Ski-Slopestyle: Lisa Zimmermann macht sich keinen Stress

Ski-Slopestylerin bei Olympia in Sotschi : Gold? Lisa Zimmermann macht sich keinen Stress

Die Ski-Slopestylerin Lisa Zimmermann hat ihren Sport revolutioniert. Am Dienstag könnte der Teenager Olympia-Gold gewinnen.

Lisa Zimmermann hat ihre Ellbogen auf den Tisch gestützt, ihr Kinn ruht auf ihren Händen. Sie wirkt gelangweilt. Olympia? "Ich glaube, meine Freunde finden es fast cooler als ich, dass ich dabei bin", sagt sie. Gold im Ski-Slopestyle? "Da mache ich mir keinen Stress. Ich würde mich auch als Vierte nicht ärgern. Mir geht es darum, dass ich Spaß habe." Hm. Ist das wirklich das Mädchen, das seine Sportart in eine neue Dimension geführt hat?

Ja. Und der 17-Jährigen ist das genau mit der Attitüde gelungen, die mancher als Null-Bock-Einstellung missverstehen könnte. Zimmermann hat vor einem guten Jahr als erste Frau einen "Double Cork 1260" gestanden - ein Doppel-Salto mit dreieinhalb Schrauben und den Händen an den Skiern. Viel mehr haben auch die besten Jungs nicht drauf.

"Durch den Double hat die ganze Welt kapiert, wer ich bin", sagt Zimmermann. Aber sie hat diesen Quantensprung nicht gemacht, weil sie auf diese Wirkung abgezielt hätte. Sondern weil sie einfach Lust darauf hatte - und weil es so anders war als das, was sie davor über Jahre gemacht hat.

Zimmermann stammt aus Bad Aibling, sie war eine begabte Eiskunstläuferin. Sie trainierte am Tag vier, fünf Stunden am gut eine Auto-Stunde entfernten Olympiastützpunkt München, sechs Mal die Woche, bis sie 14 war. Hart, verbissen. Bald ohne Spaß. Doch als sie an einem freien Wochenende 2010 erstmals richtig Ski fuhr, fühlte sie sich plötzlich endlich wieder frei - und wechselte bald zum Slopestyle.

Ihre Eislauf-Vergangenheit kam ihr beim waghalsigen Ritt über Geländer und Schanzen zugute, die antrainierte Körperspannung half ebenso wie "das Gefühl fürs Drehen und die Geschwindigkeit", erklärt sie. Außerdem profitiere Zimmermann von ihrer "kindlichen, fast spielerischen Art", meint ihr Teamkollege Bene Mayr, der zweite deutsche Slopestyler in Sotschi. Trainer Thomas Hlawitschka formuliert es so: "Die Lisa scheißt sich einfach nix."

Während andere in Sotschi fast ängstlich vor dem furchteinflößenden Kurs im Rosa Chutor Extreme Park stehen, würde Zimmermann am liebsten über die "kicker" der Jungs springen. Ihre Unbekümmertheit und ihr Bewegungstalent machen sie bei den Spielen zur Anwärterin auf die Goldmedaille. Den letzten Weltcup vor Olympia hat sie gewonnen. Als erste Deutsche - und mit dem höchsten Punktewert der Saison. Den "Double" hat sie dafür nicht einmal zeigen müssen.

Wird sie es in Sotschi tun, wenn es am Dienstag (7.00/10.00 Uhr Qualifikation, 10.00/13.00 Uhr Finale MEZ/OZ) um die Medaillen geht? "Ich hab' noch keinen Plan", sagt sie: "Wenn ich Lust hab', mach' ich ihn, wenn ich keinen Bock hab', lass ich's." Das Gefühl für den Trick werde sich vielleicht erst beim Einfahren entwickeln. Wenn ihr langweilig sei, sagt sie, "dann mache ich halt einen Double Zwölfer". Sollte es so kommen, könnte Zimmermann die erste Athletin sein, die Olympiasiegerin aus Langeweile wird.

Die Teenagerin mit den langen bloden Haaren will sich ihre lässige Art nicht unter dem Eindruck der Bedeutung von Olympia ausreden lassen. "Da lache ich drüber", sagt sie über den Hype um Gold. Mit dieser Einstellung habe sie es schließlich geschafft, bei keinem Weltcup nervös zu sein. Was sonst noch hilft? Ein bisschen rumballern am Computer im Athletendorf ("voll cool!"), und: "Musik hören, singen, Spaß haben."

Aus ihren Kopfhörern dröhnt derzeit Musik des deutsch-afghanischen Rappers SSIO, der wegen seiner alles andere als jugendfreien Texte ("Nuttööö") berüchtigt ist. Freestyler seien eben ein bisschen anders, meint Zimmermann: "Wenn man zu ernst wird, geht nichts mehr voran." Schon gar nicht bei Olympia.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Lisa Zimmermann stürzt und scheidet aus

(sid)
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