Wimbledon 2018: Angelique Kerber will mit diesem Erfolg anders umgehen

„Das habe ich gelernt“ : Mit diesem Erfolg will Kerber anders umgehen

Erstmals seit Steffi Graf vor 22 Jahren hat Deutschland wieder eine Wimbledonsiegerin. Angelique Kerber hat sich den größten Traum ihrer Kindheit erfüllt. Nun steht noch ein Tänzchen mit dem Herrensieger an, dann ein bisschen Urlaub.

Das Sommermärchen für Deutschland schreibt dieses Mal Angelique Kerber. An dem Wochenende, an dem die deutsche Sportszene mit der Fußball-Nationalelf über den WM-Titel jubeln wollte, verewigt sich die 30 Jahre alte Kielerin in der Tennisgeschichte und gewinnt Wimbledon. Als erste Deutsche seit Steffi Graf 1996, als erst dritte Deutsche überhaupt. „Das war der Traum meiner Träume. Das bleibt für immer. Ich kann jetzt immer sagen, dass ich Wimbledon-Champion bin“, sagt Kerber nach ihrem Coup über Serena Williams.

Ihr Name steht nun in einer Reihe mit Graf, Boris Becker und Michael Stich. „Ich habe mich wirklich sehr für Angie gefreut. Dieser Triumph ist ein klasse Erfolg“, gratuliert Graf und übermittelt in einer Mitteilung des Deutschen Tennis Bundes weiter: „Generell war das Wimbledon-Turnier für die deutschen Mädels hervorragend. Tolle Leistungen, die unserem Sport Auftrieb geben sollten.“

Wie Kerber am Sonntag berichtete, hatte Graf ihr auch persönlich geschrieben. „Sie hat mir gratuliert, sie hat mir geschrieben, dass sie das verfolgt hat, dass sie sich mit mir freut, dass ich das genießen soll und dass ich das verdient habe“, sagte Kerber.

Kerbers Bild hängt bald in der Ehrengalerie mit den berühmten Vorgängern. „Für mich ist es eine ganz große Ehre, nach Steffi die nächste deutsche Wimbledonsiegerin zu sein. Die nächste Deutsche zu sein, die mit diesem Pokal nach Hause kommt, besser geht es nicht“, sagt die nun dreimalige Grand-Slam-Siegerin. „Was will man mehr? Ich habe es geschafft.“ Auf einen erneuten Triumph des Fußball-Weltmeisters von 2014 hatten viele gesetzt, mit Kerber als Champion auf dem grünen Rasen aber kaum einer gerechnet.

Mit ihrem unbändigen Willen und ihrer Leidenschaft hat sie es beim berühmtesten aller Tennis-Turniere den Kritikern gezeigt. Sie hat bewiesen, dass 2016 keine Ausnahme war, dass sie sich aus Krisen herausarbeiten kann. Vielleicht auch sich selbst bewiesen. „Ich kann es immer noch nicht so ganz realisieren, was ich gestern gewonnen und geschafft habe. Ich fühle mich, als ob alles von mir abfällt“, sagte Kerber einen Tag nach ihrem Triumph. „Als ich angekommen bin, wollte ich das Ding so sehr gewinnen. Ich glaube, ich brauche noch einige Tage, bis ich das wirklich realisiere, dass ich wirklich Wimbledon gewonnen habe.“

Wimbledon zählt mehr als alles andere. Deswegen ist dieser 14. Juli 2018 höher einzuschätzen als ihre zwei Grand-Slam-Coups zuvor. „Ich bin durch mit meinem Leben“, stammelt Kerber direkt nach dem Match in den Katakomben. Kanzlerin Angela Merkel freut sich sehr über die „begeisternde Leistung“ der dritten deutschen Wimbledonsiegerin nach Cilly Aussem in den 1930ern und Steffi Graf in den 1980ern und 90ern.

„Wir müssen nun unser Wohnzimmer teilen !!!“, twittert der dreimalige Sieger Becker mit Blick auf seine Lieblingsstätte. Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, beglückwünscht sie persönlich: „Was für eine Nummer.“ In den Katakomben gratulieren auch die britischen Herzoginnen Kate und Meghan.

