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NBA-Streik: Playoffs Spielabsage nach Polizeigewalt in USA: Ein Vorbild für den Fußball

Spieler-Streiks in der NBA : Ein Vorbild für den Fußball

Analyse Nach rassistischer Polizeigewalt bestreiken zahlreiche NBA-Teams die Playoffs, auch andere US-Sportarten üben den Aufstand. Eine beeindruckend konsequente Entscheidung, an der sich auch der Sport in Europa wird messen lassen müssen.

Am Mittwochabend um 22 Uhr sollte die Playoff-Partie zwischen den Milwaukee Bucks und den Orlando Magic beginnen. Es wurde 22 Uhr, doch kein Spieler betrat das Feld. Wenig später am Abend war klar: Die NBA-Spieler sind in den Streikt getreten, alle drei für die Nacht angesetzten Partien wurden verschoben.

Die Basketball-Profis, 74 Prozent von ihnen haben einen afro-amerikanischen Familien-Hintergrund, ziehen mit dieser Entscheidung eine beeindruckende Konsequenz aus dem jüngsten Fall von Polizeigewalt gegen schwarze Menschen in den USA. Schon vor Wiederaufnahme der Spiele in der besten Basketball-Liga der Welt, Ende Juni, hatten die Spieler auf ihr Recht beharrt, deutliche Zeichen gegen strukturellen Rassismus setzen zu dürfen. Letztlich einigte man sich mit der Liga auf verschiedene Aktionen: Auf dem Spielfeld prangte der Slogan „Black Lives Matter“ (schwarze Leben zählen), die Spieler durften sich ähnliche Sprüche auf die Rückseite ihrer Trikots drucken lassen.

Doch schon damals gab es Rufe danach, den Spielbetrieb solange ruhen zu lassen, bis Gesetze und Reformen die Situation der schwarzen Bevölkerung in den USA wirklich verbessern. Nach den Schüssen eines Polizisten in den Rücken von Jacob Blake im Bundesstaat Wisconsin scheinen die Sportler nun gewillt, diesen Schritt zu gehen.

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Die Sportler suchen so die Auseinandersetzung mit der Politik und dem Justizsystem Kostenpflichtiger Inhalt in einem Land, das nur auf dem Papier gleiche Rechte für alle Bevölkerungsgruppen bietet. In der Realität sind Weiße systematisch übervorteilt, haben bessere Bildungs- und Berufschancen, werden wesentlich seltener Opfer von gewalttätigen Polizisten und landen unterproportional selten für Vergehen im Gefängnis.

Die Spieler der NBA haben immer wieder auf diese Missstände hingewiesen, allen voran Lebron James, der momentan wohl beste Basketball der Welt. Der Superstar schloss sich am Mittwochabend dem Streik an und setzt so womöglich aufs Spiel, im Alter von 35 Jahren nochmal einen Titel zu gewinnen. Zurzeit ist völlig offen, wie lange der Streikt dauert und ob die laufende Saison sogar vorzeitig beendet wird.

Doch sportliche Ziele spielen zurzeit eine untergeordnete Rolle. Das betonen die Basketballer

gebetsmühlenartig schon seit Wiederaufnahme des Spielbetriebs , nun handeln sie entsprechend. Und sie sind damit nicht allein: Mehrere amerikanische Profi-Teams im Baseball, Fußball und Frauen-Basketball schlossen sich dem Streik an, einzig im kanadisch geprägten Eishockey wurde wie geplant gespielt. Dafür sagte Tennis-Superstar Naomi Osaka ein in New York geplantes Turnier ab, aus der Football-Liga wurden Stimmen laut, den Saisonstart in zwei Wochen auszusetzen.

All die Zeichen und Aktionen haben ein Ziel und eine Forderung: der marode Sicherheitsapparat der USA soll endlich reformiert werden. Weil er solch weitreichende Maßnahmen ablehnt, sind die Arbeitsniederlegungen auch als Kritik an Präsident Donald Trump zu verstehen. Der forderte schon in der Vergangenheit von den Basketballern, sie mögen „die Klappe halten und dribbeln.“

Dabei wird der Sport nur allzu gerne von der Politik dafür missbraucht, unliebsame Entwicklungen und Themen zu überstrahlen. Wer will schon gegen Ungerechtigkeiten aller Art demonstrieren, wenn gleichzeitig die seit Kindheit an verehrten Stars im Basketball, Baseball, Eishockey oder Football um die Meisterschaft kämpfen? Den Sportlern in den USA ist diese Verantwortung bewusst und endlich lassen sie mehr als nur Worte folgen. Die Streiks rücken die Ursache in den Fokus, sie erhöhen den Druck auf die Entscheidungsträger. Nicht zuletzt, weil es wie überall im Sport um gewaltige Geldsummen geht. Auch in dieser Sache setzen die Sportler nun klare Prioritäten: Ohne Spiele müssen auch sie auf Einnahmen verzichten.

Derartige Entschlossenheit ist im europäischen Sport, also vor allem im Fußball, nahezu unbekannt. Schwarze Spieler werden hier noch vom Schiedsrichter des Feldes verwiesen, wenn sie sich gegen rassistische Rufe aus dem Publikum wehren. So geschehen letzte Saison beim Pokalspiel Schalke gegen Berlin. Debatten um die gesellschaftliche Bedeutung des Sports oder gar eine Spielunterbrechung gab es in der Bundesliga zuletzt nur, als der Multi-Milliardär Dietmar Hopp von einigen Fans bepöbelt wurde. Die Szene aus dem Spiel Hoffenheim gegen Bayern wurde später sogar zur „Geste des Jahres“ gekürt.

Da drängt sich die Frage auf: Welche Auszeichnung sollten dann erst Sportler erhalten, die ihre finanziellen und sportlichen Ziele hintanstellen, um sich gegen willkürliche Morde durch Polizisten und gesellschaftlich-strukturell begünstigten Rassismus einsetzen? Doch das ist eine theoretische Frage, denn ebensolches Engagement fehlt im europäischen Sport weitestgehend. Wohltuende Initiativen wie die von Bayern-Star Leon Goretzka für die KZ-Gedenkstätte Ausschwitz sind die Ausnahme. Meistens bleibt es beim Hochhalten von „Respekt“-Bannern, roten Karten für Rassismus oder dem Verlesen schwammiger „Erklärungen gegen jede Form von Hass und Gewalt“. Dabei gäbe es auch in Europa, in Deutschland mehr als genug Anlässe, als Sportler seine Stimme zu nutzen und im Härtefall ein konsequentes Zeichen zu setzen.