Sebastian Vollmer: NFL-Superstar aus Kaarst im Interview

NFL-Champion aus Kaarst : Sebastian Vollmer spricht über Heimat, Zweifel und Fortuna

In der Nacht zu Freitag beginnt die neue NFL-Saison. Kein Deutscher hat in der Liga eine Karriere gemacht wie Sebastian Vollmer. 2015 und 2017 gewann der Kaarster den Superbowl mit den New England Patritos. Im Interview spricht er über Heimat, Selbstzweifel und Völlerei.

Der Super-Bowl, das Finale der National Football League (NFL), ist das größte Sportspektakel der Welt. Ein Rheinländer hat die Trophäe zweimal gewonnen. Sebastian Vollmer aus Kaarst hat in den USA eine große Sportkarriere gemacht. Sein Weg begann beim Football-Team der Düsseldorf Panthers. Nach dem Abitur in Neuss wechselte Vollmer ans College in Houston und von dort aus in die NFL zu den New England Patriots. Dieser Weg war nicht leicht. Heute ist Vollmer 34 Jahre alt, seine Karriere hat er verletzungsbedingt beendet.

In Ihrer Karriere hatten Sie so gut wie nie den Ball in der Hand. Ihr Job war es, Ihren Quarterback vor Angreifern zu schützen. Können Sie unseren Lesern erklären, warum es trotzdem Spaß macht, Football zu spielen?

Sebastian Vollmer Football war für mich eine einzige Faszination. Besonders die Gemeinschaft hat es mir angetan. Gemeinsam an etwas zu arbeiten, gemeinsam zu leiden. Dieses: „Uns allen geht es schlecht, aber wir machen trotzdem weiter.“ Oder montags in der Kabine zu sein, und keiner kann sich bewegen. Das Physische hat mir gefallen. Außerdem gibt es ein riesiges Drumherum, die Leute kommen lange vor dem Spiel zur Arena, grillen und quatschen. Das gibt es so in Deutschland nicht. Den Ball hatte ich in meiner Karriere vielleicht fünf Mal während eines Spiels. (lacht)

Tut Ihnen morgens irgendwas nicht weh, wenn Sie aufstehen?

Vollmer Der Körper verschleißt, aber man lernt, damit zu leben.

Nach Ihrem Karriereende im vergangenen Jahr haben Sie ein Buch geschrieben. Warum muss man es lesen?

Vollmer Es ist eine Biografie. Ich denke, es ist eine Geschichte, die kein anderer Deutscher so erzählen kann. Es geht um meinen Weg von meiner Heimat Kaarst, über Düsseldorf aufs US-College und schließlich zu den New England Patriots in die NFL. Es geht um Verletzungen, um meine Zweifel, die Quälerei. Es ist eine Geschichte, die man als Fan nicht mitbekommt. Der Fan sieht nur die Show. Für mich war es wichtig, die Geschichten abseits des Feldes aufzuschreiben, um den Fans etwas zurückzugeben. Es ist ein ehrliches Buch, so geschrieben, wie ich es empfunden habe.

Sie hatten Zweifel? Das ist nicht das Erste, was man mit einem Football-Spieler assoziiert.

Vollmer Es gab nicht wenige Situationen, in denen ich gezweifelt habe. Ganz am Anfang ging es los. Kurz nachdem ich aus Kaarst in die USA gezogen war, meinte eines der Oberhäupter der Universität mit Bezug auf mich: „Da haben wir schon wieder eines unserer Stipendien verschenkt.“ Da wurden von oberster Stelle Zweifel geäußert, ob ich es auf dem College überhaupt schaffen kann.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Vollmer Abends lag ich häufiger im Bett und dachte: Hat der recht? Für mich war die Lösung harte Arbeit, Kopf runter, durch, einfach alles geben. Aber das ging nicht von jetzt auf gleich, es hat gedauert, bis ich zu der Erkenntnis kam.

Würden Sie jungen Sportlern das als Rat mitgeben?

Vollmer Nicht nur Sportlern. Zweifel kennt jeder, da kann sich jeder hineinversetzen. Mir persönlich hat harte Arbeit immer geholfen. Man muss an den Punkt kommen, an dem man sagt: Warum eigentlich nicht? Man sollte andere Menschen nicht bestimmen lassen, welchen Weg man geht.

Ist der Wille im Profisport also wichtiger als Talent?

