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Olympia 2022: Bilanz des deutschen Teams - das Medaillen-Zeugnis

Olympia-Zeugnis : So bewerten wir die Leistung von Team Deutschland

Deutschland hat 27 Medaillen bei den Winterspielen in Peking geholt. Zwölfmal gab es Gold, zehnmal Silber und fünfmal Bronze. Neun der Olympiasiege fuhr Team D im Eiskanal ein. Andere Sportarten konnten nicht überzeugen. Unsere Bilanz.

Jubel im Eiskanal, Tristesse im Eisstadion und bei den Alpinen. Die deutschen Olympia-Athletinnen und -Athleten haben bei den Winterspielen in Peking für viel Freude gesorgt, aber auch einige Rückschläge erlitten. Trotz einiger schwächelnder Sportarten sicherte sich das sogenannte TeamD wie schon 2018 in Südkorea Platz zwei im Medaillenspiegel. Nur Norwegen war mit 16 Goldmedaillen und insgesamt 37 Mal Edelmetall besser. Für Deutschland reichte es nicht ganz zum Ergebnis und Gold-Rekord von 2018. Damals holten deutsche Sportlerinnen und Sportler 14 Goldmedaillen sowie zehn silberne und sieben bronzene Medaillen. Nun waren es zwei Gold- und Bronze-Medaillen weniger als in  Pyeongchang. Dennoch kann sich das Ergebnis sehen lassen. In einigen Sportarten haben diese Winterspiele aber gezeigt, dass Deutschland längst abgehängt wurde, in anderen sind die Ergebnisse in China eine deutliche Warnung, dass sich etwas ändern muss.

+++++Biathlon +++++

Nur zweimal passte alles zusammen für eine Medaille

Die Erwartungen waren nach den Ergebnissen der vergangenen Jahre und vor allem nach der aktuellen Weltcup-Saison nicht besonders hoch. Die Olympiasieger von 2018, Laura Dahlmeier und Arnd Peiffer, sind nicht mehr dabei, die Etablierten können im Weltcup um Siege mitlaufen, sind aber keine Topfavoriten mehr. Waren im Biathlon über Jahrzehnte Medaillen für Deutschland quasi garantiert, waren sie 2022 zwar das Ziel, aber keineswegs selbstverständlich. Einmal Gold und einmal Bronze ist dennoch eine Enttäuschung. Vor vier Jahren waren es noch drei Olympiasiege, einmal Silber und dreimal Bronze für das Biathlon-Team des DSV. Zuletzt hatte es auch 2014 in Sotschi mit zweimal Silber nur zwei Plaketten für die Mannschaft gegeben.

Nur bei Denise Herrmann lief im ersten Wettkampf alles zusammen. Sie wurde im Einzel Olympiasiegerin. Damit war der ganz große Druck für das Team schon mal weg. Vor den Winterspielen war die Sächsin für ihre schwachen Leistungen oft kritisiert worden. Dass ihr Trainingsausrichtung auf die Olympischen Spiele aufgehen würde, schien vielen Experten unwahrscheinlich. Sie belehrte sie eines Besseren. „Wir können mit den Olympischen Spielen mehr als zufrieden sein“, sagte Herrmann: „Wir waren als Team auf den Punkt da. Mit der Goldmedaille hab ich und haben wir alle gezeigt, was wir drauf haben.“

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Und doch gab es Rückschläge. Nach dem Sprint monierte Herrmann schlechte Ski, mit denen sie nicht konkurrenzfähig gewesen sei. Franziska Preuß startete mit einem völlig verkorksten Wettkampf nach ihrer langen Verletzungs- und Corona-Pause in die Spiele. Im Verfolgungsrennen ging es darum, das Beste aus der schlechten Ausgangslage nach dem Sprint zu machen. Das gelang nur teilweise. Auch bei den Herren reichte es für Benedikt Doll und Roman Rees auf der Strecke im eiskalten Zhangjiakou zwar zu Top-Ten-Plätzen, aber nicht zu mehr. In der Staffel vergab Philipp Nawrath die Medaille durch eine Strafrunde im letzten Schießen. Mehrfach hatten die Deutschen Pech mit auffrischendem Wind am Schießstand, der viele Athleten die Chance auf das Podest kostete.

