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Tour de France 2022: Jonas Vingegaard vor Gesamtsieg

Däne vor erstem Tour-Sieg : Vingegaards gelbes Glück

Auch im letzten harten Test der Tour de France wackelt Jonas Vingegaard nicht. Im Zeitfahren reicht dem Spitzenreiter Platz zwei, um im Gelben Trikot nach Paris zu fahren. Am Samstag ging er noch mal volles Risiko.

Für Jonas Vingegaard gab es im Moment des größten Erfolges nur einen Weg - den in die Arme seiner Familie. Der designierte Sieger der Tour de France 2022 überfuhr die Ziellinie, umarmte seine vor Glück weinende Freundin Trine und küsste sein Töchterchen Frida, das wie der Vater in ein Gelbes Trikot gekleidet war.

Vingegaards Tochter durfte wenig später dann auch mit aufs Siegertreppchen. Schüchtern klammerte sie sich an den obligatorischen Plüschlöwen des Gesamtführenden, während ihr Vater ins Publikum blickte: erschöpft, erleichtert und glücklich.

„Es bedeutet mir alles, dass meine beiden Mädchen hier an meiner Seite sind“, sagte Vingegaard im Anschluss: „Ich dachte immer, dass ich eine Chance habe, die Tour de France zu gewinnen. Aber es wirklich zu tun, ist unglaublich.“

Wenige Minuten zuvor hatte der Däne die letzte große Hürde zu seinem ersten Tour-Gesamtsieg genommen. Beim Einzel-Zeitfahren auf der vorletzten Etappe der Frankreich-Rundfahrt reichte dem 25-Jährigen ein starker zweiter Platz, um Konkurrent Tadej Pogacar aus Slowenien auf Distanz zu halten. Der Tagessieg ging an seinen Jumbo-Visma-Teamkollegen Wout van Aert, der zum dritten Mal in diesem Jahr erfolgreich war.

„Die Tour de France als Team zu gewinnen, ist etwas ganz Besonderes“, sagte auch der Etappensieger begeistert: „Das ist wirklich ein besonderer Tag. Jonas ist so stark auf dem Rad, aber auch einfach so ein netter Kerl.“

Vingegaard, der in den vergangenen Wochen einen komfortablen Vorsprung von über drei Minuten herausgefahren hatte, zeigte auf dem gut 40 km langen Zeitfahr-Kurs die nächste bärenstarke Leistung. Nach einer kleinen Schrecksekunde kurz vor dem Ziel, als er beinahe an einer Felswand stürzte, fuhr er gegen 17.50 Uhr kopfschüttelnd und glücklich über die Linie - mit 19 Sekunden Rückstand auf Rang eins.

Titelverteidiger Pogacar lieferte ebenfalls ein ordentliches Zeitfahren ab, konnte Vingegaard aber als Dritter nicht mehr annähernd gefährlich werden (+0:27). „Es wird mich hungriger machen, mehr zu gewinnen. Ich mag Herausforderungen im Leben. Ich bin jetzt schon sehr motiviert für die nächste Tour und will besser werden“, sagte der Geschlagene.

Der Vorjahres-Zweite Vingegaard liegt nun im Gesamtklassement 3:34 Minuten vor Pogacar (UAE) und 8:13 Minuten vor dem drittplatzierten Briten Geraint Thomas (Ineos Grenadiers). Am Sonntag wird er aller Voraussicht nach gemütlich zum Titel rollen, da der Führende der Gesamtwertung auf der abschließenden Triumphfahrt traditionell nicht mehr angegriffen wird. Vingegaard wird als zweiter Däne nach dem geständigen Doper Bjarne Riis 1996 auch in Paris das Gelbe Trikot übergestreift bekommen.

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Um die Mittagszeit hatte die 20. Etappe der Tour in Lacapelle-Marival begonnen - wie gewohnt bei großer Hitze. In umgekehrter Reihenfolge des Gesamtklassements ging es für die Fahrer auf den 40,7 km langen Kampf gegen die Uhr, der im wunderschönen Wallfahrtsort Rocamadour endete.

Nach rund einer Stunde rollte der italienische Mitfavorit Filippo Ganna (Ineos Grenadiers) von der Startrampe. Der Weltmeister im Einzelzeitfahren der vergangenen beiden Jahre fuhr eine Bestzeit heraus, die lange Bestand hatte, ehe die Topfahrer sie nach und nach unterboten.

An diese Zeiten kamen die deutschen Fahrer nicht ganz heran, doch auch sie zeigten eine starke Leistung. Nils Politt wurde am Ende Zwölfter, Bora-hansgrohe-Kollege Maximilian Schachmann sogar Neunter: „Ich habe mich heute früh gar nicht gut gefühlt, habe von 13 bis 14 Uhr auch noch im Bus geschlafen. Aber irgendwie ging es dann erstaunlich gut, schnell zu fahren“, sagte Schachmann anschließend in der ARD zufrieden.

Sein Teamkollege und Kapitän Alexander Wlassow wurde 18. Der 26-Jährige liegt in der Gesamtwertung nun auf Rang fünf und sorgte damit für einen versöhnlichen Abschluss für den deutschen Rennstall, der vor der Tour auf einen Podestplatz Wlassows gehofft hatte.

Am Sonntagmorgen startet das Peloton bereits in Paris zur Tour d'Honneur, jener Schlussetappe. Von der La Défense Arena geht es zunächst aus der Stadt raus in Richtung Westen, ehe man über die Cote du Pavé des Gardes ins Zentrum fährt und auf den Champs-Élysées die obligatorischen Schlussrunden dreht. Favorit auf den Sieg nach 115,6 Kilometern ist van Aert, der bereits im Vorjahr dort gewann.

Hier halten wir Sie über das Finale der Tour de France auf dem Laufenden.

(rent/sid/dpa)