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Simon Geschke im Interview nach der Tour de France: „Das hat mich alles sehr berührt“​

Fast-Bergkönig Simon Geschke : „Das hat mich alles sehr berührt“

Mit seinem Kampf um das Bergtrikot war Simon Geschke eine der prägenden Figuren dieser Tour de France. Am Ende fehlten sieben Punkte zum prestigeträchtigen Trikot. Geschke spricht im Interview über die verpasste Chance, seinen Tränenausbruch und die Anstrengungen, das Trikot zu verteidigen. Er erneuert auch seine Kritik an der Streckenführung.

Herr Geschke, vier Tage ist es nun her, dass Sie das Bergtrikot der Tour verloren haben. Ist bei Ihnen schon angekommen, welche außerordentliche Leistung Sie erbracht haben oder überwiegen noch die Gedanken an die verpasste Chance?

Simon Geschke Das Bergtrikot war zuvor für mich nie ein Ziel bei der Tour de France. Dieses Mal hat es aber gepasst. Es ist schon ein bitterer Beigeschmack dabei, weil ich als erster Bergkönig aus Deutschland Geschichte geschrieben hätte. Für mich persönlich, aber auch für mein Team, wäre es ein riesen Ding gewesen, ein Trikot bei der Tour zu gewinnen. Aber ich bin natürlich auch stolz, überhaupt so weit gekommen zu sein und bis zur letzten Bergetappe die Bergwertung der Tour angeführt zu haben. Trotzdem ist die verpasste Chance bitter. Daher kann ich meine Leistung noch nicht wirklich in Worte fassen.

Es waren bewegte Bilder im Ziel der 18. Etappe nach Hautacam, als klar war, Sie haben das Bergtrikot verloren: Sie saßen an der Streckenabsperrung und brachen in Tränen aus. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Geschke Ich habe mir wegen des Bergtrikots selbst etwas Druck gemacht. Es war dann das erklärte große Ziel des Teams, da wir keine Etappe gewonnen hatten. Dafür habe ich überragende Hilfe von meinen Teamkollegen bekommen. Im Ziel war es dann die Anspannung, die abfiel, zum Teil war ich aber auch einfach froh, dass es vorbei war mit den Bergen. Das hat super viel Kraft gekostet. Da kam vieles zusammen – und na klar, auch Enttäuschung über die verpasste Chance.

Für die Verteidigung des Bergtrikots mussten Sie in zahlreiche Fluchtgruppen gehen. Der Kampf, um in diese Gruppen zu kommen, war zu Etappenbeginn immer groß, mit zahllosen Angriffen. Das sieht stets nach viel Panik und Stress aus, um bloß nicht die Gruppe des Tages zu verpassen. Wie haben Sie das erlebt?

Geschke Bis zur letzten Pyrenäen-Etappe lief es eigentlich sehr gut. In der dritten Woche der Tour will fast jeder Fahrer in die Gruppe. Die ersten 50 Kilometer werden dann extrem aggressiv gefahren. Bis die Gruppe steht, kann es manchmal echt lange dauern – das ist oft schwerer als das Etappenfinale. Das war es dann auch, was mir am letzten Tag das Bergtrikot gekostet hat.

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Auf der 18. Etappe, der letzten Bergetappe, kämpften Sie zu Beginn verzweifelt, um in der Fluchtgruppe des Tages dabei zu sein …

Geschke Ich hatte den Druck, unbedingt in die Gruppe kommen zu müssen, da mein Vorsprung in der Bergwertung nicht besonders groß war. Das war meine einzige Chance, weitere Punkte zu holen. Da habe ich am Anfang zu viel Kraft investiert. Es war auch die Nervosität. Das Team hat alles probiert. Aber auf dem Flachstück zu Beginn der Etappe habe ich selbst attackiert und bin vielleicht auch zu viele Attacken mitgegangen. Das war ein Fehler. Am ersten Berg konnte ich dann nicht mehr den Unterschied machen. Ich hatte allerdings auch keinen Wahnsinnstag. In der dritten Woche der Tour kommt der Körper an seine Grenzen: Man kann nicht mehr zehnmal attackieren, sondern vielleicht nur noch zweimal. Ich war davor schon fünfmal in der Spitzengruppe gewesen, das kostet auch immer Kraft, das merkt man halt irgendwann. Mir war eigentlich klar, dass die Chance auf das Bergtrikot vorbei ist, wenn ich am ersten Berg keine Punkte bekomme.