Am Ende blieben die Herren erstmals seit 2010 in Vancouver ganz ohne Medaille bei den Winterspielen. „Klar schmerzt es, aber es hilft nichts. Wir müssen weiterarbeiten und schauen, dass wir in Zukunft wieder weiter vorne angreifen können“, sagte Philipp Nawrath.

Die Frauen gewannen immerhin noch Bronze in der Staffel. Die Männer trugen sie auf Schultern zur Ehrung. Eine Geste, die den Zusammenhalt zeigt. Und ein Erfolg, der zeigt, wie viel es ausmachen kann, wenn Athletinnen als Mannschaft füreinander, für die Techniker, die männlichen Kollegen, die Trainer kämpfen; wie wichtig Teamgeist ist.

Diesen Eindruck müssen die Biathletinnen und Biathleten nun mit in den Weltcup und die nächsten Jahre nehmen. Um der nächsten Generation eine Chance auf Erfolge zu geben und sie im Team zu integrieren. Und auch, um weiteren Nachwuchs für die Sportart zu gewinnen.

+++++Bob+++++

Historischer dreifach Triumph und ein überragender Francesco Friedrich

Im Eiskanal sind die deutschen schwer zu schlagen. Das haben sie auch bei diesen Winterspielen wieder demonstriert. Rekord-Pilot Francesco Friedrich sicherte sich als Favorit souverän Gold im Zweierbob. Seinem Herausforderer Johannes Lochner blieb wieder Silber, und auch Bronze ging an Team D. Christoph Hafer lenkte seinen Bob überraschend auf Platz drei.

Zum Abschluss der Winterspiele schrieb Friedrich dann nochmal Olympia-Geschichte. Am Sonntag, 20. Februar, gewann der auch im Viererbob - wie schon 2018 macht er das olympische Double im Bob perfekt. Das war davor noch keinem Bobpiloten gelungen. Lochner gewannt erneut Silber, Hafer wurde Vierter.
Bei den Frauen reichte es bei der Olympia-Premiere im Monobob zwar nicht zum Sieg. Laura Nolte was als Vierte bitter enttäuscht. Doch es  kam ja noch der Zweierbob - und dort gewann Nolte mit Anschieberin Deborah Levi souverän Gold. Platz zwei ging an ihre Teamkollegin und 2018er-Olympiasiegerin Mariama Jamanka mit ihrer Anschieberin Alexandra Burkhardt, die als beste Sprinterin Deutschlands bereits im Sommer 2021 bei den Sommerspielen gestartet war.

Der Erfolg liegt zum einen am herausragenden Können der deutschen Pilotinnen und Piloten sowie ihrer Anschieber, an ihrer akribischen Arbeit an ihrer Athletik und der perfekten Abstimmung der Abläufe. Zum anderen liegt er am Material. Ohne schnelle Kufen, ohne die richtige Abstimmung und Balance im Bob reicht alles sportliche Können nichts. Seit Jahrzehnten ist Deutschland in diesem Bereich Vorreiter. Das liegt vor allem auch am Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES), das seit den 1990er Jahren die Entwicklung für den Bobsport und Deutschland betreut und eng mit den Athletinnen und Athleten zusammenarbeitet. Diese Möglichkeit haben andere Teams nicht.

Hinzu kommt, dass insbesondere Friedrich viel Zeit und Geld in die Entwicklung seines Sportgeräts investiert. Der Sachse will immer noch etwas mehr aus Material, Team und seinem eigenen Körper holen – heißt auch: es gibt keinen Stillstand, der in so technischen Sportarten meist gleichbedeutend mit Rückschritten ist, keine Sättigung durch Erfolge, die auch mal dazu führen könne, dass man sich zurücklehnt. Auch um den Nachwuchs muss man sich aktuell keine Gedanken machen. Das zeigt der Erfolg von Hafer. Gleichzeitig bemühen sich Friedrich und Lochner, junge Kollegen zu fördern.

