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Darum ist die Tour de Neuss ein Lichtblick für den Radsport​ in Deutschland

Politt und Co. dabei : Darum ist die Tour de Neuss ein Lichtblick für den Radsport

In Deutschland ist die Zahl der Rennen stark rückläufig. Den Trend konnte auch der Tour-de-France-Auftakt in Düsseldorf 2017 nicht stoppen. Die Tour de Neuss stemmt sich am Mittwoch gegen diesen Niedergang.

Wenn deutsche Radprofis das Ziel der Tour de France in Paris erreichten, hatten sie einst die Qual der Wahl, was sie in den nächsten Tagen tun sollten: Beine hochlegen oder sich den Fans in der Heimat bei einem der so genannten „Nach-Tour-Kriterien“ präsentieren. Die meisten, von Erik Zabel über Jens Voigt bis Fabian Wegmann, entschieden sich für eine Woche an Rhein und Ruhr, wo sie die Veranstalter quasi von Rennen zu Rennen weiter reichten: Montag Ratingen, Dienstag Krefeld (im jährlichen Wechsel mit Mönchengladbach), Mittwoch Neuss, Freitag Rhede, wo sogar Lance Armstrong einmal Station machte, Sonntag Bochum.

Geblieben ist davon nur ein Rennen: Die Tour de Neuss, die am Mittwoch (27.) nach zweijähriger, Pandemie-bedingter Zwangspause mit der 19. Auflage ihr Comeback feiert. Außer ihr stehen in der einst so ereignisreichen Woche deutschlandweit nur noch zwei Rennen im Kalender: am Freitag in Hürth, ausgerichtet vom RV Komet Delia Köln, dem Stammverein von Nils Politt, zwei Tage später der Grand Prix von Bad Homburg im Taunus.

Der Niedergang der „Nach-Tour-Kriterien“ geht Hand in Hand mit dem Niedergang deutscher Radrennen an sich. Die Hoffnungen, der millionenteure Grand Depart der Tour de France vor genau fünf Jahren in Düsseldorf würde diesen Trend stoppen oder gar umkehren, erwies sich als trügerisch. Wurden 2006 noch 115 Radrennen in Nordrhein-Westfalen ausgetragen, stehen 2022 gerade mal 65 im Veranstaltungskalender des Internetportals rad-net.de – von denen etliche bereits abgesagt wurden. So wie „Rund um Dom und Rathaus“ am 6. August in Aachen, 2017 immerhin Etappenort der Tour de France.

Dem Landes- entspricht der Bundestrend: 2006 wurden bundesweit 547 Radrennen gelistet, am Ende dieses Jahres werden es bestenfalls 356 sein. Der Rückgang hat ausnahmsweise nichts mit Corona-Pandemie und sportlichem Lockdown zu tun. 2019 (60 NRW, 350 Deutschland) und 2018 (61/337), also unmittelbar nach dem Tour-Spektakel in der Landeshauptstadt, waren die Zahlen auch nicht besser. Sponsoren- und Helfermangel, aber auch (zu) hohe bürokratische Hürden werden als die häufigsten Gründe für eine Absage genannt. Dumm, wenn sich die wenigen Veranstalter da auch noch gegenseitig Konkurrenz machen: In Dormagen wird am 13. August, in Düsseldorf einen Tag später „Rund um die Kö“ gefahren.

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In Neuss sind sie zwar ein bisschen stolz auf ihr „Alleinstellungsmerkmal“. Glücklich sind sie damit aber nicht. „Früher haben wir von der Veranstaltungsdichte profitiert“, sagt Stephan Hilgers, Vorsitzender des ausrichtenden Neusser Radfahrervereins. Da wurden Hotelkosten zwischen den Veranstaltern geteilt, und mancher Fahrer schnürte ein Paket von zwei, drei Starts und gewährte dafür „Rabatt“ auf die ohnehin im Vergleich zu anderen Sportarten eher niedrigen Antrittsgagen.

Der Sportlicher Leiter der Tour de Neuss, Markus Fothen, hat aus ganz anderen Gründen Magengrimmen: „Radsport besteht nicht nur aus Giro, Tour de France und Weltmeisterschaft,“ sagt der ehemalige U23-Weltmeister im Einzelzeitfahren und vierfache Tour-de-France-Teilnehmer aus Büttgen, „unsere Sportart braucht die Nähe zu den Fans, um zu überleben.“ Deshalb empfindet er es als „scheinheilig“, wenn heutige Teamchefs „in Fernsehinterviews die Sorge äußern, dass dem Radsport in Deutschland die Basis wegbricht, gleichzeitig aber ihren Fahrern die Freigabe für solche Rennen wie in Neuss verweigern.“ Denn Kinder und Jugendliche ließen sich viel eher „am Straßenrand als vor dem Fernseher“ dafür begeistern, selbst Radsport zu betreiben.

In Neuss dürfen sie am Mittwoch zwei Runden mit den direkt aus Frankreich kommenden Nils Politt, Jonas Rutsch und (falls von seiner Corona-Infektion genesen) Maximilian Walscheid fahren. Wenigstens ein Lichtblick in eher finsteren Radsport-Zeiten.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Die deutschen Fahrer bei der Tour de France 2022