Opa Gerd Dreßen spricht über Thomas Dreßen und seinen Sieg auf der Streif

Großeltern von Streif-Sieger Dreßen : "Er ist Erster! Der Jung ist Erster!"

Am Samstag hat Thomas Dreßen sensationell die Abfahrt auf der Streif in Kitzbühel gewonnen. Sein Großvater Gerd hat das Rennen in seinem Haus in Jülich verfolgt. Richtig hinsehen konnte er aber nicht.

Gerd Dreßen hat an diesem Morgen ein mulmiges Gefühl. Es ist das letzte große Rennen seines Enkels vor den Olympischen Winterspielen. Dem 78-Jährigen gehen viele Gedanken durch den Kopf. Wenn sich "der Jung", wie er sagt, bei der Abfahrt verletzt, wäre die ganze harte Arbeit umsonst gewesen. Der Großvater sitzt eigentlich immer vor dem Fernseher und drückt die Daumen, wenn Thomas, "der Jung", die Piste herunterbrettert. Doch diesmal sitzt er alleine im Flur seines Hauses in Jülich, schließt die Augen und wartet. Es fühlt sich für ihn an wie eine Ewigkeit. Er hört im Hintergrund die Stimmen der Kommentatoren, irgendwann schreit seine Frau Sigrid: "Er ist Erster! Der Jung ist Erster. Gerd, jetzt komm endlich wieder rein!" Für einen Moment ist er noch sitzen geblieben, hat nach oben geblickt und war zufrieden. Dann ist er wieder reingegangen und hat noch gesehen, wie sein Enkel im Zieleinlauf der legendären "Streif" in Kitzbühel die Hände nach oben reißt.

Es heißt, ein Sieg bei der Abfahrt vom Hahnenkamm hinunter ist das Größte, was ein Skirennfahrer im Weltcup erreichen kann. Thomas Dreßen hat es am vergangenen Samstag geschafft. 39 Jahre nach dem letzten deutschen Sieg durch Sepp Ferstl raste der 24-Jährige zum Sieg. "Für den Thomas", erzählt sein Großvater, "bedeutet es so viel mehr." Für einen kurzen Moment ist Stille. Es geht um jenen Augenblick am 5. September 2005, als in Sölden ein schweres Unglück geschah. Thomas Dreßen war gerade einmal elf Jahre alt. Vater Dirk, 43, war damals mit Kindern beim Gletschertraining. Ein Helikopter verlor genau über der Seilbahn einen 750-Kilo-Betonkübel, woraufhin eine Gondel abstürzte. Weitere Skifahrer wurden aus anderen Gondeln rausgeschleudert. Sechs Kinder und drei Erwachsene verloren ihr Leben und Thomas und sein jüngerer Bruder Michael ihren Vater. Michael entkam dem Unglück nur, weil er sich kurz zuvor beim Papa abgemeldet hatte. Er musste mal Pipi. "Und plötzlich steht die Welt still", sagt Gerd Dreßen.

Der Streifsieger in der Heimat Jülich: Thomas Dreßen (l.) mit seiner Oma Sigrid und Bruder Michael. Foto: Familie Dreßen

Der Wintersport spielt im Leben der Familie schon immer eine große Rolle. Der Großvater hat zig Ski-Marathonläufe absolviert, Sohn Dirk war Biathlet. Dabei gilt Jülich nicht gerade als natürlicher Beginn einer Karriere im Alpinsport. "Wir haben ein Wochenendhaus in der Eifel, dadurch waren wir oft im Schnee, und so hat es sich eben ergeben." Dirk Dreßen ist durch den Sport nach Mittenwald in Bayern gezogen und hat dort das Geschäft der Schwiegereltern übernommen. Thomas und Michael sind in Garmisch-Partenkirchen geboren, in Jülich haben sie indes viel Zeit in den Ferien bei den Großeltern verbracht.

Thomas Dreßen trägt seinen Vater im Herzen — und auf dem Helm

"Nach dem Tod unseres Sohnes haben wir versucht, sie so gut es geht zu unterstützen. Es war eine intensive Zeit." Während Michael zunächst nichts mehr vom Skifahren wissen wollte, setzte Thomas den Weg fort. "Er wollte im Sinne des Vaters weitermachen", sagt Gerd Dreßen. Thomas besuchte in Österreich die Skihauptschule Neustift im Stubaital und später das Skigymnasium Saalfelden, wo er seinen Abschluss machte. Er ist ein Koloss auf zwei Brettern, 1,88 Meter groß und 100 Kilo schwer. "Ich trage den Vater immer im Herzen, und auf meinem Helm ist er mit den Zahlen 44" - die für Dirk Dreßen (4. Buchstabe im Alphabet) stehen - "bei jedem Rennen dabei." Er spricht im tiefsten bayrischen Dialekt, die rheinischen Wurzeln hört man ihm nicht an.

Der Name Thomas Dreßen war bis zu dem vergangenen Wochenende nur Feinschmeckern des alpinen Wintersports ein Begriff. Ja, seine Formkurve zeigte in den vergangenen Wochen nach oben. Beim Rennen in Beaver Creek im US-Bundesstaat Colorado im Dezember fuhr Dreßen als Dritter erstmals in seiner Karriere aufs Podest. Dieses Kunststück hatte bis dahin von den deutschen Abfahrern zuletzt Max Rauffer vor 13 Jahren geschafft. Dreßen hat sich schon damit zum Geheimfavoriten bei den Winterspielen in Südkorea gemausert.

Nun Kitzbühel. Sein erster Sieg im Weltcup. "Wenn du so gut wirst, dass du die Streif gewinnst, dann bist du wer", erzählt Gerd Dreßen, habe Dirk immer zu Thomas gesagt. "Das ist ein Moment, den man nur schwer greifen kann. Und alle sagen, er kann noch viel besser werden. Ich gönne es dem Jungen."

Hier geht es zur Infostrecke: Dreßen gewinnt auf der Streif: Reaktionen

(gic)
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