++++Skeleton++++

Nachwuchs-Hoffnung Hannah Neise fährt zum Olympiasieg

Auch die deutschen Skeletonis haben beste technische Voraussetzungen für Erfolge. Im Weltcup und bei Weltmeisterschaften gelangen die in der Vergangenheit auch. Bei Olympischen Spielen scheiterten die Männer immer wieder an Medaillen, bei den Frauen reichte es auch noch nicht zu Gold. Bis jetzt. Beide Olympiasiege gingen 2022 an Deutschland. Christopher Grotheer war als Weltmeister und Favorit gestartet und gab sich im Eiskanal von Yanqing keine Blöße. Die Sauerländerin Hannah Neise überraschte als jüngste im deutschen Frauen-Team und holte Gold. Axel Jungk fuhr zudem noch zu Silber.

Damit haben sie beste Werbung für die halsbrecherische Sportart gemacht, bei der die Athletinnen und Athleten mit dem Bauch auf dem dünnen Stahlgerippe des Schlittens liegen und mit dem Kopf voran den Eiskanal hinunter rasen. In Hannah Neise kehrte gar eine Sportlerin mit Gold dekoriert zurück, die eigentlich erst als Hoffnung für die nächsten Jahre galt. Die Medaillen dürften der Sportart Auftrieb geben.

+++++Curling+++++

Olympia 2026 muss für deutsche Teams das Ziel sein

Die deutschen Teams waren in Peking gar nicht erst vertreten. Dennoch sind sie nicht völlig abgeschlagen im internationalen Vergleich. In den vergangenen Jahren spielten sich die Mannschaften wieder etwas näher an die Weltspitze heran, nachdem sich schon 2018 weder Frauen noch Männer für Olympia qualifiziert hatten. Die Frauen waren gar 2010 zum letzten Mal bei Winterspielen dabei. Dann kam die Pandemie, viele internationale Wettkämpfe fielen aus, die Qualifikation für die Winterspiele verpassten Frauen wie Männer dann deutlich. Weder bei der WM noch bei dem Qualifikations-Turnier reichte es. „Wir müssen uns natürlich Zeit geben und jetzt vier Jahre gut arbeiten", sagte Bundestrainer Uli Kapp mit Blick auf die Zukunft für das junge deutsche Team.

+++++Eisschnelllauf+++++

Wieder keine Medaillen bei Olympia - es braucht dringend Reformen

Eine Medaille über die zehn Kilometer war das ambitionierte Ziel von Patrick Beckert. Mit Platz sieben gelang das nicht. Auch in den anderen Disziplinen war für die deutschen Eisschnellläuferinnen und -läufer nichts zu holen. Es wäre auch eine Sensation gewesen. Einst Garant für Medaillen, ist das Eisschnelllaufen inzwischen das große Sorgenkind im deutschen Wintersport. Die letzten Erfolge liegen mehr als ein Jahrzehnt zurück.

Immer wieder gibt es Querelen zwischen den einzelnen Stützpunkten, werden Trainer abgesetzt und neue Teamchefs installiert. Machtkämpfe im Verband kommen hinzu. Dass macht es für die Aktiven nicht einfacher, auf hohem Niveau zu trainieren und sich auf die Saisonhöhepunkte vorzubereiten. Ein professionelles Umfeld ist etwas anderes. Gleichzeitig sinkt die finanzielle Förderung mit den ausbleibenden Erfolgen. Auch für Sponsoren ist die Sportart kaum noch interessant – kaum TV-Präsenz, keine bekannten Gesichter als Zugpferde für ihre Sportart. Und so fehlen dann auch seit Jahren die Vorbilder, die Kinder dazu motivieren könnten, ihnen nachzueifern. Will die Deutsche Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft wieder erfolgreich sein, muss sie konsequent ihre Strukturen ändern. Das hat man in den vergangenen Jahren versucht, allerdings mit wenig Erfolg. Sportlerinnen und Sportler, die nicht erfolgversprechend genug waren, wurden kurzerhand aus dem Perspektivkader gestrichen und bekommen keine Förderung mehr – auch, weil eben das Geld fehlt. Mit einem Heimtrainer weiter zu arbeiten, gestattet die Eisschnelllauf-Gemeinschaft auch nur in Ausnahmefällen. Das begrenzt den Kreis derer, die auf internationale Wettbewerbe trainieren können, deutlich.

