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Radsport: Giro d'Italia 2020 versinkt im Chaos

Corona-Fälle und Protest : Der Giro fährt den Radsport ins Chaos

Der Giro d’Italia 2020 wird zu Ende gefahren. Diese Entscheidung dürfte bei noch zwei zu fahrenden Etappen als gesetzt gelten. Angesichts der vielen positiven Corona-Tests, Fan-Ansammlungen und der eisigen Temperaturen hat sich der Radsport damit keinen Gefallen getan.

Italien hat einen neuen Höchststand bei den Corona-Infektionen erreicht. Am Donnerstag wurden vom Gesundheitsministerium 16.078 Neuinfektionen gemeldet. Auch wenn das Land anders als im Frühjahr nicht mehr das Zentrum der Pandemie bildet und in Spanien beispielsweise die Vuelta trotz schlimmerer Zahlen (20.986 Neuinfektionen) durchgeführt wird, sollte zumindest die Frage nach der Sinnhaftigkeit gestellt werden.

Bei der Präsentation der aktuellen Zahlen kam heraus, dass die Lombardei mit mehr als 4000 Neuinfizierten wie auch schon im Frühjahr am härtesten betroffen ist. Die Behörden verhängten als Reaktion unter anderem ein Ausgehverbot von 23 Uhr bis fünf Uhr morgens. Bereits ein paar Tage zuvor erklärte das Auswärtige Amt in Deutschland etwaige Regionen Norditaliens zum Risikogebiet. Besonders Reisen in die Hotspots wie Mailand und Bergamo solle man vermeiden.

Unter all diesen Aspekten erscheint es mehr als absurd, den Giro mit einem Einzelzeitfahren in Mailand enden lassen zu wollen. Ob Zuschauer erlaubt sind, lässt RCS Sport, der Veranstalter der dreiwöchigen Rundfahrt, offen. Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass man im Umgang mit den Zuschauern sehr großzügig in der Auslegung des Hygienekonzepts ist. Ein im Hinblick auf die angespannte Lage schon groteskes Bild gab das Stilfser Joch auf der 18. Etappe ab. Auf der Passhöhe waren viele Fans ohne Sicherheitsabstand und teilweise ohne Mund-Nasen-Schutz versammelt und bei der anschließenden Bergankunft am Lago di Cancano sah es nahezu identisch aus. Damit hat der Radsport sich ein aus seiner Sicht unnötiges Imageproblem geschaffen und der Giro droht zum wiederholten Mal im Chaos zu versinken.

Der Start der vom Frühjahr auf den Herbst verlegten Grand Tour verlief noch vielversprechend. Nur zwei Wochen nach der Tour de France begann der Giro unter den Vorschusslorbeeren jener Rundfahrt, die ohne positive Tests in der sogenannten Blase aus Athleten und Betreuern durchkam, auf Sizilien. Auf den ersten Etappen sorgten ausschließlich die sportlichen Ereignisse für Schlagzeilen. Am dritten Tag – hinauf zum Ätna – war es Joao Almeida vom belgischen Team Deceuninck-Quick-Step, der die Gesamtführung vom Zeitfahrweltmeister Filippo Ganna übernahm. Der Portugiese sollte das Maglia Rosa 15 Tage lang bis zur Etappe über das Stilfser Joch behalten. Vor dem Start der 8. Etappe folgte dann der erste Paukenschlag: Simon Yates, Kapitän bei Michelton-Scott und einer der Top-Favoriten, muss den Giro nach einem positiven Corona-Test verlassen. Der Brite hatte leichte Symptome gezeigt und ist umgehend isoliert worden. Alle weiteren Tests innerhalb der Equipe waren negativ, sodass die Rennorganisation RCS der Mannschaft eine Fortsetzung des Rennens erlaubte. Eine Fehlentscheidung, wie sich nachher herausstellen sollte.

Sicherlich kann ein positiver Test vorkommen und den transparent zu machen, ist wichtig und richtig zugleich. Doch der im Nachgang scheinheilige Optimismus des Renndirektors Mauro Vegni lässt offen, ob beim Giro die Brisanz und die Bedenken des Fahrerfeldes auf dieselbe Art wie bei der Tour de France berücksichtigt wurden. Vegni sagte in einem Interview mit dem Fernsehsender Rai: „Wenn wir dem UCI-Protokoll gefolgt wären, hätten wir den Test nach Mailand schicken und dann auf das Ergebnis warten müssen.“ Weiter erklärte er: „Yates hätte in der Zwischenzeit weiterfahren dürfen. Stattdessen haben wir die Situation mit unserem Schnelltest lösen und die Blase intakt halten können.“

Dass die Blase zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich durchlässig war, konnte oder wollte er nicht ahnen. Am ersten Ruhetag wurde wie bei der Tour eine erste flächendeckende Testreihe durchgeführt. Ergebnis: acht weitere positive Tests. Vier Betreuer von Michelton-Scott, deren Tests im Zusammenhang mit der Inkubationszeit beim ersten Test noch negativ waren, je einer von Ineos Grenadiers und Ag2r La Mondiale und mit Steven Kruijswijk, Kapitän von Jumbo-Visma, und Michael Matthews von Sunweb waren auch zwei Fahrer unter ihnen. Das australische Team Michelton-Scott musste folglich als erstes den Giro verlassen, da sie die maximale Grenze an positiven Tests innerhalb eines Teams überschritten hatten. Jumbo-Visma tat es ihnen gleich. Sie begründeten ihren Entschluss mit der Verantwortung gegenüber den eigenen Fahrern und dem Rennen.

