"Doping ohne jede Rücksicht": Jugendsport - regelmäßig kommt Schmerzmittel zum Einsatz

"Doping ohne jede Rücksicht": Jugendsport - regelmäßig kommt Schmerzmittel zum Einsatz

Düsseldorf (RP). Vor dem Hintergrund der aktuellen Doping-Diskussion prangerte Hans Geyer, der Geschäftsführer des Zentrums für präventive Dopingforschung an der Deutschen Sporthochschule Köln, den Missbrauch von Schmerzmitteln an.

Betroffen seien Fußball, Handball, Gewichtheben, Leichtathletik und Radsport. Schmerzmittel stehen nicht auf der Dopingliste, obwohl sie zur Leistungssteigerung eingesetzt werden und den Körper des Athleten schädigen können.

Er nannte Anti-Depressiva, Testosteron und Angina-pectoris-Medikamente für schwer Herzkranke. Der Kölner macht auf massiven Arzneimitteleinsatz im Freizeit- und Breitensport aufmerksam. Als Beispiel nennt er Mountainbike-Rennen über die Alpen.

Wie haben Sie als Wissenschaftler-Kollege auf die Nachrichten aus der Sportmedizin der Uni Freiburg reagiert?

Geyer Wir wussten, dass die Ärzte, mitbekamen, dass gedopt wurde. Sie unterliegen ja der Schweigepflicht. Aber dass sie selbst an der Organisation der Substanzen beteiligt waren und an der Applikation, das hat uns schockiert. Das ist gegen jede Standesethik und gegen gesetzliche Vorgaben. Heute fragen wir, warum das System so lange gehalten hat.

Viele Sportler nehmen Schmerzmittel.

Geyer Für uns gibt es Grauzonen zum Doping. Dazu gehört der Gebrauch von Schmerzmitteln. Nach unserer Auffassung sind das klassische Dopingmittel, denn ohne ihren Gebrauch könnten viele Athleten ihre Leistungen weder im Training noch im Wettkampf bringen. Sie müssten regenerieren. Wir haben Sportarten, in denen 100 Prozent der Athleten Schmerzmittel nehmen. Es gibt wahrscheinlich nicht einen Gewichtheber der Spitzenklasse, der einen Wettkampf ohne Schmerzmittel durchführt.

Welche Sportarten sind ansonsten vom vermehrten Schmerzmittelgebrauch betroffen?

Geyer Wir beobachten das seit längerer Zeit verstärkt im Fußball, im Radsport und in der Leichtathletik. Bei der Handball-WM haben wir das auch festgestellt. Stefan Kretzschmar sagt, ohne diese Mittel könnten die Handballer der Belastung gar nicht standhalten.

Ist das Doping?

Geyer Das ist Doping! Schmerzmittel gehören auf die Liste. Die Athleten verbessern ihre Leistungsfähigkeit und schädigen sich, möglicherweise sogar irreversibel, weil sie den Schutzmechanismus des Körpers unterdrücken.

Auch der Radsport ist betroffen.

Geyer Prinzipiell beobachten wir eine starke Zunahme von Medikamenten-Einnahme. Hauptsächlich stellen wir das im Radsport fest, möglicherweise ist es dort Tradition, dass man alles nimmt, was irgendetwas mit Leistungssteigerung zu tun hat. Zum Beispiel auch Antidepressiva, die möglicherweise stimulierende Effekte haben. Wir beobachten auch die Einnahme von Angina-pectoris-Medikamenten, die für schwer Herzkranke entwickelt wurden.

SCHMERZMITTEL STEHEN NICHT AUF DER LISTE

Warum stehen Schmerzmittel nicht auf der Dopingliste?

