Radsport: Marcel Kittel löst seinen Vertrag mit Katusha auf, Zukunft ungewiss

Zukunft als Radprofi ungewiss : "Erschöpfter" Kittel löst Katusha-Vertrag auf

Der deutsche Radprofi Marcel Kittel steht vor einer ungewissen Zukunft. Der Top-Sprinter löste den Vertrag beim Team Katusha-Alpecin nach monatelangen Turbulenzen auf eigenen Wunsch auf.

Der Kopf ist blockiert, die Lockerheit vergangener Tage verloren, die Zukunft als Radprofi ungewisser denn je: Der deutsche Sprintstar Marcel Kittel hat nach monatelangen Turbulenzen für einen Paukenschlag gesorgt und zwei Monate vor der Tour de France seinen Vertrag beim Team Katusha-Alpecin vorzeitig aufgelöst. Der fast 31-Jährige nimmt auf unbestimmte Zeit eine Pause vom Profi-Radsport, die Tour 2019 findet im Sommer ohne ihn statt.

Der mit 14 Erfolgen erfolgreichste deutsche Etappensieger der Frankreich-Rundfahrt will Abstand gewinnen und seine Zukunft neu überdenken. "In den letzten zwei Monaten hatte ich das Gefühl, erschöpft zu sein", teilte Kittel am Donnerstag in einem ausführlichen Statement mit: "Momentan kann ich nicht auf höchstem Niveau trainieren und Rennen fahren."

Er wolle sich Zeit für sich nehmen, über seine Ziele nachdenken und dann neue Pläne schmieden. "Es war ein langer Entscheidungsprozess für mich, in dem ich eine Menge Fragen aufgeworfen habe, wohin mein Weg als Person und Athlet gehen soll und was wirklich wichtig für mich ist", erklärte der Thüringer, der ein Karriereende ausschloss: "Ich würde in der Zukunft gerne wieder Rennen fahren. Das ist die größte Herausforderung meiner Karriere, und ich nehme sie an."

Kittel ist einer der besten deutschen Sprinter der Radsport-Geschichte, doch bereits seit längerem steckt der gebürtige Arnstädter in einer anhaltenden sportlichen Krise. Sie gipfelt nun in dem wahrscheinlich vorzeitigen Saisonende und einer Ausnahmesituation für den erfolgsgewohnten blonden Hünen.

Schon in seinem Premierenjahr für Katusha-Alpecin waren ihm 2018 nur zwei Siege gelungen, die verkorkste Saison fand in den teaminternen Querelen mit Sportdirektor Dmitri Konyschew bei der Tour ihren Tiefpunkt. 2019 hatte dann verheißungsvoll begonnen, Kittel gewann einen Abschnitt der Mallorca Challenge. Anschließend aber zeigte die Formkurve wieder steil nach unten.

Beim Eintagesrennen Scheldeprijs im April, das er immerhin fünfmal gewonnen hat, erreichte er das Ziel mit 4:36 Minuten Rückstand - ein Debakel und weiteres Indiz, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Danach hagelte es aufs Neue öffentliche Kritik, die Kittel hart traf. Zuletzt hatte er "aus gesundheitlichen Gründen" auf einen Start bei der Tour of Yorkshire und der Kalifornien-Rundfahrt verzichtet.

Die Liste von Kittels Erfolgen ist wahrlich lang. Neben den 14 Tour-Tageserfolgen gewann er unter anderem vier Etappen beim Giro d'Italia sowie eine bei der Vuelta in Spanien. Er zählt zum illustren Kreis derer, die bei jeder der drei großen Landesrundfahrten ein Teilstück gewonnen haben. Bei der Tour trug er zweimal das Gelbe Trikot, beim Giro schlüpfte er vorübergehend ins Maglia Rosa.

Seine Liebe für den Radsport habe nie gelitten, versicherte Kittel. Es ist zudem sein Wunsch, noch einmal auf das höchste Niveau zurückzukehren. Allerdings werfen die Umstände der Vertragsauflösung bei Katusha-Alpecin die Frage auf, ob dem Wahl-Schweizer ein ähnliches Comeback wie vor drei Jahren gelingt, als er eine deprimierende Saison 2015 eindrucksvoll hinter sich ließ.

Seine Zielstellung ist eindeutig, erzwingen wird er die Rückkehr ins Peloton aber wohl nicht. "Von nun an werde ich mein Glück und meine Freude über alles stellen und nach Wegen suchen, dies auch in meiner Zukunft zu finden", sagte Kittel: "Ich bin sehr gespannt, was kommen wird." Katusha-Teammanager Jose Azevedo äußerte für Kittels Entscheidung Verständnis und Bedauern. Der Portugiese merkte an: "Er ist ein Champion."

(eh/sid)
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