+++++Shorttrack+++++

Weit weg von der Elite

Seit der Aufnahme ins olympische Programm bei den Spielen 1992 in Albertville konnte Deutschland noch nie eine Medaille gewinnen. Tyson Heung wurde 2010 auf der kurzen Eisbahn (111 Meter) mal Fünfter. Inzwischen sind deutschen Athletinnen und Athleten aber weit weg von den Topleuten. Anna Seidel war in Peking die einzige deutsche Starterin. Auch bei ihren dritten Spielen hatte sie nach einem Sturz nichts mit den Medaillenentscheidungen zu tun. Besserung ist nicht in Sicht bei der spektakulär anmutenden Sportart, bei der die Eisläuferinnen und -läufer mit der Hand auf dem Eis und dem Körper tief in die Kurve gelegt im Kreis rasen.

+++++Eiskunstlauf +++++                 

Nur kleine Lichtblicke im deutschen Team

Ähnliches wie für die Eisschnellläufer gilt auch im Eiskunstlauf. Es fehlt an Nachwuchs und Top-Talenten. Zwar holten Aljona Savchenko und Brunot Massot 2018 Olympiagold, doch schon da klaffte dahinter eine große Lücke. Medaillenanwärter sind nicht in Sicht. Die wenigen Paare, die international starten oder starten sollen, trainieren in Berlin. Gemeinsam mit anderen Nationen, um mehr Vergleichswerte und Ansporn zu haben. Bisher geht dieses Konzept noch nicht auf. Dass es in Deutschland immer weniger Eishallen gibt, in denen sich Kinder überhaupt auf der Eisfläche probieren können, erschwert die Talentsuche.

+++++Eishockey+++++

Das Aus vor dem Viertelfinale muss eine Warnung sein

Dass deutsche Eishockeyteam musste abreisen, bevor es ernst wurde. 0:4 verlor das Team von Bundestrainer Toni Söderholm im Spiel um das Viertelfinale gegen die Slowakei. Die Silbermedaille von 2018 und die gute WM 2021 hatten andere Hoffnungen geweckt. Nun muss sich der Verband fragen, wo das angeblich doch so aufstrebende deutsche Eishockey nach dem schlechtesten Turnier seit Jahren steht. Die Kurzantwort: Ziemlich genau zwischen den jüngsten Ergebnissen. Das Nationalteam war nie so gut, wie es in letzter Zeit gemacht wurde. 2018 und 2021 hatte alles gepasst, da war in Verlängerungen oder Penaltyschießen auch mal Glück bei. Aber es war schon überraschend, wie chancenlos die DEB-Auswahl auf der kleineren Eisfläche war. Kaum Ideen, wie man kontrolliert aus der eigenen und in die gegnerische Zone kommt, kaum Zweikampfhärte und Tempo. In vier Spielen gab es nur vier Stürmertore. Gerade die, die in den Ligen dominieren, wirkten teilweise hilflos. Nicht selten sah es so aus, als habe sie das Gerede von der neuen Qualität auf den Gedanken gebracht, nun rein spielerisch gewinnen zu können. Eine abenteuerliche Überhöhung der eigenen Fähigkeiten. Ja, die Deutschen haben technisch und taktisch aufgeholt, aber wenn sie zuletzt Erfolg hatten, kam der über Leidenschaft, starke Torhüter und gradlinige Offensive. Nichts davon war in Peking dauerhaft zu sehen. Das alles gilt es nun aufzuarbeiten.

