Tennis: Doppel erlebt dank Duo Kevin Krawietz/Andreas Mies eine Renaissance

Neue Erfolge : Warum das Doppel im Tennis eine Renaissance erlebt

Das Doppel ist im Tennis in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr aus dem Blick der breiten Öffentlichkeit verschwunden. Kevin Krawietz und Andreas Mies haben dem Doppel nun aber zu einer Renaissance verholfen.

Bill Tilden war einer der großen Stars des Tennis, als noch in langen weißen Hosen gespielt wurde. Der US-Amerikaner gilt als einer der besten Spieler aller Zeiten. Fast ein Jahrzehnt, in den 1920er-Jahren, hat er seinen Sport dominiert. Tilden galt auch als großer Anhänger des Doppels. „Die Leute genießen das Doppelspiel mehr als das Einzel, weil sie weniger arbeiten müssen, einen Partner haben, den sie für die Niederlage verantwortlich machen können, und jemand da ist, der ihren Meckereien während des Spiels zuhört“, versuchte er die Faszination des Formats zusammenzufassen – und bis heute hat sich an der Gültigkeit nur unwesentlich etwas geändert. Ein großer Unterschied: Im professionellen Bereich ist das Doppel fast vollends aus dem Blick einer breiteren Öffentlichkeit verschwunden.

Es ist schwer zu sagen, wann genau der Abstieg des Doppels begonnen hat. Es war ein schleichender Prozess. Anfang der 1980er-Jahren haben immer mehr die Individualisten die Bühne für sich erobert. Die Top-Stars haben fortan diktiert, wie ihr Turnierplan aussah. Das Doppel wurde immer mehr zum Anhängsel. Dabei gab es vor allem in den Team-Wettbewerben so grandiose Duelle, die offenbart haben, wie viel Leidenschaft, wie viel Teamgeist in dem Spiel steckt.

Vor einigen Tagen hat das Doppel eine kleine Renaissance geschafft. Der Kölner Andreas Mies und der Coburger Kevin Krawietz haben sensationell die French Open in Paris gewonnen. Kein deutsches Duo hatte in der Zeitrechnung des professionellen Tennis seit 1968 ein Grand-Slam-Turnier gewonnen. Marc-Kevin Goellner und David Prinosil standen 1993 im Finale. In der Amateurzeit gab es einst einen Triumph, für Gottfried von Cramm und Henner Henkel, 1937. Michael Stich siegte 1992 in Wimbledon mit John McEnroe aus den USA. Philipp Petzschner gewann 2010 in Wimbledon und ein Jahr später bei den US Open mit dem Österreicher Jürgen Melzer.

Krawietz (27) und Mies (28) haben es mit ihrem Erfolg zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Sie dürften vermutlich auch hernach noch recht ungestört durch deutsche Innenstädte bummeln können, ohne Gefahr zu laufen, dass ihnen kreischende Teenies auflauern. In Halle in Westfalen dagegen sind sie Stars. Beim traditionsreichen Tennisturnier in Ostwestfalen sind sie bei ihrer Ankunft gefeiert worden. „Unglaublich“, sagt Krawietz. „Es waren so viele Leute. Für uns als Doppelspieler ist das keine Selbstverständlichkeit.“ Im Einzel sind beide bisher beständig unter dem Radar geflogen – Krawietz wurde als höchstes an Position 211 gelistet, Mies an 781, offiziell gezählt wird eigentlich nur bis 700. „Was wir erreicht haben, ist ein Traum“, sagt Mies. „Das müssen sie sich mal vorstellen: Unser Spiel wurde live im Fernsehen gezeigt.“

Eric Jelen kommt noch aus einer Tennisgeneration, in der das Doppel seinen festen Platz hatte. Er war der Flügelmann an der Seite von Boris Becker. Gemeinsam haben sie Tennisgeschichte geschrieben. Zum Beispiel am 17. Dezember 1988: Außenseiter Deutschland führt nach den ersten beiden Einzeln im Finale von Göteborg sensationell mit 2:0 gegen Gastgeber Schweden. Schon im Doppel am zweiten Tag greifen Superstar Becker und Jelen gegen Stefan Edberg/Anders Järryd nach dem ersten Titel in dem prestigeträchtigen Wettbewerb. 5:2 liegt das Duo im entscheidenden fünften Satz in Front. Jelen serviert, Järryds Return kommt zentral auf Becker, und der schlägt am Netz eiskalt zu. Spiel, Satz und Sieg Deutschland. „Unglaublich! Ein Tennis-Wunder ist geschehen!“, brüllt Kommentator Hans-Jürgen Pohmann ins Mikrofon. „Ich war tatsächlich dabei“, sagt Jelen im Gespräch mit unserer Redaktion. „Ein guter Einzelspieler ist noch lange kein guter Doppelspieler. Zu zweit auf dem Platz musst du dein Ego unterdrücken können. Wenn du nicht zusammenspielst, hast du schon verloren.“ Für Jelen war es in Ordnung, nicht mehr als der Schattenmann von Becker zu sein. „Das war vollkommen okay“, sagt Jelen, der seit Jahren mit seiner Familie in Meerbusch lebt. „Bei dem Doppel kommt es auf so viel mehr an, als ein guter Spieler zu sein. Man muss vor allem ein guter Teamspieler sein.“

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