In Deutschland gab es viel Support und Interesse an Ihrem Kampf um das Bergtrikot. Was ist davon bei Ihnen in Frankreich angekommen?

Geschke Über die Sozialen Netzwerke kam sehr viel, was mich überrascht hat, weil es ja nur um das Bergtrikot ging. Die Unterstützung der Radsportfans aus Deutschland hat mich sehr gefreut. Es ist schön zu sehen, dass ich da einen kleinen Hype ausgelöst habe – weil die Tour de France in den vergangenen Jahren in Deutschland ja nicht unbedingt als Highlight im Vordergrund stand. Und wenn dann in einer Stadt wie Freiburg (Geschke ist Wahl-Freiburger, Anm. d. Red.) ein kleines Wahrzeichen wie das Holbeinpferd in den Farben des Bergtrikots angemalt wird, das ist schon ziemlich cool. Allgemein hat mich das alles sehr berührt, auch die ganzen Nachrichten, die über die Sozialen Netzwerke gekommen sind, dass die Leute wieder mehr die Tour gucken und seit 2003 nicht mehr so mitgefiebert haben. Schön, wenn man dazu etwas beitragen konnte.

Sie fahren für das französische Team Cofidis, trugen neun Tage als Führender das prestigeträchtige Bergtrikot – wie war der Trubel in Frankreich um Ihre Person?

Geschke Für das Team war es natürlich eine tolle Sache. Wir gehören ja nicht zu den Teams, die ständig eine Tour-Etappe gewinnen (Cofidis gewann zuletzt 2008 eine Tour-Etappe, Anm. d. Red.). Als Fahrer fällt man mehr auf als sonst, das habe ich an vielen Anfeuerungsrufen gemerkt: „Allez Simon“. Die Fans gehen natürlich anders ab, wenn das Bergtrikot kommt, das ist schon cool. Gerade die Etappe hinauf nach Alpe d’Huez – das war natürlich Wahnsinn im Bergtrikot. Das wird noch lange in Erinnerung bleiben.

Die Führung in der Bergwertung haben Sie nach der 18. Etappe an Jonas Vingegaard, den Mann in Gelb verloren. Im Anschluss mussten Sie das Trikot bis Paris als Zweiter der Wertung jedoch weitertragen, da Vingegaard nicht beide Trikots tragen kann.

Geschke Ich bin der Meinung, dass ich im Bergtrikot nichts mehr verloren hatte. Gerade mit den Feierlichkeiten auf der letzten Etappe, wo die Trikotträger in der ersten Reihe stehen und die ganzen Fotos gemacht werden – das war ein komisches Gefühl, weil ich das Trikot ja nicht gewonnen habe. Aber ich respektiere die Regeln. Man muss ja auch eine Strafe zahlen, wenn man das Trikot nicht trägt. Es ist halt pures Business. Das Bergtrikot hat seine Sponsoren, die Geld dafür zahlen, dass es getragen wird. Und Vingegaard kann keine zwei Trikots tragen.

Es ist das dritte Jahr in Folge, in dem der Gesamtsieger auch das Bergtrikot gewinnt. Müssen die Regeln geändert werden?

