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Olympische Winterspiele in Sotschi: Russlands Homosexuelle gehen in die Offensive

Olympische Winterspiele in Sotschi : Russlands Homosexuelle gehen in die Offensive

Schwule und Lesben haben es seit Wladimir Putins Anti-Homosexuellen-Gesetz in Russland schwer. Der einzig anerkannte Verband homosexueller Sportler plant dennoch Gay Games - direkt nach den Olympischen Spielen in Sotschi.

Nur ein Banner an der Wand verrät, dass in der grauen Sporthalle am Rand von Moskau etwas anders ist. "Sport gegen Homophobie" steht in großen Buchstaben auf dem Spruchband, während auf dem Parkett hart umkämpfte Badminton-Spiele in vollem Gange sind. "Dieses Turnier ist für uns ein enormer Schritt. Wir haben noch nie eine Veranstaltung auf so einem Level organisiert", sagt Jelwina Juwakajewa (33), Co-Präsidentin des einzig anerkannten Verbandes homosexueller Sportler in Russland (LGBT).

Seit Wladimir Putins Anti-Homosexuellen-Gesetz haben es Schwule und Lesben in Russland schwer. Die organisierten Athleten wollen sich dennoch nicht unterkriegen lassen: Genau zwischen den Olympischen und Paralympischen Spielen in Sotschi werden sie in Moskau Gay Games organisieren - und riskieren damit homophobe Angriffe oder ein Verbot. "Ich bin mir aber sicher, dass es keine Probleme geben wird", sagt Gründungsmitglied Konstantin Jablotski, ein homosexueller Eiskunstläufer und Chemielehrer an einer Schule in Moskau.

Tennis, Schwimmen und Skilanglauf stehen im Februar unter anderem auf dem Programm. Prominente wie Greg Louganis, viermaliger Olympiasieger im Wasserspringen und bekennender Schwuler, haben ihr Kommen zugesagt. Unter das umstrittene Gesetz, das Minderjährige vor "nichttraditioneller sexueller Orientierung" schützen soll, fällt das Event laut Juwakajewa nicht. Obwohl: Sowohl Sportler als auch Zuschauer müssen sich online registrieren und dabei nachweisen, über 18 Jahre alt zu sein.

35 Prozent sehen Homosexualität als "Krankheit" an

Die russische Gesellschaft verändern werden aber auch die "Open Games" nicht. Dafür sind die Meinungen zu festgefahren: Nur zwölf Prozent der Russen sehen einer Umfrage zufolge Homosexualität und Heterosexualität als gleichwertig an. 35 Prozent glauben dagegen, Schwulsein sei eine "Krankheit" oder die "Folge eines Traumas", 43 Prozent halten es für eine "schlechte Angewohnheit". Und: Das Anti-Homosexuellen-Gesetz passierte die Staatsduma im Juni mit 436:0 Stimmen - und einer Enthaltung.

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Doch es gibt auch gemäßigte Töne. Der Besitzer des einzigen Schwulen-Klubs in Sotschi, dem "Majak", gibt Homosexuellen den Rat, auf das Küssen auf offener Straße während Olympia zu verzichten. "Bevor Sie in ein arabisches Land fliegen, informieren Sie sich doch auch über die dortigen Gesetze. Wenn es nicht erlaubt ist, auf offener Straße Alkohol zu trinken, machen Sie das nicht", sagte Roman Kochagow im Inteview mit Zeit online. Das umstrittene Gesetz kommentieren wollte er dennoch nicht: "Ich habe diese Antworten noch nicht für mich selbst gefunden."

Die Sportler in der Badminton-Halle in Moskau hoffen dennoch auf positive Effekte ihrer Gay Games. Neben Louganis könnte US-Eiskunstläufer Johnny Weir oder zumindest sein russischstämmiger Ehemann Wiktor Woronow kommen. Eine prominente russische Sportlerin, die den Verband LGBT in der Vergangenheit unterstützte, schweigt dagegen laut Juwakajewa auf Anweisung eines Sponsors inzwischen zu dem Thema. Eine Olympiasiegerin habe mit Hinweis auf ihre Verbindungen zur Regierungspartei "Einiges Russland" abgesagt.

Geschäftsmann Jelisej, der wie fast alle Badminton-Spieler in Moskau seinen Nachnamen nicht nennen will, fürchtet dagegen die internationale Aufmerksamkeit, die den Gay Games plötzlich zuteil wird. Er habe geglaubt, die Veranstalter würden erst nachher an die Öffentlichkeit gehen, so Jelisey: "Wenn jetzt Medien weltweit berichten, werden die Behörden Fragen stellen. Und dann werden sie alles unternehmen, um die Veranstaltung zu verhindern."

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(sid)