1. Sport
  2. US-Sport

Colin Kaepernick: Wie der Hymnenstreit die NFL zur politischsten Liga der Welt macht

Streit um NFL-Star Kaepernick : Politik statt Football

In der NFL protestieren Spieler mit einem Kniefall gegen Polizeigewalt und Rassismus. Donald Trump beschimpft sie dafür wüst. Nun wirbt Nike mit dem Gesicht des Protests. Der Streit zeigt, wie gespalten Amerika ist.

Es scheint nicht so, als würde eine der beiden Konfliktparteien irgendwann von allein aufgeben. Ein schnelles Ende des Streits scheint somit nicht in Sicht. Seit inzwischen zwei Jahren wird die National Football League (NFL) von einem Politikum überstrahlt. Auf der einen Seite stehen mehrheitlich afroamerikanische Spieler, auf der anderen Seite US-Präsident Donald Trump.

Schlüsselfigur ist der 30-jährige Colin Kaepernick. Vor zwei Jahren trat er eine Welle des Protests los: Der Quarterback ging während der Nationalhymne auf die Knie, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. Viele Spieler schlossen sich an. Für Kaepernick persönlich nahm die Sache zunächst kein gutes Ende: Er wurde von seinem Team, den San Francisco 49ers, entlassen. Seitdem findet er keinen neuen Klub. Seit Oktober vergangenen Jahres tobt ein Rechtsstreit mit der Liga. Kaepernick vermutet eine Verschwörung. Ein Richter sieht dafür so viele Hinweise, dass Liga-Verantwortliche wohl aussagen müssen.

Kaepernick gegenüber steht Trump. Der Präsident sieht in dem Protest einen Verrat am Land. „Das ist eine Verachtung von allem, wofür wir stehen“, sagte der Präsident bei einer Wahlkampfveranstaltung und beschimpfte Spieler als „Hurensöhne“. Es war nicht die einzige verbale Entgleisung des Präsidenten in diesem Streit. Erst im Juli twitterte Trump: „Ich kann es nicht fassen. Der Commissioner muss nun durchgreifen. Einmal auf Knien, ein Spiel Sperre. Zweimal auf Knien, Saison-Aus/kein Gehalt.“ Der Präsident der Spielergewerkschaft versuchte zu schlichten: „Vielen Dank für Ihre Gedanken, aber wir übernehmen ab hier“, sagte Eric Winston.

Am Dienstag hat die Hymnendebatte die nächste Eskalationsstufe erreicht. Maßgeblich beteiligt ist der Sportartikelhersteller Nike, der jenen Kaepernick als eines der Gesichter seiner Werbekampagne „Just do it“ auserkoren hat. „Wir glauben, dass Colin einer der inspirierendsten Athleten dieser Generation ist“, sagte Nikes Vizepräsident Gino Fisanotti. Kaepernick postete in den sozialen Netzwerken ein Foto von sich, auf dem der Slogan steht: „Glaube an etwas, auch wenn das bedeutet, alles andere zu opfern.“ Trump ließ die Menschheit bald darauf via Twitter wissen, die Werbung sei „eine schreckliche Botschaft.“ Gönnerhaft fügte er hinzu, die Firma könne ihre eigenen Entscheidungen treffen.

Der Streit stellt die Risse innerhalb der US-Bevölkerung ins Rampenlicht. Unter dem Hastag #NikeBoycott attackierten einige Nutzer Nike, verbrannten gar Nike-Produkte, andere wandten sich gegen Trump. Der Hymnenstreit entzweit die USA, und Trump ist mit seinen Aussagen der Keil in der Spalte.

Die Folgen der Auseinandersetzung sind vielseitig. Der Aktienkurs von Nike rutschte am Dienstag um zwischenzeitlich mehr als drei Prozent ab. Die NFL beklagte schon in der vergangenen Saison sinkende TV-Quoten. Die Liga wollte das Thema im Eilverfahren beenden, der Versuch aber schlug fehl. Nun wird es noch schlimmer: Nike ist Ausrüster der NFL, der Vertrag gilt bis 2028. Der Sportartikelhersteller hat sich jetzt, ob bewusst oder unbewusst, gegen die Liga gestellt.

  • Das Bild zur neuen Kampagne zeigt
    Zusammenarbeit mit Colin Kaepernick : Jetzt wettert Trump gegen Nike
  • Ein Nike-Werbeplakat mit dem Football-Spieler Colin
    US-Bürger verbrennen Sportschuhe : Protest gegen Nike-Kampagne mit Footballer Kaepernick
  • Symbol des Protests: Kapernick kniet vor
    „Einer der inspirierendsten Sportler seiner Generation“ : Protestauslöser Colin Kaepernick wird neues Nike-Werbegesicht

In der Nacht zu Freitag beginnt die neue Spielzeit mit dem Duell des Vorjahres-Champions Philadelphia Eagles gegen die Atlanta Falcons. Die ganze Welt wird dann nach Pennsylvania gucken. Was tun die Spieler? Wie reagiert Trump? Die NFL wird so oder so vorerst nicht zur Ruhe kommen. Der Image-Schaden ist enorm.

Was in der Debatte um die neue Werbung bislang völlig untergeht: Ein weiteres Werbegesicht in der Jost-do-it-Kampagne ist Basketballstar LeBron James von den Los Angeles Lakers. Trump hatte James bei Twitter als dumm dargestellt, nachdem der Basketballer mit Blick auf die inneramerikanischen Konflikte gesagt hatte: „Ich glaube, unser Präsident versucht, uns zu spalten.“ Der Hymnenstreit ist schon lange kein bloßes Football-Problem mehr.

(sef)