Geschke Die Regeln sind dieses Jahr ja bereits geändert worden. Zuvor gab es doppelte Punkte bei Bergankünften, damit schiebt man das Bergtrikot tatsächlich den Klassementfahrern zu. Das ist abgeschafft worden. Ich glaube, dass die Regeln, so wie sie jetzt sind, nicht schlecht sind. Vielleicht ist es noch nicht zu allen Fahrern durchgedrungen, dass man nun wirklich realistische Chancen auf das Bergtrikot hat. Ich hätte es ja dieses Jahr fast geschafft als, sage ich mal, Durchschnittsbergfahrer. Vielleicht kann man noch überlegen, ob der Unterschied zwischen den Bergen der HC-Kategorie und der 1. Kategorie so groß sein muss: Für einen HC-Anstieg gibt es aktuell 20 Punkte, für einen der 1. Kategorie zehn Punkte. Die tun sich vom Anforderungsprofil nicht so viel.

Ein Thema der Tour war die Hitze. Teilweise herrschten 40 Grad Lufttemperatur. Wie fährt es sich bei so einem Wetter?

Geschke Das war definitiv nicht schön. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Man muss wahnsinnig viel trinken, was wiederum den Magen belastet, der ohnehin schon am Limit ist von allem, was wir essen müssen, um den Energiehaushalt auszugleichen. Das waren harte Tage. Da zieht es einem auch schnell den Stecker, wenn man überzieht. Ich habe es auf der Etappe nach Mende in der Spitzengruppe gemerkt. An dem Tag war es super heiß. Das hat mir mehr Kraft gekostet, als mir lieb war. Da muss man tatsächlich ein bisschen aufpassen. Das ist definitiv nicht gesund.

Sehen Sie da Lösungen für die Zukunft?

Geschke Beim Weltverband gibt es eigentlich ein Protokoll für extreme Wetterbedingungen. Das ist bei der Tour aber immer etwas schwierig, weil es natürlich jeden Tag von A nach B gehen soll. Man könnte allerdings sagen, dass eine Etappe mit fünf Schlussrunden in einer Stadt endet – und bei extremer Hitze von 40 Grad könnte man überlegen, statt fünf nur noch eine Runde zu fahren. Dann ist die Etappe verkürzt und die Fahrer sind eine Stunde weniger unterwegs.

Bei dieser Tour gab es einige kritische Fahrerstimmen zu den heißen Bedingungen, von der Rennleitung aber kaum Erbarmen. Fehlt es da an Einfluss von Seiten der Fahrer?

Geschke Im Radsport gibt es inzwischen zwei Fahrervereinigungen, die zuletzt aber relativ wenig gemacht haben. Es gibt keine Einigkeit unter den Fahrern, da das System im Radsport so ist, dass die Fahrer am kurzen Hebel sitzen. Die Fahrer sind angewiesen auf Verträge, die Teams wiederum sind abhängig von ihren Sponsoren – und die Teams brauchen die großen Rennen, weil das für die Sponsoren interessant ist. Richtig Power hat man als Durchschnittsfahrer da nicht. Würde das Gelbe Trikot natürlich sagen, wir fahren nicht bei der Hitze, klar, dann wäre das etwas anderes. Aber dann gäbe es sicherlich auch wieder kleinere Teams, die sagen, wir würden doch gerne fahren, weil es für uns das Saisonhighlight ist. Deswegen ist das alles schwierig. Die Interessen sind sehr unterschiedlich unter den Fahrern und den Teams.

Vor der Rundfahrt kritisierten Sie die diesjährige Streckenführung der Tour und sagten; „Die Tour ist kein Actionfilm.“ Nun, da die Tour vorbei ist, bleiben Sie dabei?

