Winters auf ihren Star zukommt. "Wir packen ihn nicht in Watte", sagte DSV-Alpindirektor Wolfgang Maier, doch abseits der Pflichttermine will er Dreßen "von der Öffentlichkeit weghalten". Der sensationelle Sieg beim Comeback-Rennen in Lake Louise und die dritten Plätze von Gröden und Wengen haben das Interesse ins Extreme gesteigert. Und jetzt: Kitz! Der größte Rummel, das spektakulärste Rennen.

"Ich freue mich riesig, das ist das Rennen heuer für uns Abfahrer, wenn ich ehrlich bin: immer", sagte Dreßen mit leuchtenden Augen. Maier konstatierte: "Das ist das beste Rennen, das du als Skifahrer erleben kannst. Ich würde als Aktiver meinen Fuß dafür hergeben, wenn ich dabei sein dürfte."

Anders als vor zwei Jahren hat die Konkurrenz Dreßen diesmal auf der Rechnung, der 26-Jährige gilt als erster Herausforderer der Top-Favoriten Dominik Paris (Italien), der schon dreimal auf der Streif triumphierte, und Beat Feuz (Schweiz). "Wir dürfen nicht den Fehler machen, da einen mega Hype draus zu machen", sagte Cheftrainer Christian Schwaiger. Maier dagegen will - bei aller gebotenen Vorsicht - nicht zu defensiv rangehen. "Er braucht kein Kinder-Ponyreiten, er muss seinen Mann stehen. Die Show, das Rampenlicht - das will er schon, das wollen alle."

Bleibt die Frage, ob Dreßen auch den nötigen Mut für die Streif aufbringt. Bei extrem unruhigem Untergrund oder schlechter Sicht tut er sich mitunter noch schwer. Die vielfach geäußerte Vermutung, dass die Piste diesmal etwas leichter zu fahren sein könnte, wies Maier zurück. "Sie werden es sicher so rau wie alle Jahre herrichten. Die Österreicher wollen den Mythos Kitzbühel erhalten, das wird am Limit sein."

Den letzten Schliff soll sich Dreßen beim Training am Dienstag in Hinterreit holen, bei den beiden Testfahrten auf der Streif am Mittwoch und Donnerstag soll er sich für die Rennen am Freitag (Super-G) und Samstag (Abfahrt) an die Strecke herantasten. Und dann? "Tom ist kein Traumtänzer", sagte Maier, "und wenn er nicht auf dem Podium steht, ist das auch nicht schlimm." Aber, betonte er: "Der Hund ist einfach saugut."

+++++19. Januar 2020+++++