Dirk Nowitzki auf der Frankfurter Buchmesse 2019 über sein NBA-Karriereende

Ex-NBA-Star auf Frankfurter Buchmesse : Dirk Nowitzki genießt die Disziplinlosigkeit

Seit April ist Dirk Nowitzki offiziell in Rente. Seither spielte der Basketball-Star Fußball in Leverkusen, besuchte am Donnerstag die Frankfurter Buchmesse, reiste nach China und war zuhause in Dallas. Aber eigentlich, sagt er, „habe ich seit sechs Monaten nichts gemacht.“

Dieser eine Moment will perfekt vorbereitet sein: Die eigene Begleitung muss in der ersten Reihe hinter dem Absperrband stehen, die Kamera im Anschlag. Man selbst muss im richtigen Moment im Profil erkennbar sein, nämlich dann, wenn man vor Dirk Nowitzki steht, dieser einen mit „Hallo, ich bin der Dirk“ begrüßt und das mitgebrachte Buch zur Signatur verlangt. In diesem Moment klickt die Kamera, entsteht das eine gemeinsame Bild mit Nowitzki. Am Donnerstagabend nutzenden Dutzende Fans der Basketball-Legende, teils aus Hamburg oder München angereist, diese Chance. Sie alle verließen das Schauspielhaus in Frankfurt, in das Nowitzki an diesem Abend gekommen war, mit einem breiten Lächeln im Gesicht.

Ein knappes halbes Jahr nach seinem Karriereende ist Nowitzki in dieser Woche mal wieder auf Heimatbesuch: Der Autor Thomas Pletzinger hat mit „The Great Nowitzki“ ein bemerkenswertes Reportage-Buch über den heute 41-Jährigen veröffentlicht. Das Objekt der Beobachtung ist selbst zur Buchmesse gekommen, um das Werk an der Seite des Autors zu feiern - und um selbst von den rund 700 Zuschauern im Schauspielhaus noch einmal gefeiert zu werden. Jetzt, da er sich nach 25 aktiven Jahren, davon 21 in der US-Profiliga NBA, vom Basketball-Parkett verabschiedet hat, jubeln ihm die Menschen also plötzlich bei Lesungen zu.

Wie einst bei seinen sportlichen Auftritten, wird der pensionierte Star an diesem Abend von seinem ewigen Mentor Holger Geschwindner begleitet. Bei der Nennung von Geschwindners Namen ist der Jubel im Saal lauter als bei der Vorstellung des diesjährigen Buchpreisträgers Saša Stanišić, der ebenfalls im Saal sitzt. Das Publikum an diesem Abend ist ein wenig anders als sonst auf der Buchmesse, die Basketball-Gemeinde ist unter sich und Stanišić ist nur einer von ihnen. Nach der Lesung wird sich der Erfolgsautor bescheiden in die lange Schlange der Autogrammjäger einreihen, wie alle anderen bekommt er dort nicht viel mehr als das freundliche „Haallooo“ von Nowitzki zu hören. Als der neben ihm sitzende Pletzinger den Basketball-Star kurz darauf auf den nunmehr entschwundenen Autorenkollegen hinweist, herrscht Nowitzki seinen Companion im Scherz an: „Da hätteste ja auch vorher mal was sagen können.“

Gute Bücher und ihre Autoren weiß der Würzburger zu schätzen, immerhin gründet Nowitzki einst innerhalb seines NBA-Teams einen Buchklub. Auch daran trägt Geschwindner seinen Anteil: „Der Holger hat mir immer nur Bücher geschenkt. Er wollte mir immer zeigen, dass es mehr gibt als Basketball und Playstation.“

Man merkt Nowitzki den Spaß an, den der dreifache Familienvater an seinem neuen Leben hat. Mal hier Autogramme schreiben, mal dort für karitative Zwecke wahlweise Tennis, Baseball oder Fußball spielen, aber „eigentlich habe ich die letzten sechs Monate nichts gemacht“, sagt Nowitzki. Außer: „Eis essen. Jeden Tag. Gerne auch schon direkt am Morgen.“ Die letzten 13 Jahre seiner Sportlerkarriere hatte er mindestens zehn Monate im Jahr, während Vorbereitung und Saison, auf Alkohol, Zucker und rotes Fleisch verzichtet. „Ich habe mich richtig darauf gefreut, jetzt endlich disziplinloser sein zu können“, sagt der gebürtige Würzburger. Während der Karriere stand selbst im Urlaub der Gang in die Trainingshalle auf dem Tagesprogramm, nun habe er „seit dem letzten Spiel keine Sporthalle mehr betreten.“

Das war am 11. April 2019, ein Auswärtsspiel in San Antonio. Als einer der besten Basketballer, der jemals dieses Spiel gespielt hat, trat er an jenem Abend ab. Der Geist sei zwar auch nach über zwei Jahrzehnten Profisport noch willig gewesen, aber „der Körper wollte nicht mehr“. Im Anschluss an sein letztes Spiel erreichten den NBA-Meister von 2011 unzählige Gratulationen von Sportstars aus aller Welt, unter anderem vom ehemaligen spanischen Nationaltorwart Iker Casillas. Er habe sich „wie ein Schnitzel gefreut, dass der überhaupt weiß wer ich bin.“ Es ist auch jene Bescheidenheit, die den Franken jeher auszeichnet.

Seit diesem Donnerstag vor knapp sechs Monaten verbringt Nowitzki seine Zeit nun also mit schlemmen, faulenzen, reisen und vor allem gemeinsam mit seiner Familie. Es ist sein Programm, um „etwas Abstand vom Basketball zu gewinnen.“ Und Abstand sei nötig, um nach der langen Zeit runterzukommen und sich an ein neues Leben ohne 82 NBA-Pflichtspielen pro Saison zu gewöhnen.

Ewig soll und kann der Schlendrian aber nicht anhalten. Trotz über 250 Millionen Dollar, die Nowitzki im Laufe seiner Karriere verdient hat. Das weiß auch der 2,13-Meter-Mann selbst: „Ich werde einen neuen Rhythmus und eine neue Aufgabe finden müssen.“ Sehr wahrscheinlich wird die wieder mit Basketball und mit seinen Dallas Mavericks zu tun haben. Jenem Verein, für den er seine gesamte NBA-Karriere auflief. Kommende Woche starten die Mavericks in ihre erste NBA-Spielzeit ohne Nowitzki seit 1998. Nowitzki sagt: „Klar wird das komisch sein. Ich habe auch nicht vor, bei allen Heimspielen in der Halle zu sein. Aber ich weiß schon jetzt, dass es am Ende mehr sein werden, als ich momentan plane.“

(cbo)