In großen Finals ruft die Norddeutsche mit Wohnsitz im polnischen Puszczykowo ihr bestes Tennis ab, sie verliert nicht den Kopf, wenn es um Tränen und Triumphe geht. Sie spielt furchtlos, sie beherrscht Williams beim überraschend klaren 6:3, 6:3. „Weil ich schon 30 bin“, wie sie lachend antwortet, locker und gelöst wie nie zuvor in den zwei verrückten und geschichtsträchtigen Wimbledon-Wochen. Schon als junges Mädchen hat sie vor dem Fernseher Grafs Dominanz bewundert. Hier wollte sie auch sein, hier wollte sie auch einmal triumphieren.

Zweifel lässt sie am Samstag nicht aufkommen. Ihre Stärke ist auf einmal zurück. Kerber selbst beschreibt das vergangene Seuchenjahr mit vielen Tiefpunkten als notwendiges Übel für den Wimbledonsieg. Selbst die Chefin im deutschen Damen-Tennis, Barbara Rittner, war 2017 skeptisch: „Ich habe schon in der zweiten Jahreshälfte gedacht, wenn sie nicht langsam was verändert, wird es eng. Dann kommt sie nicht mehr zur alten Stärke zurück“, sagt die 45-Jährige.

Williams ist eine faire Verliererin. Als Kerber die siebenmalige Wimbledonsiegerin beim Matchball mit einem Aufschlag auf den Körper überrascht und sie ihren letzten Return ins Netz spielt, schreitet sie auf die andere Seite des Netzes und schließt die neue Siegerin in die Arme. Die Kielerin hatte sich in einer spontanen Jubelgeste auf den Rasen plumpsen lassen. Gnadenlos hatte sie es ausgenutzt, dass die 36-Jährige zehn Monate nach der Geburt ihrer Tochter noch nicht auf dem Level sein kann wie bei ihren 23 Grand-Slam-Siegen zuvor.

Schon ihren ersten Grand-Slam-Sieg holte Kerber 2016 in Australien gegen die jüngere der beiden Williams-Schwestern. Im Trubel nach ihrer herausragenden Saison mit dem Sprung an die Spitze der Weltrangliste war der Linkshänderin damals alles zu viel geworden.

Jetzt wolle sie mit den Anfragen und Terminen abseits des Platzes und den Erwartungen auf dem Platz anders umgehen und stärker aussortieren, sagt Kerber. Vor den anstehenden Turnieren in Amerika will sie „noch ein bisschen Urlaub nehmen. Das ist bei mir ganz oben. Das habe ich gelernt.“

Vorher steht am Sonntag aber noch das Champions Dinner an, bei dem der Sieger bei den Herren und die Siegerin bei den Damen traditionell ein Tänzchen aufs Parket bringen. „Ich habe bestimmt 50 Kleider anprobiert“, sagte Kerber. Am Ende habe sie sich für ein Kleid, „ganz elegant und ganz schlicht“, entschieden. „Das ist Wimbledon für mich.“ Am Montag will die aktuell beste deutsche Tennisspielerin in ihren Wohnort nach Polen zurückkehren.

Die jetzt dreimalige Grand-Slam-Siegerin ist gereift, hat sich als Person und Persönlichkeit entwickelt. Ihre teils harsche Selbstkritik, ihr Perfektionismus und ihr Ehrgeiz sind geblieben und haben den Wimbledonsieg erst ermöglicht. Ihr Willen hat sie zum Trainerwechsel vom gewohnten Torben Beltz hin zum Belgier Wim Fissette bewegt. „Sie hasst ja nichts mehr als neue Leute um sich herum“, sagt Rittner. „Dass sie diesen Schritt gegangen ist und belohnt wurde, das gibt ihr auch was fürs Leben.“

Nur die French Open fehlen jetzt noch in ihrer Grand-Slam-Sammlung.

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(areh/dpa)