Geyer Es gibt viele Substanzen, die leistungsfördernd sind und nicht auf der Liste stehen, zum Beispiel Nikotin, das in Risikosportarten die Angst unterdrückt. Möglicherweise gibt es Widerstände von verschiedenen Gruppen, von der Industrie selbst, und möglicherweise gibt es den Einwand, dass Schmerzmittel von der Bevölkerung allgemein zu häufig genommen werden. Man bekäme Probleme mit zu vielen positiven Fällen oder mit einer Fülle von Ausnahmegenehmigungen. Ich erinnere mich noch gut an einen Bericht über den Deutschen Bronzemedaillengewinner bei der WM 2004 im 50-km-Gehen, der während des Wettkampfs am Straßenrand mehrmals Schmerzmittel gereicht bekam, um den Wettkampf überhaupt beenden zu können. Wie pervers sind wir eigentlich geworden? Es ist auch kein Geheimnis, dass in vielen Sportarten schon im Jugendbereich regelmäßig Schmerzmittel wie Aspirin und Voltaren verwendet werden.

Wie verbreitet sind solche Mittel bei Veranstaltungen, die Freizeitsportler Höchstleistungen abverlangen, etwa bei Transalp, dem Mountainbike-Rennen über die Alpen?

Geyer Die Organisatoren von Transalp sind mit der Bitte an uns herangetreten, präventive Programme aufzulegen, um den enormen Medikamenten-Missbrauch dort einzuschränken. Bei Transalp nehmen viele vergleichsweise untrainierte Menschen teil, die kaum Zeit hatten, sich anständig vorzubereiten. Die Organisatoren vermuten - wahrscheinlich wissen sie es -, dass dort sehr viele Schmerzmittel und viele leistungsfördernde Mittel wie Epo genommen werden. Auch Testosteron wird genommen, um die Aggressivität zu erhöhen und die Regeneration zu beschleunigen. Wo nicht kontrolliert wird, wird alles Mögliche genommen ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist ein Spiel mit hohem Risiko - und Medikamenten-Missbrauch vom Schlimmsten.

Gilt das auch für Marathonläufe?

Geyer Es gibt Gerüchte. Wir schlagen den Organisatoren vor, mal Dopingkontrollen durchführen zu lassen. Manche Läufer müssten dann befürchten, bei ihrem Betrug erwischt zu werden. Die Substanzen wirken ja vor allem bei solchen Menschen, die verhältnismäßig untrainiert sind.

Zum Beispiel, wenn ich meine Marathonzeit um zehn Minuten verbessern wollte, um meinen Chef zu schlagen.

Geyer Ich könnte ein bisschen mehr trainieren. Dazu fehlt aber vielleicht die Zeit. Dann bin ich versucht, eine Substanz wie Epo zu nehmen, die die Sauerstoff-Bindekapazität des Blutes erhöht. Für die Anwendung brauche ich keinen Arzt, ich kann es mir ja selbst in die Hautfalte injizieren. Ich brauche nur jemanden, der mir das Epo besorgt. Vielleicht ein bekannter Arzt, der mir ein Gefälligkeitsrezept ausstellt. Oder auf dem Schwarzmarkt. Oder bei einem Apotheker, den ich kenne. Das ist möglich - und anscheinend üblich.

Immer öfter berichten Sportler, dass sie Infusionen bekommen.

Geyer Wenn die Leute wüssten, welches Unwesen in manchen Sportarten im Spitzenbereich getrieben wird, würden sie ihre Kinder nicht mehr hinschicken. Nach den Tour-de-France-Etappen sehen Sie in den Hotels, wie Athleten am Tropf hängen. Das sieht aus wie auf der Intensivstation. Da arbeiten überall Ärzte mit. Mittlerweile wird das auch schon im Amateursport gemacht. Das ist pervers.

Bei Ihnen in Köln gibt es Know-how zum Thema Doping wie fast nirgends auf der Welt. Gibt es Versuche, Ihr Wissen auf der Gegenseite zu nutzen?

Geyer Das wurde wahrscheinlich gemacht - ganz offiziell. Ich wurde zu einer Sitzung der Nationalen Antidoping-Agentur eingeladen, in der es um neue Methoden ging und um Substanzen, die wir nicht nachweisen können. In dieser als vertraulich deklarierten Sitzung habe ich Informationen weitergegeben. Wie ich später erfahren habe, wurden diese von einem der jetzt in der Diskussion stehenden Ärzte sofort weitergegeben. Es wurde aber noch nie an uns eine Frage herangetragen wie: Könnt ihr Methoden entwickeln, die Doping verschleiern? Das ist hier nicht möglich.

