Wimbledon 2018: Angelique Kerber und Julia Görges und der Traum vom deutschen Finale

Kerber und Görges: Der Traum von einem historischen Wimbledon-Finale

Deutschlands beste Tennisspielerinnen, Angelique Kerber und Julia Görges, stehen im Halbfinale von Wimbledon. Ein historischer Erfolg. Sie wandeln auf großen Spuren.

Im größten Moment ihrer Karriere blickte Julia Görges überwältigt drein. Drei umkämpfte Sätze und knapp zwei Stunden Spielzeit lagen hinter ihr. Sie umarmte Konkurrentin Kiki Bertens (Niederlande), nahm ihre Tasche – und realisierte wohl erst langsam, dass sie gerade ins Halbfinale von Wimbledon eingezogen war.

Weil das wenige Minuten zuvor auch Angelique Kerber gelungen war, wurde der sogenannte „Ladies Tuesday“ zum „German Tuesday“. Endlich mal wieder. Ein solch erfolgreiches Damen-Duo hat es in der 50-jährigen Geschichte des Profi-Tennis selten gegeben. Zuletzt standen in Steffi Graf und Anke Huber bei den French Open in Paris 1993 zwei Deutsche im Halbfinale. Kerber und Görges schaffen derzeit Historisches. Dieses Turnier bietet ohnehin eine einzigartige Chance auf den Tennisthron von London.

Garbine Muguruza? Raus. Caroline Wozniacki? Raus. Simona Halep? Auch raus! Und nicht nur die drei topgesetzten Spielerinnen sind längst ausgeschieden. Nach einer nie dagewesenen Serie an Favoritenstürzen hatten sich schon vor dem Viertelfinale die Top 10 verabschiedet. Die deutschen Kerber (Nummer elf) und Görges (Nummer 13) ließen sich bei dieser Steilvorlage nicht zweimal bitten.

Dabei ist Wimbledon eigentlich alles andere als verrückt. Wimbledon ist eher entrückt, weil es Tradition pflegt. Selbst bei der 152. Auflage sind die Kleider weiß, die Geranien lila, die Erdbeeren rot. Die Spuren deutscher Spieler wie Boris Becker oder Steffi Graf, die sieben Titel holte, finden Fans bis heute. Sabine Lisicki fügte der Geschichte deutscher Wimbledon-Eroberer zumindest ein kurzes Kapitel hinzu. Sie erreichte 2011 das Halbfinale, 2013 unterlag sie im Finale.

Das Spiel auf dem Rasen ist trotz allem unaufhaltsam mit der Zeit gegangen. Es hat sich weiterentwickelt. Weil Kerber und Görges die moderne Spielanlage bieten, haben beide in der Runde der letzten vier alle Chancen.

Kerber mischt seit Jahren mehr oder weniger konstant in der Weltspitze mit. 2016 war ihr Karriere-Höhepunkt, als sie die Grand Slams in Melbourne und New York gewann und in Wimbledon ins Endspiel einzog. Damals noch versagten ihr die Nerven gegen Serena Williams. Die US-Amerikanerin bezwang Kerber erst mental und dann auch spielerisch – mit Offensive, Kraft, Härte. Kerber neigte zur negativen Körpersprache, zum In-sich-zusammenfallen, immer wenn es nicht lief.

Nun aber scheint die 30-Jährige gereift zu sein. Ihr Viertelfinale auf dem Center Court gegen Darja Kasatkina (21) bestätigte das. Kerber benötigte sieben Matchbälle, ehe es nach eineinhalb Stunden 6:3, 7:5 hieß. „Ich habe versucht, nicht daran zu denken, dass es Matchball ist, und mich bis ans Limit gepusht“, sagte Kerber.

Sie behielt die Ruhe und zeigte, dass sie mit Trainer Wim Fissette an ihrer bislang größten Schwäche gearbeitet hat: Die Linkshänderin hat endlich auch einen starken Aufschlag im Repertoire. Zum dritten Mal steht Kerber in Wimbledon im Halbfinale.

Bei Görges ist das anders. Und der erste Halbfinaleinzug ihrer Karriere kommt überraschend. Fünf Erstrunden-Pleiten in fünf Jahren hat sie auf dem „heiligen Rasen“ erlebt. Doch diesmal scheint das Grün wie für sie ausgerollt zu sein. Die 29-Jährige legte eine Siegesserie hin und drehte sogar ihr Viertelfinale gegen Bertens (3:6, 7:5, 6:1).

Am spielfreien Mittwoch blieb Zeit, um herunterzukommen. Hoffentlich. Denn: „Wer sich vom Trubel in Wimbledon nicht ablenken lässt und Ruhe findet, kann weit kommen“, sagte Patrik Kühnen, ehemaliger Davis-Cup-Teamchef, vor dem Turnier.

Am Donnerstag wird es wieder ernst. Kerber spielt erstmals gegen die French-Open-Gewinnerin aus dem Vorjahr, Jelena Ostapenko. Die Kielerin ist die Favoritin. Um ins Finale einzuziehen, wird sie aber auch wieder Höchstleistung abrufen und einen starken ersten Aufschlag bieten müssen. Ostapenko ist bekannt für ihr gutes Rückschlagspiel. Görges misst sich mit der siebenmaligen Wimbledon-Siegerin Williams.

Die ehemalige deutsche Tennisspielerin Anke Huber (43) traut beiden den Finaleinzug zu. „Angies Stärke auf Rasen ist ja bekannt. Aber auch Jule hat das Potenzial, Serena Williams im Halbfinale zu besiegen. Williams ist noch nicht in Topform“, sagte Huber. Sie selbst sei nie gerne nach Wimbledon gefahren, „weil Rasen nicht mein Belag war“, erklärte Huber, die beim Rasen-Major fünfmal im Achtelfinale scheiterte. Boris Becker und Steffi Graf hätten Wimbledon aber mit ihren Erfolgen zum „deutschen Grand Slam“ gemacht.

Gelingt dem deutschen Duo tatsächlich ein Sieg, könnte sich Geschichte wiederholen: In 134 Jahren gab es nur ein deutsches Duell im Finale von Wimbledon, als Cilly Aussem und Hilde Krahwinkel 1931 antraten. „Zwei deutsche Mädels im Finale, das könnte dem deutschen Tennis wieder einen Schub geben“, sagt Huber.

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