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Tour de France Femmes 2022: Wie geht es dem Frauenradsport in Deutschland?

Eine Frau im gelben Trikot : Wie die Tour de France Femme dem Frauen-Radsport helfen soll

Beim bekanntesten Radrennen der Welt treten nur Männer an. Das soll sich mit der „Tour de France Femme“ ändern. Doch wie steht es um den Frauenradsport in Deutschland? Und welchen Einfluss hat das französische Etappenrennen?

Für Radsportfans ist es ein neuer Termin im Veranstaltungskalender. Für viele Frauen ist es mehr als das: Erstmals seit 2009 gibt es wieder ein mehrtägiges Etappenrennen für Radsportlerinnen in Frankreich. Die „Tour de France Femmes“ von 24. bis 31. Juli soll das Pendant zum bekanntesten Radrennen der Männer werden. Ob das gelingt, ist offen, denn es ist nicht der erste Versuch. Wieso ist es so schwer, ein Radrennen dieser Größe für Frauen aufzuziehen? Und wie steht es eigentlich um Frauen im deutschen Radsport?

Sowohl im Breiten- als auch im Leistungssport haben es Frauen in Deutschland schwer, erklärt Kim Ohl, Sprecherin des nordrhein-westfälischen Radsportverbands (RSV NRW). „Von über 25.000 Mitgliedern des RSV NRW sind kaum mehr als 5000 Mitglieder weiblich. Auch die Trainer- und Funktionärsposten sind überwiegend männlich besetzt“, so Ohl. Dies bestätigt auch der Leistungssportkoordinator beim RSV NRW, Markus Schellenberger: „Traditionell ist der Rennsport eher immer noch eine ‚Männerdomäne‘, was Frauen den Einstieg wahrscheinlich erschwert. Der Rennsport hat leider seit Jahren Nachwuchsprobleme im weiblichen Bereich.“

Kein Interesse an Radsport? Das sei für Sina Päske, Gründerin des Berliner Frauen-Radteams „Wheel Divas“, nicht das Problem. Sie ist der Meinung, dass heute schon viel mehr Frauen auf der Straße unterwegs sind als noch vor fünf oder zehn Jahren. Päske sagt: „Das Problem ist, dass die Frauen nach wie vor nicht gefördert werden. Es bleibt ein Hobby vereinzelter Frauen, die einer Leidenschaft nachgehen, obwohl sie vielleicht mehr könnten, nämlich Leistungssport!“ Diesen Eindruck hat auch Ralf Stambula, Teamchef des münsterländischen Frauen-Radteams „d.velop Ladies“: „Es fahren mehr junge Frauen Rennrad, ob allein oder in Gruppen. Dieser Anstieg ist aber nicht im lizenzierten Radsport zu beobachten.“

Dass der Sport nach wie vor von Männern dominiert wird, sei laut Päske eins der größten Probleme. „Frauen wird nicht das zugetraut, was man den Männern zutraut. Dementsprechend ist die Förderung auch noch viel schlechter als bei den Männern“, sagt die Teammanagerin der Wheel Divas. Päske kritisiert zudem den Bund Deutscher Radfahrer (BDR), der sich ihrer Meinung nach auf dem Erfolg des Bahn-Vieres der Frauen bei den Olympischen Spielen in Tokio ausruhe, aber generell nichts ändern wolle.

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Dem widerspricht der BDR entschieden. Gerade die Erfolge im vergangenen Jahr sprächen dagegen. „Sicher gibt es noch einiges zu tun, aber der BDR und auch der internationale Radsport ist auf einem guten Weg. Gerade im weiblichen Nachwuchsbereich waren wir im letzten Jahr überaus erfolgreich. Und das spiegelt die gute Arbeit des Verbandes wieder“, erklärt BDR-Sprecherin Christina Kapp.

Auch Schellenberger sieht Grund zur Hoffnung: „Es gibt aktuell ein gutes Rennprogramm mit beispielsweise der Bundesligaserie und der Thüringenrundfahrt in Deutschland. Dennoch ist Frauenradsport im Leistungssport aktuell leider eher als Randsportart einzustufen.“ Der BDR organisiert mit der Rad-Bundesliga eine eigene Straßenrennserie, die in drei Wertungsklassen unterteilt ist: Männer, U19-Junioren und zusammen in einer Klasse: Frauen und U19-Juniorinnen. „Der BDR ist sehr darum bemüht, diese Serie mit hochwertigen Rennen auszustatten“, so Kapp. Ralf Stambula kritisiert dennoch, dass Frauen in Deutschland nicht richtig gefordert werden. „In Belgien gibt es beispielsweise Rennen, in denen die Frauen 80 bis 100 Kilometer fahren dürfen. In Deutschland sind es meist 35 Kilometer. Einmal um den Kirchturm. Das bringt den Frauenradsport einfach nicht weiter.“