+++++Langlauf+++++

Katharina Hennig und Victoria Carl sorgen für goldene Überraschung

Jahrelang war Skilanglaufen in Deutschland das Mauerblümchen unter den Nordischen Skisportarten. Während in der Nordischen Kombination und im Skispringen mit wenigen Ausnahmen Star auf Star und Erfolg auf Erfolg folgten, blieb im Langlauf nur das Hoffen auf eine Sensation, auf ein Ausnahmetalent, das mit den Skandinaviern und Russen mithalten kann. Seit acht Jahren gab es keine Medaillen mehr bei Großevents, die letzte war Staffel-Silber bei den Olympischen Spielen 2014. Nach den enttäuschenden Winterspielen 2018 übernahm Peter Schlickenrieder als Trainer, Silbermedaillengewinner 2002 bei den Olympischen Spielen in Salt Lake City. Er trat an, um das Langlaufen in Deutschland zurück zu den Erfolgen der 2000er Jahre zu führen, es dauerhaft konkurrenzfähig zu machen. Dafür bat er um Zeit und Geduld. Immerhin wollte er eine ganz neue Denkweise und Mentalität in das deutsche Team bringen. Jede und jeder sollte sich als wichtiger Faktor für den Erfolg empfinden – und sich auch als gleichberechtigtes Teil des Teams sehen. Egal ob Techniker, Sportlerin, Arzt oder eben Cheftrainer. Rückschläge und Niederlagen sollten als Motivation, nicht als Hemmnis gesehen werden.

Ohnehin ist Schlickenrieder ein großer Motivator, der ein Team mitzunehmen weiß, der selbst emotional ist und Leidenschaft wecken kann. Und die Athletinnen und Athleten sollten sich voll auf ihre Aufgabe konzentrieren können und auch selbst Verantwortung übernehmen. Nicht immer muss die vorher besprochene Strategie die am Ende erfolgreich sein. Dafür entwickeln sich Rennen zu unvorhersehbar. Seine Athletinnen und Athleten sollen in der Lage sein, solche Entwicklungen zu erkennen und selbst Initiative zu ergreifen. 

Victoria Carl hat bei ihrem Endspurt zu Gold im Team-Sprint genau das gemacht. Dass sein Team schon in Peking solche Erfolge feiern würde, kam auch für den Trainer überraschend. „Eigentlich liegen wir damit vor dem Zeitplan“, sagte Schlickenrieder nach Silber und Gold für die Langläuferinnen. Den Weg muss das Team nun fortsetzen. Vor allem bei den Männern ist die Weltspitze noch ein Stück weit weg.

+++++Nordische Kombination+++++

Quarantäne und Triumph: Vinzenz Geiger führt als Olympiasieger eine aussichtsreiche neue Riege an

Die Winterspiele in Peking begannen denkbar schlecht für das Team von Herrmann Weinbuch. Der dreimalige Olympiasieger Eric Frenzel und Terence Weber wurden bei der Einreise positiv auf das Coronavirus getestet, mussten in Quarantäne – erst nach zwölf Tagen durften sie diese verlassen. Weber war da bereits durch Nachrücker Manuel Faißt im Aufgebot ersetzt worden. Frenzel durfte zum Abschluss noch im Team ran, brach auf der Strecke zwar ein, durfte aber dank einer Kraftleistung von Vinzenz Geiger noch über Mannschafts-Silber jubeln. Geiger war schon im Einzel von der Normalschanze nach einem überragenden Schlussspurt zum Olympiasieg gelaufen, den lange Teamkollege Johannes Rydzek sicher zu haben schien. Der Olympiasieger von 2018 ging am Ende leer aus.

Manuel Faißt verpasste als Vierter die Medaille im Einzel von der Großschanze ebenfalls knapp. Mit einmal Gold und einmal Silber schneidet das DSV-Team zwar schlechter ab als vor vier Jahren, als man alle drei Goldmedaillen gewann und dazu noch einmal Silber und Bronze holte, darf aber dennoch mit der Ausbeute zufrieden sein. Vor allem unter den erschwerten Bedingungen.

