Dirk Nowitzki im Interview: "Meine Zukunft liegt in Amerika"

NBA-Star Dirk Nowitzki im Interview : „Meine Zukunft liegt in Amerika“

Dirk Nowitzki hat den Basketball revolutioniert, Rekorde gebrochen, Titel und Auszeichnungen gewonnen. Im Interview spricht der 40-Jährige über seine Karriere, seine Zukunftspläne und verrät, welche Auswirkung das Alter auf sein Spiel hat.

Wenn sich Dirk Nowitzki von der Bank erhebt und das Parkett der heimischen Arena in Dallas betritt, tobt die Halle. Jedes Mal. Wenn Nowitzki einen Wurf trifft und seiner Ausbeute von über 31.000 Punkten in der NBA weitere Zähler hinzufügt, droht die Stimmung überzukochen. Die Fans genießen sie, diese mutmaßlich letzte Saison des besten Basketballers, der je in Dallas gespielt hat.

Und Nowitzki selbst? Vor dem Spiel albert der 40-Jährige noch immer mit seinen Mitspielern, die teils weniger als halb so alt sind wie er, herum. Im Spiel tut er sich zunehmend schwer, die Knochen schmerzen, doch noch immer eilt er von Rekord zu Rekord. In der Nacht zum Dienstag, im Spiel gegen New Orleans, könnte er auf den sechsten Platz der ewigen Rekordliste für erzielte Punkte rücken. Im Vorfeld sprach Clemens Boisserée in Dallas mit dem Würzburger über Vergangenheit und Zukunft des Basketball-Stars.

Herr Nowitzki, 31.416 Punkte haben Sie jetzt auf dem Konto. Mehr als Basketball-Legenden wie Shaquille O'Neal und Tim Duncan. Vier Zähler fehlen noch, um Wilt Chamberlain einzuholen. Sind solche Meilensteine der Grund, wieso sie auch mit 40 noch auf dem Feld stehen?

Dirk Nowitzki: Nein, überhaupt nicht. Der Wettbewerb macht immer noch Spaß. Ich habe immer gesagt, dass ich nicht für ein wenig Applaus und ein paar Meilensteine noch ein Jahr dran hänge, sondern zurückkomme, solange die Spiele noch Spaß machen.

Sie spielen Ihre 21. Saison. Was wird Ihnen fehlen, wenn Ihre Karriere endet?

Nowitzki: Der Wettbewerb auf dem Feld und die Kameradschaft in der Kabine. Ich habe mit vielen ehemaligen Mitspielern gesprochen, die aufgehört haben, wie Jason Kidd oder Steve Nash. Die sagen auch, dass das die beiden Sachen sind, die man vermissen wird und dass es ein paar Jahre dauert, bis dieses Gefühl weg ist. Aber man muss dann halt andere Sachen finden, neue Herausforderungen suchen. Aber ich bin mir sicher, dass mich fürs erste meine Kinder (drei Kinder zwischen zwei und fünf Jahren) auf Trab halten werden.

Haben Sie Sorge, dass über 1500 NBA-Spiele irgendwann ihren körperlichen Tribut fordern?

Nowitzki: Naja, ich merke das ja schon jetzt. Ich brauche noch mehr Disziplin als früher und kann im Sommer nicht zwei Monate nichts machen. Dann käme mein Körper nicht mehr in Form. Eine eigentlich harmlose Fußverletzung wie letzte Saison zeigt das deutlich: da musste ich sieben Wochen aussetzen und habe danach Monate gebraucht, um wieder auf dem Feld zu stehen.

Sie sprechen die Verletzung an. Haben Sie da bereits ans Karriereende gedacht?

Nowitzki: Auf jeden Fall war die lange Ausfallzeit sehr bitter. Die hat mich richtig zurückgeworfen und mir ein wenig die Saison versaut. Ich habe bis Januar dieses Jahres gebraucht, um in die Gänge zu kommen. Jetzt kann ich wieder einigermaßen effektiv spielen. Es macht wieder mehr Spaß.