Um alte Versäumnisse aufzuholen und mehr Frauen den Zugang zum Radsport zu erschließen, ergreife der RSV NRW verschieden Maßnahmen, so Sprecherin Ohl. Ein aktuell ausgeschriebener Innovationspreis soll beispielsweise für Vereine Maßnahmen zur Förderung von Mädchen und Frauen honorieren. Außerdem habe der Verband festgestellt, dass es sich positiv auf Frauen und Mädchen auswirke, wenn es mehr weibliche Trainerinnen oder Übungsleiterinnen gibt. „Es hat sich erwiesen, dass so Hemmschwellen für Mädchen und Frauen abgebaut werden können“, sagt Sprecherin Ohl.

Strangula ist der Meinung, dass viel mehr möglich wäre: „Es gibt so tolle große Veranstaltungen für Männer, warum lässt man die Frauen dort nicht auch fahren? Die Infrastruktur, die Streckenposten, das ist ja alles schon da, man könnte die Frauen einfach zwei Minuten nach den Männern starten lassen.“ Warum das nicht umgesetzt werde? Man könne keinem Veranstalter vorschreiben ein Frauenrennen durchzuführen, entgegnet der BDR.

Strambula kritisiert zudem die geringe Wertschätzung der Öffentlichkeit und auch die Medien, die den Radsport zu wenig abbilden, besonders den der Frauen. Der Profisport sei auch eine Kostenfrage und abhängig von Sponsoren, die sich ohne mediale Aufmerksamkeit wiederum nicht finden. Getragen werde der Sport vor allem von Ehrenamtlern. „Ohne die vielen ehrenamtlichen Teams, wäre der Frauenradsport in Deutschland vermutlich bereits ausgestorben“, da ist sich auch Päske sicher. Strambula ergänzt: „Ich bin froh, dass es so viele Radsportverrückte gibt, die ehrenamtlich mitwirken.“

Mit der Protestfahrt „Donnons des elles au vélo“ (dt.: „Frauen, rauf aufs Fahrrad“) beweisen Frauen seit 2015, dass sie dem Sport gewachsen sind. Bei dem inoffiziellen Radrennen fahren Frauen die Strecke der Tour de France ab, Etappe für Etappe und immer einen Tag vor den Männern. Ein offizielles Radrennen der Spitzenklasse zu etablieren, scheiterte zuvor mehrmals. Die erste „Tour de France Woman“ wurden zwischen 1984 und 1989 veranstaltet und umfasste 1080 Kilometer in 18 Etappen. 1990 löst die „Tour of the EEC Woman“ das vorherige Mehrtagesrennen ab. Doch auch dieser Wettkampf kann sich nicht lange halten und findet 1993 bereits zum letzten Mal statt. Von 1997 bis 2009 gibt es mit dem „Grande Boucle Féminie Internationale“ ein neues Radrennen. Doch auch dieser Versuch endete vor rund 13 Jahren. 2014 wird zwar das neue Eintagesrennen „La Course“ etabliert, ein mit der Tour de France für Männer vergleichbares Rennen gibt es jedoch bis zu diesem Sommer nicht.

Sina Päske von den Wheel Divas sieht die Tour de France Femmes als ein gutes Zeichen für den weiblichen Profisport. „Ich denke, dass es Frauen motiviert, es nicht nur als Hobby zu sehen. Ich glaube, die Tour kann ein großes Ziel für das ein oder andere junge Mädchen sein.“ Auch Ralf Stambula hält die Tour de France Femmes für einen richtigen Schritt. Insgesamt seien die Schritte im internationalen Frauenradsport aber noch zu klein.

Auch Schellenberger vom RSV NRW begrüßt die Tour: „Grundsätzlich ist man aktuell glücklich über jede Veranstaltung, die den Radsport insgesamt stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rückt. Speziell der Frauenbereich erhofft sich dadurch eine größere Sichtbarkeit und Anerkennung.“

Allgemeines Lob gibt es vor allem für den Starttermin am 24. Juli, am Tag des Männer-Finales. Viele hoffen, dass die mediale Aufmerksamkeit so größer ist. Auch das anspruchsvolle Finale am Gipfel des Planches des Belle Filles wird gelobt.