Ungleiche Bezahlung im US-Sport Billiglöhner unter Millionären

Seattle · Footballer oder Basketballer verdienen in den USA Millionen – solange sie männlich sind, die richtige Position spielen, verletzungsfrei bleiben oder schlichtweg Glück haben. Ein Blick auf die Schattenseiten des amerikanischen Profisports.

NBA 18/19: Die zehn Topverdiener der NBA
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Die Topverdiener der NBA-Saison 18/19

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Foto: USA TODAY Sports/Bill Streicher

Als Russell Wilson im April den Stift aufs Papier setzt und seinen neuen Arbeitsvertrag unterschreibt, ist er auf einen Schlag um 65 Millionen Dollar reicher. Mehr noch: Sollte Wilson ab September regelmäßig seinen Job machen, wird diese Summe innerhalb der nächste vier Jahre auf 140 Millionen Dollar steigen. Seit dem 15. April 2019 ist der Quarterback der Seattle Seahawks der bestbezahlte Spieler der National Football League (NFL).

Die Basketball-Spielerin Marie Gülich, bis 2014 für Opladen am Ball, ist dieser Tage hingegen im Stress. Vor weniger als zwei Wochen endete für sie die Saison in Italien, wo sie mit Venedig bis ins Halbfinale um die Meisterschaft kam. Am vergangenen Montagabend landete sie bei ihrer Familie im Westerwald, verbrachte dort den Feiertag am 1. Mai und flog tags darauf schon weiter in die USA. Dort wird Gülich ab Ende Mai wieder auf Körbejagd gehen, für die Atlanta Dream in der WNBA, der besten Frauen-Basketball-Liga der Welt.

Umgerechnet knapp 40.000 Euro  wird sie dort in den kommenden Monaten verdienen. Für den Otto-Normal-Angestellten mehr als ordentlich, doch in der Welt des amerikanischen Profi-Sports gehört Gülich damit zum Bodensatz. Was sie in der WNBA pro Saison verdient, bekommt Football-Star Wilson an einem halben Tag.

Weibliche Basketball-Stars wie Gülich spielen nach der rund vier monatigen WNBA-Saison noch in Europa weiter. In Venedig bessert die Center-Spielerin zwischen Oktober und April ihr Jahreseinkommen auf. Die besten Spielerinnen der Welt kommen so beispielsweise in der russischen Liga auch auf ein Millionen-Salär, doch an die Einkünfte männlicher Sportstars reicht es trotz ganzjährigen Einsätzen nicht mal ansatzweise heran. „Manchmal frage ich mich schon, warum man das als Frau machen muss. Warum Männer im Sommer Pause haben, während wir zwölf Monate bei mehreren Teams durchspielen“, sagt Gülich.

Während der bestbezahlte männliche Basketballer in der laufenden Saison rund 38 Millionen Dollar kassierte, liegt die Höchstsumme in der Frauen-Liga bei umgerechnet 102.000 Euro. Zum „Equal Pay Day“, dem international Tag für gleiche Gehälter von Frauen und Männern, protestierten deshalb zahlreiche Top-Spielerinnen der weiblichen NBA – auch Gülich verbreitete über die sozialen Netzwerke ein Statement.

Doch längst sind nicht nur Frauen von den Ungleichheiten und Unsicherheiten des amerikanischen Sportsystems betroffen.

Wer in den USA in eine der Profiligen möchte, der geht in der Regel den Weg über die Universitäten. Die sportlichen Wettstreits im Basketball oder Football bringen den Hochschulen Jahr für Jahr Milliarden-Einnahmen, durch Tickets, Fanartikel und lukrative TV-Verträge. Die Hochschul-Sportler bekommen zwar ein akademisches Stipendium, Gehälter für die sportlichen Leistungen sind jedoch verboten. „Es ist verrückt welche Summen da bewegt werden, ohne dass die Sportler davon profitieren“, sagt Moritz Wagner, der drei Jahre Basketball an der Universität von Michigan Basketball spielte, bevor ihn die Los Angeles Lakers in die NBA holten.

Wer es einmal in eine der Top-Ligen geschafft hat, sollte sich besonders im American Football vorher Gedanken um seine Position gemacht haben. 17 der 20 bestverdienenden Spieler sind Quarterbacks wie Russell Wilson.

Längst nicht jeder NFL-Spieler wird zwangsläufig reich mit seinem Sport. „Von 53 Spielern im Kader bekommen vielleicht fünf das große Geld“, sagt Ex-NFL-Spieler Björn Werner. „Klar, man kann nicht allen 53 Millionen-Verträge geben, aber ein großer Teil dieser Spieler wird wie ein Stück Fleisch behandelt. Bezahlt wird da nur, wer auch spielt. Wer verletzt ist oder von den Trainern keine Chance bekommt, verdient auch kein Geld.“ Denn anders als in anderen Sportarten und Ligen wie der Fußball-Bundesliga, ist ein Großteil des NFL-Gehalts von den Leistungen des Spielers abhängig. So bekommt der Deutsche Mark Nzeocha, Linebacker der San Francisco 49ers, für seinen neuen Dreijahresvertrag zunächst mal „nur“ 700.000 Dollar garantiert. Die übrigen vier Millionen Dollar muss er sich durch Leistungen auf dem Feld verdienen, mit jedem Ausfall sinkt der Betrag.

Außerdem könnte Nzeocha – wie alle anderen Spieler – jederzeit ohne Kompensation entlassen werden, beispielsweise bei einer schweren Verletzung. Laut einer Studie der Harvard-Universität liegt die Gefahr, beim Football verletzt zu werden, fast fünf Mal höher als in anderen Sportarten. Eine durchschnittliche Karriere als Footballer dauert laut „Wall Street Journal“ keine drei Jahre. Björn Werner musste nach nur vier Jahren seine Karriere verletzungsbedingt beenden. Andere Spieler würden versuchen, ihre Spielzeit durch gefährliche Schmerzmittel und Operationen zu verlängern. „Aber ich wollte mein Leben nicht für ein, zwei weitere Jahre in der NFL riskieren“, sagt Werner. Sein Vorschlag: „Die Team-Besitzer und die Liga sollten dafür sorgen, dass auch diese Spieler mehr finanzielle Sicherheit bekommen für das Risiko, das sie tagtäglich im Training eingehen.“

 Der Deutsche Mark Nzeocha (links) attackiert Seattles Quarterback Russell Wilson.

Der Deutsche Mark Nzeocha (links) attackiert Seattles Quarterback Russell Wilson.

Foto: dpa/Foto: Tony Avelar/dpa
 Marie Gülich im Trikot von Umana Reyer Venedig.

Marie Gülich im Trikot von Umana Reyer Venedig.

Foto: imago/HochZwei/Syndication/Foto: imago/HochZwei/Syndication

Leisten könnte sich die NFL solche höheren Garantien: Aktuell zahlen die Klubs rund drei Milliarden Dollar  pro Jahr an über 2000 Spieler. Gleichzeitig setzt die Liga über 25 Milliarden Dollar um, mit über acht Milliarden Dollar Gewinn im vergangenen Jahr ist die NFL die profitabelste Sportliga der Welt. Die Frauen-Basketballliga indes setzt pro Jahr rund 60 Millionen Dollar um und gibt davon immerhin jeden fünften Dollar an ihre Spielerinnen weiter. Oder anders gesagt: Nach der Unterschrift unter seinen neuen Vertrag könnte Russell Wilson nun fünf Jahre lang ganz leicht die Gehälter aller WNBA-Spielerinnen bezahlen.