Maria Scharapowa verteilt Küsschen — Eugenie Bouchard giftet

Erfolgreiches Comeback: Scharapowa verteilt wieder Küsschen — Bouchard giftet

Bei ihrem Comeback nach 15-monatiger Dopingsperre braucht Maria Scharapowa nur wenig Anlaufzeit, um ihren Rhythmus zu finden. Die Zuschauer in Stuttgart empfangen die Russin freundlich, eine Konkurrentin aber formuliert die bislang deutlichste Kritik.

Eugenie Bouchard bemühte sich gar nicht erst um eine diplomatische Antwort. "Sie ist eine Betrügerin. Ich finde, Betrüger sollten ihren Sport nicht mehr ausüben dürfen", sagte die Kanadierin im Interview mit "TRT World" über Scharapowas Comeback, das die Turnierdirektoren beim WTA-Turnier in Stuttgart der Russin durch eine Wildcard ermöglicht hatten. "Damit sendet die WTA eine falsche Botschaft an die Kinder: 'Betrüge und wir werden dich mit offenen Armen empfangen'."

Die Schlagzeilen waren Bouchard sicher. Viele ihrer Kolleginnen hatten die Wildcard-Vergabe an Scharapowa kritisch gesehen, doch ein lebenslanges Berufsverbot hatte bislang noch keine gefordert. Besonders brisant: Einst wurde die hübsche Kanadierin als potenzielle Nachfolgerin von Scharapowa als Aushängeschild der WTA-Tour gehandelt, doch nach ihrem starken Jahr 2014, in dem sie unter anderem im Wimbledon-Finale stand, geht es steil bergab. In der Weltrangliste steht sie nicht einmal mehr in den Top 50.

Bei Scharapowa soll es dagegen wieder steil nach oben gehen. In Stuttgart machte die 30-Jährige dafür den Anfang. Ihr Auftritt gegen die Italienerin Roberta Vinci war angesichts der langen Pause durchaus beeindruckend. Nach einem 0:2 im ersten Satz fand sie immer mehr zu ihrem druckvollen Spiel. Mit ihren gewaltigen Grundlinienschlägen, 24 Winnern und 11 Assen kam der Topstar im zweiten Satz nicht mehr in Bedrängnis. 7:5, 6:3 hieß es am Ende für Scharapowa.

Höflicher Empfang in Stuttgart

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Der Empfang des Publikums war höflich bis wohlwollend. Die Sympathien lagen zwar vermehrt bei Vinci, aber auch Scharapowas Punktgewinne wurden laut beklatscht. Von Buh-Rufen oder Pfiffen für die überführte Dopingsünderin keine Spur. Auch darüber, nicht nur über ihren Sieg, wirkte Scharapowa sichtlich erleichtert. Mehrmals ballte sie nach dem verwandelten Matchball die Faust und schrie ihren Jubel in Richtung ihres Teams hinaus. Nach dem Handshake mit Vinci verteilte sie wie in alten Zeiten Luftküsschen an die Fans, die ihr das Comeback auf die große Bühne so leicht gemacht hatten.

Weniger warmherzig geht Scharapowa bekanntlich mit ihren Konkurrentinnen um. Und das wird auch so bleiben. "Was würde es ändern?", konterte Scharapowa eine Frage, ob sie nach ihrer Zwangspause künftig netter zu den Kolleginnen sein würde. Die Slowakin Dominika Cibulkova zum Beispiel hatte der 30-Jährigen vorgeworfen, "kühl und arrogant" zu sein. "Ich mache meinen Job, bin immer nur kurz in der Umkleidekabine und gehe dann wieder. Ich habe viele Freunde Zuhause und überall auf der Welt", sagte die frühere Nummer eins und fügte in bestimmendem Tonfall an: "Diese Freundschaften zählen für mich." Scharapowa machte keinen Hehl daraus, dass sie all die negativen Stimmen über ihre Wildcard von Stuttgart nicht tangiert hatten.

Diskutiert wird weiterhin, ob sie auch bei den French Open eine Wildcard bekommen könnte. Anders als die kleineren Turniere sind die Grand Slams auf Scharapowas Star-Power eigentlich nicht angewiesen. Die Events ziehen auch so. Spekuliert wird deshalb, dass Scharapowa lediglich für die Qualifikation in Roland Garros eine Wildcard bekommt. "Ich wäre auch darauf vorbereitet, bei den Juniorinnen zu spielen, wenn ich es müsste", sagte Scharapowa im prall gefüllten Presseraum.

Russische Medien feierten das Glamourgirl. "Das meisterhafte Comeback von Scharapowa", schrieb der "Sport-Express". "Heute wurden alle daran erinnert, dass Damen-Tennis mit und ohne Scharapowa zwei völlig verschiedene Sportarten sind." Englische Zeitungen hoben ihre Leistung hervor: "Wenn es Scharapowa gelingt, den verbleibenden Rost abzuschütteln und ihr Spiel für sich sprechen lässt, wird sie kaum aufzuhalten sein", schrieb der "Guardian". Ihre Form lege nahe, "dass sie nicht mehr lange auf Wildcards angewiesen sein wird", so das Boulevard-Blatt "The Sun". Zumindest diese Diskussion hätte sich dann erledigt.

(areh)