Filmkritik zu "Der perfekte Wurf": Ganz nah dran an Dirk Nowitzki

Filmkritik zu "Der perfekte Wurf" : Ganz nah dran an Dirk Nowitzki

"Der perfekte Wurf" erzählt die Karriere des deutschen Ausnahme-Basketballers nach und lässt dabei Weggefährten auch ein Bild des Menschen zeichnen.

Minutenlang vergisst man, dass man es besser weiß. Dass Dirk Nowitzki als einer der größten deutschen Sportler aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingehen wird, dass er unzählige Rekorde brach, die deutsche Flagge bei Olympia trug, die ersehnte Meisterschaft in der nordamerikanischen Profiliga NBA gewann und befreit von diversen Balkonen in Würzburg und der Welt winkte.

Denn man sieht einen 19-jährigen, verlorenen Dirk Nowitzki - mit Neunziger-Jahre-Mittelscheitel und Ohrring, ganz Schlaksigkeit und Schüchternheit - aus der Idylle seiner verschlafenen fränkischen Heimat verschlagen nach Dallas, Texas, wo Amerika am amerikanischsten ist. Man sieht die Muskelberge, die ihn auf dem Weg zum Korb aus der Luft rammen, und die Schiedsrichter, die dem ausländischen Neuling auch noch ein Foul dafür anhängen, man hört die eigenen Fans pfeifen. Und empfindet nur Mitleid für ein Kind und seinen Traum, der viel zu früh geplatzt zu sein scheint.

Entspannend, erleichternd, erheiternd wirken die Rückblenden und aktuellen Blödeleien beim Yoga und in der alten Schulturnhalle, die Interview-Schnipsel von Familie, Freunden, Journalisten, Basketball-Legenden. Als Höhepunkt ein Zeitsprung zum tiefenentspannten Nowitzki von Mitte 2013, der alles erreicht hat und fast zusammenbricht vor Lachen und etwas Pro-forma-Scham, weil er gerade dem besorgten Helmut Schmidt vorgeflunkert hat, er würde im nun angebrochenen Herbst seiner Karriere nebenher studieren, BWL, doch, doch...

Doch Druck und Frust lauern hinter jedem zweiten Schnitt, so ehrlich ist "Der perfekte Wurf" zu seinem Protagonisten. Die Tiefschläge trafen ihn in schneller Folge: 2005 der Steuerhinterziehungsskandal um seinen so kauzig-genialen wie umstrittenen Entdecker, Mentor, Privattrainer bis heute, Holger Geschwindner. Ihre Sympathie gegenüber dem Protagonisten verbergen die Filmemacher nie, doch sie lassen auch keinen Tiefpunkt aus.

2006 das dramatisch verlorene NBA-Finale und die Häme der Journalisten, die ihn "No-Win-Ski" taufen, weil er es bei allem Talent und allen starken individuellen Statistiken nicht schafft, Dallas zur Meisterschaft zu führen. 2007 der Pokal für den besten Spieler der Saison - der zum Fluch wird angesichts des blamablen Scheiterns seiner topgesetzten Mannschaft. 2009 kippt auch das Privatleben des einsamen Wolfs Nowitzki von Null ins bodenlos Negative, als seine Verlobte als kriminelle Betrügerin auffliegt.

"Ich bin froh, wenn ich Kreismeister in Fürstenfeldbruck werde", sagt ein langjähriger Freund hier in die Kamera - doch der Weltstar Nowitzki habe ihm in diesen dunklen Zeiten gesagt, dass er der Ansicht sei, nichts erreicht zu haben, Millionen Dollar hin, glückliche Fans her.

Dass dann die klassisch-klischeeige Wende kommt, hin zum perfekten Abschluss der märchenhaften Heldenreise, ist dem Kölner Filmemacher Sebastian Dehnhardt nicht vorzuwerfen. So war es eben. Nowitzki nimmt Revanche an Gegnern und Kritikern, zerstreut mit dem Gewinn des NBA-Titels 2011 alle Zweifel daran, dass er zur absoluten Basketball-Elite gehört, den 20 Spielern nach dem über allen schwebenden Michael Jordan. Auch privat hat Nowitzki das Glück gefunden, er ist glücklicher Ehemann und Familienvater und wirkt so selbstverständlich in dieser Rolle, als wäre es nie anders gewesen.

Und weil er bei der Vertragsverlängerung im Juli freiwillig auf rund 70 Millionen Dollar Gehalt verzichtete, um bessere Mitspieler verpflichten zu können, bekommt er vielleicht sogar noch eine Chance auf den NBA-Titel Nummer zwei.

Zwei Jahre Dreharbeiten für diese 104 Minuten Film haben sich gelohnt, sogar für Nowitzki-Kenner: Zum ersten Mal überhaupt etwa spricht Mutter Helga öffentlich über ihren Sohn. Und dessen sonst ebenfalls zurückgezogene Frau Jessica, Schwedin mit kenianischen Wurzeln, der heimliche Star des Films, nutzt den großen Rahmen mit sichtlichem Vergnügen dazu, ihrem Göttergatten gönnerhaft Bowling-Tipps zu geben. Auch alle anderen wichtigen Weggefährten, prominent oder unbekannt, kommen zu Wort und zeichnen mit oft erfrischend-kernigen Anekdoten ein facettenreiches Bild des als grundsympathisch, aber auch einsilbig und verschlossen geltenden Nowitzki.

Der zeigt sich gelöst wie nie, mal staubtrocken und mal albern, frei von falscher Bescheidenheit, doch ohne Illusionen über seine Leistungen für die Menschheit: "Ich kann relativ gut 'nen Ball in'n Körbchen reinschmeißen", so sieht er das. "Der perfekte Wurf" ist in diesem Sinne ein relativ guter Film, der nach mäßigem Beginn gewaltig Fahrt aufnimmt. Wenn der Abspann läuft, hat man ein gutes Gefühl für diesen 2,13 Meter großen ewigen Jungen gewonnen, seine Wurzeln, seinen Weg, seine Welt.

Schade ist einzig, dass das Sportliche dabei arg zu kurz kommt. Dafür, dass Nowitzki jedes einzelne Sportlerklischee erfüllt, vom Teamplayer bis zum bodenständig gebliebenen Weltstar, kann ja niemand etwas.

(RP)
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