Rehhagel: "Ich hatte Halbangst"

Rehhagel: "Ich hatte Halbangst"

In der Berufungsverhandlung um die Wertung des Relegations-Rückspiels zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC (2:2) zeigt der Berliner Trainer bei seiner Aussage viele Emotionen. Das DFB-Bundesgerichts beeindruckt er nicht: Es bleibt bei Fortunas Aufstieg in die Bundesliga.

frankfurt/m Drei Prozesstage haben Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC vor dem DFB-Sportgericht und dem DFB-Bundesgericht hinter sich gebracht. Nun gibt es das zweite Urteil – der Vorsitzende Richter Goetz Eilers bestätigt das erste seines Kollegen Hans E. Lorenz. Herthas Berufung gegen die Wertung des Relegations-Rückspiels bei Fortuna (2:2) ist abgewiesen. Trotz des verfrühten Platzsturms ihrer Anhänger steigen die Düsseldorfer in die Fußball-Bundesliga auf, die Berliner kicken künftig in der Zweiten Liga.

"Wir waren von Anfang an überzeugt, dass das Spiel ordnungsgemäß zu Ende ging", sagt Fortunas Vorstandvorsitzender Peter Frymuth in einer ersten Reaktion. "Es war aber ebenso klar, dass Hertha alle Register ziehen würde. Deshalb hat unser Team um Finanzvorstand Paul Jäger und Rechtsanwalt Horst Kletke hervorragende Arbeit geleistet. Ich bin erleichtert."

Alles bleibt also beim Alten. Und doch wird gestern schon beim ersten Zeugen klar, dass sich der Ton im Gerichtssaal geändert hat. Herthas Anwalt Christoph Schickhardt nimmt Schiedsrichter Wolfgang Stark ordentlich in die Mangel – nachvollziehbar, hatte der Ergoldinger doch mit seiner Aussage vor dem DFB-Bundesgericht letztlich die Entscheidung gegen die Berliner herbeigeführt. Die Zielrichtung wird schnell klar: Die Glaubwürdigkeit des Referees soll erschüttert werden. "Kann es sein, dass Sie der Erste in den Katakomben waren?" fragt der Anwalt den Schiedsrichter. So sehr Schickhardt aber auch Druck macht, Stark bleibt bei seiner Darstellung, dass er das Spiel ordnungsgemäß und vor allem unbeeinflusst beendet habe.

Als Otto Rehhagel in den Zeugenstand kommt, wird es zunächst amüsant. "Es weiß doch jeder was ich in meinem Leben gemacht habe", antwortet Herthas Trainer auf Eilers' Bitte, sich vorzustellen. "Wenn ich jetzt den Arm hebe macht es klick, klick und in Australien weiß jeder: Otto hat den Arm gehoben." Die Aussage, die der 73-Jährige anschließend macht, ist freilich weniger amüsant. Er bringt die Katastrophen vom Europapokal-Finale 1985 und bei der Loveparade in einen Zusammenhang mit dem Platzsturm von Düsseldorf. Schließlich schafft der Coach auch noch den Brückenschlag zu seinen Kindheitserlebnissen im Krieg. "Ich weiß ja, wie das ist. Ich habe 1943 in Essen im Keller gesessen, als wir bombardiert wurden." Er selbst habe in der Arena freilich "nicht so richtig Angst" gehabt, fabuliert Rehhagel weiter. "Halbangst."

Je mehr "König Otto" ins Plaudern kommt, desto mehr stellen sich die Beobachter die Frage: Hat Hertha sich mit Rehhagels Aussage einen Gefallen getan? Der Coach erzählt viel, sehr viel sogar. Und er erzählt emotional. Er schafft es jedoch nicht, das Gericht zu überzeugen, dass seine Spieler in Angst geraten waren am Abend des 15. Mai. Und als nach seiner Aussage spürt, dass es Zweifel im Saal gibt, ist er so aufgebracht, dass Herthas Anwalt sogar eine Pause beantragt – er müsse Rehhagel beruhigen.

Immer wieder kommt die Verhandlung auf eine Frage zurück: Gab es eine Gefahr für die Spieler durch den Platzsturm, waren neben Euphorie auch Aggressionen im Spiel? Hertha und ihr Anwalt können es nicht beweisen. Und erstmals sollen nun auch Fortuna-Spieler zu Wort kommen, aber an diesem Punkt wird es richtig kurios: Abwehrspieler Johannes van den Bergh ziehen die Düsseldorfer als Zeugen zurück, dabei hätte der den Hertha-Profi Christian Lell schwer belastet. Nach Informationen unserer Zeitung hätte van den Bergh ausgesagt, dass Lell die Platzstürmer dazu provozieren wollte, ihn zu schlagen. Lell hätte ihm gegenüber sogar zugegeben, damit für einen Spielabbruch sorgen zu wollen.

Auch der Spanier Juanan sagt am Ende nicht aus, denn Fortuna hat für ihn zwar Dolmetscher Marcel Goncalves mitgebracht, aber der ist Portugiese und obendrein nicht vereidigt – und Juanans Aussage damit hinfällig. Es gibt eben nichts, was es nicht gibt bei diesem unendlichen Prozess. Denn unendlich ist er vorerst tatsächlich immer noch, da Hertha beim DFB-Schiedsgericht in Berufung gehen kann.

(RP)
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