Wovon machen Sie es abhängig, ob es nächste Saison nochmal weitergeht?

Nowitzki: Ich habe keine Ahnung, was die Zukunft so bringt. Ich will die Saison zu Ende spielen und dann schauen wir mal. Ich war im vergangenen Sommer fast jeden Tag in der Halle, bin gar nicht nach Deutschland gekommen und war nur kurz mal mit den Kindern am Strand. Ansonsten habe ich durchtrainiert, um in Form zu kommen. Wenn ich noch ein Jahr spielen möchte, geht das Ganze von vorne los: fünfmal die Woche Krafttraining, viel in der Halle sein, da muss man dann schon dranbleiben.

Welche Auswirkungen hat das Alter auf Ihr Spiel?

Nowitzki: Der Fuß ist nicht mehr toll, klar musste ich da nochmal mein Spiel drauf anpassen. Ich versuche jetzt, das Spielfeld breiter zu machen, meinen Mitspielern Raum zu verschaffen und meine Würfe von der Dreierlinie zu bekommen. Und das war es dann.

Bei den Mavericks haben Sie ein junges Team, ihr bester Spieler Luka Doncic ist 20 Jahre alt. Wie helfen Sie diesen Spielern?

Nowitzki: Ich helfe einfach mit meiner Erfahrung. Wir arbeiten an freien Tagen zusammen, ich gebe den Jungs Tipps, wie sie sich verhalten müssen oder wenn es mal nicht so läuft, was sie tun sollen. Aber ein Luka Doncic ist zwar erst 20, hat allerdings auch schon vier Jahre bei Real Madrid gespielt, bevor er rübergekommen ist. Dem braucht man kaum noch was erklären. Aber klar, wenn die Jungs Fragen haben, dann stehe ich zur Verfügung.

Sie sind seit 1999 in der NBA. Wann hatten Sie denn den Eindruck, in der NBA angekommen zu sein?

Nowitzki: Das braucht schon mindestens bis zum zweiten Jahr. Das erste Jahr in der NBA war der Wahnsinn. Das erste Spiel war gleich gegen Detlef Schrempf. Die mediale Aufregung war damals schon riesig. Und das ist nur das Drumherum. Alles ist neu und schwer. Sportlich spielt man gegen die absoluten Mega-Stars, die man bis dato nur aus dem Fernsehen kannte. Man weiß nicht, wie es in den Auszeiten läuft, was in den Halbzeiten passiert oder welche Verpflichtungen es auch an den spielfreien Tagen gibt. Irgendwann wiederholt sich alles und dann ist man irgendwann voll drin.

Damals waren Schrempf und Sie die einzigen beiden Deutschen in der NBA. Heute sind Sie einer von sieben.

Nowitzki: Ja, wir haben gerade eine tolle Generation. Dennis Schröder, Daniel Theis, Moritz Wagner oder Maxi Kleber - das sind junge, athletische, schnelle Spieler, bei denen es Spaß macht ihnen zuzusehen.

Bei der WM im September trifft die Nationalmannschaft in der Vorrunde auf Frankreich, Jordanien und die Dominikanische Republik. Was trauen Sie dem Team zu?

Nowitzki: Zunächst mal die nächste Runde, ganz klar. Wir sind mit Frankreich zusammen klarer Favorit in der Gruppe. Und dann muss man schauen. Vorausgesetzt, alle sind gesund und können spielen, kann dieses Team sehr viel erreichen.

Bundestrainer Hendrik Rödl sagt, Ihnen stünden beim Deutschen Basketball Bund (DBB) nach dem Karriereende alle Türen offen. Können Sie sich eine Zukunft in Deutschland vorstellen?