Vollmer Die Amerikaner sagen: „Hard work beats talent, if talent does not work hard“, zu Deutsch: Harte Arbeit schlägt Talent, wenn das Talent nicht hart arbeitet. Wenn du Talent hast und hart arbeitest, ist alles möglich. Aber du kannst auch mit weniger Talent viel rausholen. Du kannst 99 Prozent der Leute durch Arbeit ausstechen. Dafür muss man aber auch Zugeständnisse zu machen.

Hatten Sie Heimweh, als Sie vor 14 Jahren in den USA ankamen?

Vollmer Sehr. Besonders am Anfang. Als ich hier angekommen bin, hat ein Telefonat in die Heimat fast zwei Dollar pro Minute gekostet. Das hat den Kontakt erschwert. Ich bin ein Mensch, der viel nachdenkt, der Abschied ist mir sehr schwer gefallen. Darüber konnte ich in meiner Karriere nicht sprechen. Als Profi muss man ein harter Hund sein.

Welche Beziehung haben Sie nun zu ihrer Heimat?

Vollmer Mein Lebensmittelpunkt sind die USA geworden. Ich lebe hier mit meiner Frau und meinen beiden Kindern. Aber Deutschland ist ein großer Teil von mir, den ich an meine Familie weitergeben möchte, damit meine Kinder wissen, wo ihr Vater herkommt. Wir sind regelmäßig in Deutschland. Ich hoffe, es wird in Zukunft noch häufiger sein. Von der Ostküste bin ich relativ zügig da. Ich hoffe, bald mal einen ganzen Sommer in Deutschland zu verbringen.

Wenn Sie Deutschland sagen, meinen Sie Kaarst?

Vollmer Meine Eltern und meine Schwester leben dort. Aber ich bin auch gerne in Düsseldorf, da fühle ich mich wohl. Mein Leben hat sich zwar unfassbar verändert, aber ich bin noch derselbe wie damals als Schüler in Neuss am Quirinus-Gymnasium.

In Ihrer Heimat ist Fußball der meistgesehene Sport. Fiebern Sie mit einem Verein?

Vollmer Als Kind war ich fast jedes Wochenende mit meinem Vater bei Fortuna Düsseldorf. Es ist definitiv die Fortuna, in einem anderen Stadion war ich nie.

Ein großer Teil ihres Alltags als Profi war das Essen. In Ihrer Karriere hatten Sie einen enormen Kalorienbedarf und mussten quasi rund um die Uhr Nahrung zu sich nehmen, um genug Masse für die Zweikämpfe zu haben. Haben Sie die Völlerei satt?

Vollmer Ich hatte als Offensive Tackle 150 Kilo, jetzt habe ich etwa 30 Kilo abgenommen. Ich musste Kalorien in mich reinstopfen, um diese Kilozahl zu halten. Ich esse jetzt dasselbe wie während meiner aktiven Zeit, nur viel weniger. Damals habe ich Esslöffel Olivenöl runtergeschluckt, damit ich genug Kalorien zu mir nahm. Für mich war viel essen immer ein Problem, jetzt muss ich das zum Glück nicht mehr.

Die neue Saison hat begonnen. Schlagzeilen machen die Äußerungen von US-Präsident Donald Trump zum Dauerprotest einiger Spieler gegen Rassismus und Polizeigewalt. Wie bewerten Sie die Tatsache, dass Trump einige Spieler als Hurensöhne beschimpft hat?

Vollmer Ich glaube, die Amerikaner konnten sich vor ein paar Jahren nicht vorstellen, dass ihr Präsident mal so etwas sagen würde. Für mich ist unvorstellbar, dass Angela Merkel sich jemals so äußern könnte. Es ist ein riesen Thema, das seit zwei Jahren tobt.

Wer hat in diesem Jahr die besten Chancen darauf, den Super Bowl zu gewinnen?

Vollmer Für mich ist es immer der amtierende Meister, vor allem wenn sich personell wenig ändert. Im Moment sind das die Philadelphia Eagles. Die Patriots sind ja immer irgendwie dabei. Solange Tom Brady da ist, klappt es ja doch. Aber sie müssen bei den Receivern nachrüsten. Die Los Angeles Rams und Jacksonville Jaguars muss man auch nennen.

Sebastian Fuhrmann führte das Gespräch

(sef)
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