Warum nicht?

Geyer Wir stehen unter ganz strengen Akkreditierungsregeln der Welt-Antidoping-Agentur Wada. Wenn es entsprechende Hinweise gäbe, wäre das unser sofortiges Ende. Allerdings kann man nicht vermeiden, dass ehemalige Mitarbeiter von Dopinglaboratorien später auf der anderen Seite arbeiten. Zum Beispiel hat ein ehemaliger leitender Mitarbeiter des Moskauer Doping-Labors amerikanische Leichtathleten, nach dem Vorbild der Ausreisekontrollen in der DDR, regelmäßig vorgecheckt.

Keine Annäherungsversuche aus der Industrie?

Geyer Die Industrie hat überhaupt kein Interesse an dem kleinen Haufen von Athleten. Sie wird so etwas nicht machen. Es gibt eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die am großen Geld der Topathleten interessiert ist. Wie in der Balco-Affäre geschehen. Oder jetzt bei Fuentes. Es ist ein Markt für den Untergrund und für korrupte Mediziner, nicht für die Industrie.

Epo spielte in den 90er Jahren eine große Rolle. Inwieweit ist es aber auch ein Dopingmittel der Gegenwart?

EPO NOCH IMMER IM UMLAUF

Geyer Epo wird jetzt möglicherweise etwas intelligenter genommen, das heißt in kleinen Dosen. Es wird rechtzeitig vor den Wettkämpfen abgesetzt, so dass man es dann kaum noch nachweisen kann.

Welche Konsequenzen ziehen Sie?

Geyer Wir fordern, dass die Dopingkontrollen zu Zeiten stattfinden, in denen das Epo genommen wird. Also außerhalb des Wettkampfs. Gerade im Radsport mangelt es aber an Trainingskontrollen. Die meisten Dopingproben aus dem Radsport stammen vom Wettkampf, aber da kann kein Epo drin sein, weil es rechtzeitig abgesetzt wurde.

Wie lange vorher muss es abgesetzt werden?

Geyer Vielleicht 48 Stunden. Bei kleinen Dosen sogar noch später. Ich glaube, dass Epo noch in großem Umfang verwendet wird, vor allem von Athleten aus der zweiten Reihe, die überhaupt nicht getestet werden. Es wäre interessant, mal zu ermitteln, wie viele Topathleten gar nicht kontrolliert werden und wie viele junge D- und C-Kader-Athleten, 16-jährige Hockeyspieler etwa, häufig kontrolliert werden.

Wie lässt sich dieses Problem lösen?

Geyer Wir brauchen Dopingkontrollen zu den richtigen Zeitpunkten, und überraschend müssen sie erfolgen. In besonders gefährdeten Sportarten brauchen wir eine höhere Kontrolldichte.

Welche Sportarten zählen Sie dazu?

Geyer Gewichtheben und Ringen, Schwimmen, Leichtathletik, Rudern, Skilanglauf, Biathlon. Auch Tennis, wo früher kaum Kontrollen stattfanden und heute immer noch zu wenig gemacht wird.

Ist es eine Frage des Geldes, dass nicht hinreichend oft kontrolliert wird?

Geyer Nein, nicht allein. Natürlich geht es auch ums Geld, aber vor allem um die Planung der Dopingkontrollen. Es wäre ein sehr guter Präventivschlag, wenn einmal das gesamte Feld eines Radrennens überprüft würde und nicht nur die ersten Drei und zwei Ausgeloste. Es wäre auch ein Präventivschlag, wenn Jugendveranstaltungen überprüft würden, zum Beispiel im Ringen oder Gewichtheben.

Martin Beils führte das Gespräch.

Hier geht es zur Infostrecke: Die große Doping-Studie

(RP)
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