Nowitzki: So wie es aussieht, liegt meine Zukunft hier in Amerika. Meine Kinder sind alle hier geboren, meine Tochter kommt nächstes Jahr in die Schule, von daher ist eine Rückkehr nach Deutschland nicht geplant. Entsprechend werde ich auch beim deutschen Basketball-Verband nicht involviert sein. Wenn ich etwas mache, dann möchte ich das auch zu 100 Prozent tun.

Wie ist denn überhaupt Ihr Kontakt zum DBB?

Nowitzki: Es gibt eigentlich keinen stetigen Kontakt zum Verband. Klar, einzelne Leute kenne ich schon ewig, mit denen spricht man ab und an mal.

Wollen Sie denn den genannten jungen deutschen NBA-Spielern in irgendeiner Form helfen?

Nowitzki: Die Jungs haben alle meine Nummer und können mich jederzeit anrufen. Aber man muss auch sehen, dass man seine eigenen Erfahrungen macht, da gibt’s nicht immer viel zu fragen. Als ich damals in die Liga kam, hat mir Detlef Schrempf auch seine Nummer gegeben, aber ich habe ihn nie angerufen. Man muss sich durch diese 82-Spiele NBA-Saison kämpfen, muss versuchen, jeden Tag besser zu werden und einfach Augen und Ohren offenhalten.

Zurück zu Ihrer vielleicht letzten Saison: Sie werden mittlerweile bei Auswärtsspielen von den gegnerischen Fans gefeiert. Können Sie das genießen?

Nowitzki: Das wollte ich eigentlich gar nicht. In Charlotte hat alles angefangen, da sind die Zuschauer kurz vor Spielende plötzlich aufgesprungen und haben meinen Namen gerufen. Und dann wurde das zu einer Art Schneeballeffekt. Das war bislang eine tolle Erfahrung. Aber natürlich ist das für mich nicht immer angenehm. Als in Los Angeles deren Trainer kurz vor dem Ende das Spiel extra für mich unterbrochen hat, wusste ich nicht was los war, ich stand dann zwei Minuten einfach da. Das war mir schon ein wenig peinlich.

Was geht Ihnen in solchen Momenten durch den Kopf?

Nowitzki: Natürlich denke ich manchmal zurück an all die Sachen, die man durchlebt hat, an all die Leute, die geholfen haben, an die Höhen und Tiefen, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen. Es ist Wahnsinn und Schade, wie schnell diese 20 Jahre verflogen sind. Es hat immer Spaß gemacht die Stadt und die Organisation zu repräsentieren.

Was machen Sie, wenn es dann mal vorbei ist?

Nowitzki: Ich glaube, wenn diese Entscheidung gefallen ist, brauche ich erstmal eine Pause. Dann stehen Frau und Kinder erstmal im Vordergrund, die mussten in den letzten Jahren echt oft zurückstecken und haben viele Opfer gebracht, weil ich so viel unterwegs war. Aber klar, man kann nicht nur zuhause sitzen und Windeln wechseln, da muss nach ein, zwei Jahren schon noch was kommen. Aber wie und wo und was, das ist noch alles total offen.

Sie haben mehr als Ihr halbes Leben mit Basketball verbracht. Was werden Sie nicht vermissen?

Nowitzki: Die ganze Sommervorbereitung. Wenn wir mit den Kindern verreisen und ich irgendwo in Afrika einen Kraftraum oder in Schweden eine Halle finden muss, um in Form zu kommen. Die Zeiten sind dann vorbei, da ist dann kein Druck mehr fit zu bleiben. Auch auf meine Diät muss ich dann nicht mehr achten. Man kann sich ein wenig gehen lassen, die Familie und gemeinsame Reisen genießen.

Wissen Sie schon wohin es im Sommer geht?

Nowitzki: Noch gibt’s keine Pläne. Die hängen halt auch von der Entscheidung ab. Wenn ich nochmal ein Jahr dranhänge, dann muss die Reise wieder kürzer ausfallen, aber wenn es das war, dann wird es etwas exzessiver.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Dirk Nowitzki

(cbo)
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