Geschke Das Zitat würde ich so stehenlassen. Es ging dabei vor allem um die Etappe über Kopfsteinpflaster und allgemein die erste Woche. Ich hatte den Eindruck, dass die Organisatoren bewusst die Strecke so gelegt haben, dass viel Spektakel dabei ist und Stürze in Kauf genommen werden. Eine Etappe über Kopfsteinpflaster kann man kaum sicher gestalten, auch von den Zuschauern her. Bei der Tour sind fast doppelt zu viele Besucher am Streckenrand wie bei anderen Rennen. Es gab auch einen schlimmen Sturz wegen eines Zuschauers, bei dem sich ein Fahrer das Becken gebrochen hat. Für ihn ist die Saison vorbei. Mit Primoz Roglic kam auch ein Mitfavorit zu Fall. Dadurch kann die Tour auch langweilig werden, wenn in der ersten Woche ein oder zwei Favoriten wegen Stürzen Zeit verlieren oder direkt raus sind. Die Frage ist, ob man sich damit einen Gefallen tut. Ich weiß nicht, ob eine Kopfsteinpflasteretappe wirklich einen Platz bei der Tour haben muss. Da wird bewusst ein Risiko in Kauf genommen. Die anderen beiden großen Landesrundfahrten, der Giro d’Italia und die Vuelta a Espana, sind immer spannend – auch ohne Pflastersteine. Ich weiß nicht, warum die Tour einen Fetisch dafür hat. Die Zuschauer sind ein weiterer Risikofaktor, weil Leute zur Tour kommen, die sonst nicht zum Radrennen gehen und nicht auf dem Schirm haben, dass wir auf jedem Zentimeter der Straße fahren.

Das ist seit Jahren ein Problem bei der Tour. Die Fans machen auf der einen Seite die spektakulären Bilder aus, sind auf der anderen Seite jedoch eine Gefahrenquelle. Fehlt es da an flächendeckender Aufklärung seitens der Organisatoren?

Geschke Auf den Bergetappen wird es immer vorgemacht, wenn alle Leute dicht zusammenstehen. Da ist es aber kein Problem, wenn uns die Zuschauer etwas näherkommen, weil wir da maximal mit 20 km/h hochfahren. Auf einer Flachetappe denken die Leute aber genauso, nur, dass wir da zum Teil mit 70 km/h unterwegs sind – und das ist natürlich eine ganz andere Geschichte. Bei der Tour ist das jedoch schwierig zu regeln. Nicht alle Zuschauer sind Radsportfans, sondern viele Leute sind zufällig im Urlaub und schauen sich dann eben eine Etappe an. Da ist die Frage, wie man solche Leute erreichen kann? Ich habe in den drei Wochen wieder Sachen gesehen, wo Leute mit Picknickdecken auf der Straße saßen. Oder einen Sturz wegen eines freilaufenden Hundes auf einer Alpenetappe. Das sind Sachen, die vermeidbar gewesen wären. Man ist eigentlich überrascht, dass nicht mehr passiert.

Wie haben Sie das Duell zwischen Jonas Vingegaard und Tadej Pogacar wahrgenommen?

Geschke Es ist schön zu sehen, dass Pogacar auch mal Schwächen zeigt, das macht ihn menschlich. Das hat das Rennen spannend gemacht. Manchmal kommt man aber ins Ziel und weiß gar nicht, wer gewonnen hat und guckt sich das Rennen danach auch nicht mehr an. Wirklich viel gesehen habe ich daher nicht.

Im Frühjahr war zu lesen, dass Sie Ende 2023 Ihre Karriere beenden wollen. Nach einer so intensiven Tour: Überdenkt man diesen Entschluss noch einmal?

Geschke Das Karriereende habe ich eigentlich nie angekündigt. Es kam damals die Frage, wie lange ich noch einen Vertrag habe, da wurde dann direkt geschrieben, dass 2023 mein Karriereende ist. Für die kommende Saison habe ich noch einen Vertrag, danach schaue ich, wie es weitergeht.

Gibt es nach der Tour die Chancen zum Abschalten?

Geschke Nein, gar nicht. Ich komme Montagabend nach Hause und am Dienstag packe ich für ein Kriterium in Österreich. Danach steht am Samstag in Spanien das nächste Rennen an und im Anschluss ein weiteres Kriterium in der Nähe von Frankfurt. Danach schalte ich ein bisschen ab.

Ist die Europameisterschaft in München ein Thema für Sie?

Geschke Nein. Der Kurs in München ist flach. Da gibt es in Deutschland mindestens 20 Fahrer, die dafür besser geeignet sind als ich.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Gewinner und Verlierer der Tour de France 2022