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Roger Federer: Comeback in Wimbledon 2021 oder Karriereende?

Comeback oder Endstation : Federers Kampf mit der eigenen Legende

Die Rasensaison mit dem Höhepunkt Wimbledon soll das große Comeback des Ausnahmespielers aus der Schweiz werden. Doch es mehren sich Zweifel und Probleme beim mittlerweile 39-Jährigen.

Große Sportler zeichnet aus, dass sie Spiele gewinnen. Wahre Größe müssen sie jedoch erst beweisen, wenn ihnen das misslingt. Ähnlich verhält es sich, wenn man den Blick weitet: Das Zeug und die Hingabe, um ein großer Champion zu werden, ist den wenigsten gegeben. Wirklich groß wird eine Weltkarriere jedoch erst mit einem starken Abgang. Doch wie soll man in Würde von etwas lassen, das bis dahin Sinn und Inhalt des gesamten Lebens war? Im Tennis ringt eine ganze Generation von Superstars derzeit um ein stilvolles Ende ihrer Ära. Federer ist der älteste der großen Drei und wird vermutlich vor Rafael Nadal (35) und Novak Djokovic (34) das Feld räumen. Wann, wo und wie – darüber werden die kommenden Wochen entscheiden.

Die Frage nach dem Karriereende begleitet ihn bereits seit Jahren. Deshalb reagiert der Gentleman auch mitunter angefasst, wenn er darauf angesprochen wird. Dass Federer im August seinen 40. Geburtstag feiert, würde er vermutlich gern für sich behalten, doch sein Alter ist ein schlecht gehütetes Geheimnis. Grundsätzlich ist das allein ja noch kein Grund, das Buch vorzeitig zuzuklappen statt seiner Fabelkarriere noch ein paar Kapitel hinzuzufügen. Doch die vergangenen Monate wogen schwer. Über ein Jahr musste Federer verletzt aussetzen, sich in der Zeit zwei Knie-Operationen unterziehen. Das wäre für jeden Sportler ein Rückschlag, zumal in einem Alter, in dem es auf jedes Jahr doppelt anzukommen scheint.

Federer hatte daher viel Zeit, das Leben abseits des Courts neu kennenzulernen, zu spüren, wie die Freiheit schmeckt, wenn die unendliche Tour für ihn für immer endet. Von seinen Plänen spricht er gern: Familie, Wandern, Skifahren, sogar Eishockey. Dass er in seiner Sportart praktisch alles mehr als einmal gewonnen hat, trägt jedoch nicht dazu bei, dass er besser loslassen und sich auf dieses Leben freuen kann. Im Gegenteil: Während andere vor Geisterkulissen die großen Bühnen bespielten, arbeitete Federer in seinem persönlichen Lockdown penibel am Comeback. Wimbledon, 2020 wegen Corona abgesagt, soll in diesem Jahr sein großer Auftritt werden – dem ordnete er, der die „All England Championships“ acht Mal gewonnen hat, alles unter.

Die Beschwerlichkeiten auf dem Weg dorthin waren bei den French Open eindrucksvoll zu beobachten. Sein dramatisches Drittrunden-Match gegen Dominik Koepfer gewann nicht der Tennisspieler Federer, er brauchte die Hilfe der Legende. Wo immer der „Maestro“ aufschlägt, wird dem Menschen auf der anderen Seite des Netzes auch 2021 noch etwas mulmig. Ein hart erarbeiteter Bonus. Dabei macht er Fehler, seinem Spiel fehlt das Selbstverständliche, die gepflegte Eleganz. Der Säulenheilige des weißen Sports wackelt gewaltig. Im Anschluss an den hart erkämpften Sieg gegen Koepfer ließ er erkennen, dass er selbst gezweifelt hat und abwarten müsse, wie sein Körper auf solche brachialen Matches reagiere. Zur nächsten Runde trat er schließlich nicht mehr an. Die French Open, für Roger Federer letztlich nicht mehr als ein Trainingsspielchen für die Highlights im Sommer. Anderen könnte man dies als Respektlosigkeit auslegen – Federer bleibt dessen seltsam unverdächtig.

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Riskant ist sein Timing allemal. Das zeigte nun sein Auftritt beim Turnier in Halle. Wenn Wimbledon sein Wohnzimmer ist, ist das Turnier in Ostwestfalen seine Schlafcouch. Zehn Mal gewann er das Turnier, in der Stadt gibt es eine Roger-Federer-Allee. Doch der nur halb so alte Kanadier Felix Auger-Aliassime verstieß im besten Sinne respektlos gegen die ungeschriebene Regel und beförderte die aktuelle Nummer acht der Welt schon im Achtelfinale aus dem Turnier.

Ein Tiefschlag für Federer, der bereits während des Matchs erkennbar haderte und sich erstmal in den Schmollwinkel zurückzog. Erst zweieinhalb Stunden später zeigte sich ein schmallippiger Federer der Presse und erklärte sein Abtauchen damit, dass er den Kopf hochbekommen und „keine dummen Entscheidungen“ treffen wollte. Kurzschlussreaktionen würde man von einem 39-jährigen Vorruheständler eigentlich nicht erwarten. Natürlich weiß Federer, dass er damit Spekulationen nährt. Ist das Aus nur noch eine Übersprungshandlung, einen unbedachten Satz entfernt?

Gewiss bleiben vor Wimbledon nur zwei Dinge: Die Sportlerrente ist nah und hinterher werden es viele schon vorher besser gewusst haben. Feiert Federer ein großes Comeback, werden ihm Fans und Kritiker zu Füßen liegen. Kaum auszudenken, wenn der Altmeister auch bei Olympia der mitunter 20 Jahre jüngeren Konkurrenz noch eine Lehrstunde gibt. Dann würde er mit seinen weiteren Karriereplänen vermutlich so im Ungefähren bleiben wie eh und je. Im schlimmsten Fall droht ihm ein Abgang als Gescheiterter. Unabhängig vom Ausgang der kommenden Turniere sollte der Mensch Federer mit dem Athleten Federer seinen Frieden machen und einsehen, dass man nicht gehen soll, wenn es am schönsten ist – aber noch bevor es das Schönste ist, zu gehen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Roger Federer