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Vermeintliches Fehlurteil um Kim Yuna sorgt für Diskussionsstoff

Skandal im Eiskunstlauf : Fehlurteil sorgt für Diskussionsstoff

Fiese Vetternwirtschaft, fatale Verstrickungen und ein furchtbares Fehlurteil: Zwölf Jahre nach dem "Skategate-Skandal" von Salt Lake City stehen die oft schwer zu durchschauenden Machenschaften im Eiskunstlauf erneut am Pranger. Gegen den höchst umstrittenen Olympiasieg der Russin Adelina Sotnikowa gab es heftige Proteste und Widerspruch.

"Das kann nicht sein, ich verstehe es nicht. Ich bin ein bisschen sauer", sagte ARD-Expertin Katarina Witt. In einem SID-Interview hatte sich die zweimalige Olympiasiegerin bereits zu Wochenbeginn für ein Ende der anonymisierten Bewertungen der Preisrichter ausgesprochen. Ein solcher Antrag, unterstützt auch von der Deutschen Eislauf-Union, könnte im Sommer beschlossen werden.

"Man hat ja einen Heimvorteil erwartet, aber nicht ein solches Fehlurteil", fasste Südkoreas führende Tageszeitung Joongang Ilbo die aufgebrachte Stimmung im Land der geschlagenen Weltmeisterin Kim Yuna zusammen. Ein Fan bloggte desillusioniert: "Sotschi ist nur ein kürzerer Begriff für Taschendiebstahl."

Die 23-Jährige konnte trotz einer nahezu fehlerfreien Leistung ihren Olympiasieg von Vancouver 2010 nicht wiederholen. Auch weil sich die Preisrichter von der aufgeputschten Stimmung im mit 12.000 Zuschauern ausverkauften Iceberg Skating Palace offensichtlich nur allzu gern beeinflussen ließen.

Kein Wunder bei der Besetzung der Jury: Punkte vergaben unter anderem Alla Schechowzowa, Ehefrau des russischen Eiskunstlauf-Generalsekretärs, Walentin Pisejew und der Ukrainer Juri Balkow, 1998 bereits einmal vom Eislauf-Weltverband ISU wegen "auffälliger Wertungen" für ein Jahr gesperrt. Als sogenannter technischer Kontrolleur wirkte Alexander Lakernik (Russland) mit, seinerzeit beim Paarlauf-Skandal in Salt Lake City als Assistent der Schiedsrichterin involviert.

Dennoch: Da es zunächst keine offizielle Beschwerde und keinen Protest gab, fühlte sich das Internationale Olympische Komitee vorerst nicht bemüßigt, nachträglich das zweifelhafte Ergebnis in Frage zu stellen. "Hypothetisch", nannte IOC-Sprecher Mark Adams entsprechende Nachfragen, zuständig sei der Eislauf-Weltverband.

Das war er aber am Anfang auch 2002, ehe das IOC das Heft des Handelns in die Hand nahm. Seinerzeit hatte die französische Preisrichterin Marie-Reine Le Gougne öffentlich zugegeben, unter Beeinflussung von außen gewertet zu haben. Damals wie heute waren die Benotungen beim Sieg des russischen Paares Jelena Bereschnaja/Anton Sicharulidse vor den Kanadiern Jamie Sale/David Pelletier eigentlich eine Tatsachenentscheidung. Dennoch reagierte das IOC zügig und vergab im Paarlauf nach einer Untersuchung der dubiosen Vorgänge salomonisch zwei Goldmedaillen.

Die fragwürdige Olympiasiegerin Sotnikowa ließ sich jedoch ihren Triumph nicht vermiesen. "Ich bin eine sehr schwierige Kür gelaufen, ich habe diese Medaille verdient", sagte die gebürtige Moskauerin am Tag nach ihrem Sieg, an dem sie erst so richtig ihren Erfolg realisierte. Es sei das "Programm ihres Lebens" gewesen, formulierte Trainerin Jelena Bujanowa, ein Produkt auch der harten Arbeit mit Choreograph Pjotr Tschernischow.

In der Tat hatte ihr Programm ein hohes technisches Niveau, doch bei einer annähernd gerechten Bewertung der beiden Laufstile, hätte die Asiatin aufgrund ihrer unnachahmlichen Eleganz erneut Olympiasiegerin werden müssen. Kim fuhr gefasst vom Eis, verdrückte in der Kabine ein paar Tränen, ehe sie äußerlich gefasst den letzten Wettkampf ihrer Karriere kommentierte.

"Ich möchte nichts zu den Preisrichtern sagen. Meine Worte können ja nichts ändern", sagte Südkoreas Sportidol Nummer eins. Nach einer schwierigen Saison mit einer langwierigen Fußverletzung sei sie müde und erschöpft: "Ich bin froh, dass es vorbei ist." Nur zum Abschluss des traditionellen Schaulaufens am Samstag (17.30 Uhr) wird sie noch einmal als Botschafterin der Winterspiele 2018 in Pyeongchang das Eis betreten.

Euphorisch reagierte hingegen die russische Presse. Von einer "Supersensation", sprach stellvertretend der Sportexpress. Staatspräsident Wladimir Putin schickte aus dem Kreml ein Telegramm: "Ganz Russland ist stolz." Die russischen Funktionäre dürften es auch sein.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Südkoreanerin Kim Yuna weint nach Silber

(sid)