Später echauffierte sich Jos van Emden, einer der Helfer Kruijswijks, in einem britischen Podcast über Mängel bei der Umsetzung des Hygienekonzepts: „Es ist schon in unserem ersten Hotel falsch gelaufen. Dort waren wir schon mit vier oder fünf Teams in einem Hotel – aber das wäre noch nicht das Problem, denn sie sind alle Teil der Bubble und wissen wie die Lage ist und passen auf.“ Viel schlimmer sei es aus seiner Sicht gewesen, die Motorradpolizisten und neutrale Mechaniker im selben Hotel übernachten zu lassen. „Und auch ganz normale Hotelgäste. Und wir alle aßen vom selben Buffet. Das war schon der erste große Fehler.“ Für ihn kommen die positiven Befunde auch nicht von ungefähr. Er berichtete auch von Gesprächen mit Fahrern aus anderen Hotels, wo angeblich eine ähnliche Situation vorgefunden worden sei. Für ihn gebe es keine Zweifel, „wo er (Simon Yates; Anm. d. Red.) das Virus bekommen hat. Das war einfach falsch dort: zehn Teams in zwei Hotels mit normalen Gästen.“

Der Giro d’Italia wurde entgegen vieler kritischer Stimmen mit ungewissem Ausgang fortgesetzt. Mit am Start in Lanciano war auch noch das Team Sunweb, sogar mit Matthews Zimmerpartner Chris Hamilton. Ein zusätzliches Problem wurde nachher beim Australier abermals deutlich: Die Sicherheit der Tests. Schon im bisherigen Saisonverlauf kam es immer wieder zu falschen positiven Tests, sodass nicht nur einzelne Fahrer, sondern auch ganze Teams nicht zu Rennen antreten durften. Ein Beispiel hierfür ist das deutsche Team Bora-Hansgrohe, für die der Rückzug nach einem solchen Vorfall vor den Bretagne Classic aus moralischer Perspektive selbstverständlich, aber wirtschaftlich ein Fiasko war. Michael Matthews wurde ebenfalls im zweiten Schnelltest negativ getestet, durfte aber wegen der Auflagen nicht mehr zum Team zurückkehren.

In der zweiten Woche wurde der Druck auf die RCS immer größer. Trotz aller wirtschaftlichen Interessen der 20 verbleibenden Mannschaften, die auf den extrem verkürzten Rennkalender existenziell angewiesen waren, machte sich zunehmend eine Unsicherheit breit. So diskutierte das Team Lotto-Soudal vor dem Start der 12. Etappe 20 Minuten über einen möglichen Ausstieg aus der Grand Tour und Education First ging sogar einen Schritt weiter und forderte in einem Brief an den Veranstalter einen vom Testergebnis unabhängigen Abbruch nach der zweiten Woche, um eine weitere starke Wettbewerbsverzerrung durch den Ausfall zusätzlicher Fahrer zu vermeiden. Allerdings blieben beide Teams und die Rundfahrt wurde nach dem zweiten Ruhetag fortgesetzt. Eine entscheidende Rolle dürfte dabei die zweite Testreihe gespielt haben. Die Rennleitung meldete am vergangenen Montag nur zwei weitere positive Tests und somit machte sich ein dezimiertes Fahrerfeld in die Alpen, wo eine Vorentscheidung im Gesamtklassement herbeigeführt werden sollte. Es ist wohl Schicksal, dass mit Wilco Kelderman ausgerechnet ein Niederländer vom Team Sunweb das Rosa Trikot des Führende übernommen hat. Er wird versuchen, sein Trikot bis nach Mailand zu verteidigen – Stand jetzt vor einer unbeschränkten Zuschauerzahl.

Besonders im Fokus steht dabei die vorletzte Etappe nach Sestriere, die unter anderem wegen Schnees auf dem Colle dell’Agnello verkürzt worden ist. Nun wird der Abstecher nach Frankreich, wo es eigentlich auch über den Col d’Izoard hätte gehen sollen, durch das dreimalige Befahren des Schlussanstiegs ersetzt. Wie es dort um das Hygienekonzept am Streckenrand bestellt ist, ist unklar.

Dass der kolumbianische Radfahrer Fernando Gaviria bereits zum zweiten Mal positiv getestet worden ist und die Rundfahrt verlassen musste, ist ebenfalls nur zur Randnotiz geworden. Für die neuesten negativen Schlagzeilen sorgte das protestierende Fahrerfeld, das sich weigerte, nach dem gestrigen schweren Tag mit Temperaturen um den Gefrierpunkt, die heutige Etappe nach Asti über eine Marathondistanz von 253 Kilometern im Starkregen in Angriff zu nehmen. Kostenpflichtiger Inhalt Die vielseits kritisierte RCS verkürzte auch diese Strecke um mehr als die Hälfte, was den Direktor Mauro Vegni dazu bewegte, im italienischen Radio auf das Peloton zu schimpfen: „Wir machen alles, um das Rennen fortführen zu können. Diese Aktion macht alles kaputt, was wir bisher erreicht haben. Lasst es uns beenden und nach Mailand fahren. Wenn das erledigt ist, wird jemand dafür bezahlen müssen!“

Es ist also fraglich, ob es trotz aller finanziellen Risiken richtig war, den Giro d’Italia 2020 zu Ende zu fahren. Werbung in eigener Sache hat er jedenfalls nicht betrieben und auch der Radsport muss sich nach einem gelungenen Saisonstart mit einem neuen Imageproblem auseinandersetzen. Auch wenn der Gewinner am Sonntag in Mailand feststehen sollte, wird diese Rundfahrt noch mehrere Wochen für Diskussionsstoff sorgen. Das Sportliche ist dabei längst in den Hintergrund gerückt.