Dass Vinzenz Geiger auch vom Fehlen des norwegischen Dominators Jarl Magnus Riiber profitierte, der ebenfalls in Corona-Quarantäne war, macht seinen Sieg nicht weniger wertvoll. Und neben Geiger stehen mit Weber, Julian Schmid und Faißt junge Athleten für die Zukunft bereit, die gezeigt haben, dass sie in die Fußstapfen des erfolgreichsten Nordischen Kombinierer bei Olympischen Spielen, Eric Frenzel, sowie der Olympiasieger Rydzek oder Fabian Rießle treten können.

+++++Rodeln+++++

Vier Olympiasiege in vier Wettkämpfen

Allein vier Goldmedaillen, dazu zweimal Silber gehen auf das Konto der deutschen Rodlerinnen und Rodler bei diesen Winterspielen. Natalie Geisenberger ist mit ihren Olympiasiegen Nummer fünf und sechs nun die erfolgreichste deutsche Athletin bei Winterspielen. Auch die Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt sind nun sechsmal mit Gold dekoriert. Hinzu kommen die guten Leistungen des gesamten Teams. Julia Taubitz verpasste die Medaillen nur wegen eines Sturzes auf der schwierigen Bahn in China. Das ist ausgerechnet bei Olympischen Spielen bitter, kann aber passieren.

Felix Loch verpasste ebenfalls knapp die Medaille, jubelte aber mit seinen Kollegen so herzlich mit, dass nicht nur Kollegin Geisenberger ihn in den höchsten Tönen für seinen Teamgeist rühmte. Wichtig ist für die deutschen Rodler nun, dass sie weiterhin den Nachwuchs aus ganz Deutschland in diese eingeschworene Reisegruppe integrieren und der von den Erfahrungen der Etablierten profitiert. Konkurrenz ist wichtig für Bestleistungen. Die unterschiedlichen Stützpunkte, sei es nun die Trainingsgruppe Bayern, Sachsen, Thüringen oder NRW, müssen aber trotz aller Konkurrenz um die Plätze im Weltcup-Team vor allem Kräfte bündeln, um weiter erfolgreich zu sein.

+++++Snowboard+++++

Große Enttäuschung bei den Mitfavoriten

Mit großen Ambitionen und Medaillenhoffnungen ist das deutsche Team nach Peking gereist – und damit krachend gescheitert. Weder im Parallelslalom noch bei den den Boarder-Crossern gab es auch nur den Hauch einer Chance auf Edelmetall. Es kommt einem Debakel gleich, was Ramona Hofmeister, Martin Nörl und Co. in Peking erlebten. „Die Enttäuschung ist schon groß. Wenn man in einer Favoritenrolle nach China fährt, will man auch performen“, sagte Boardercrosser Nörl nach seinem frühen Aus im Viertelfinale.

Drei Medaillen sollten es eigentlich bei den Olympischen Spielen werden – so das optimistische und durchaus realistische Ziel vor dem Abflug. Schließlich wiesen die Alpin-Boarder um Hofmeister und Stefan Baumeister mehrere Podestplatzierungen im Winter und sogar Siege vor. Zudem gab es in den vergangenen Jahren bei Großveranstaltungen immer Medaillen. Bei den Boardercrossern ging Nörl sogar als Gesamtführender in die Spiele. Doch statt Medaillen-Partys zu feiern, geht das erfolgsverwöhnte Snowboard-Team deprimiert in die Auswertung des Großereignisses.

„Insgesamt sind wir mit der Ausbeute nicht zufrieden und haben die Zielstellung nicht erreicht“, sagte Sportdirektor Andreas Scheid und übte Kritik an seinen Sportlern und Sportlerinnen: „Man braucht dieses Selbstverständnis, hier an den Start zu gehen und zu gewinnen. Das war bei uns nicht da. Wenn es bei Olympischen Spielen richtig zur Sache geht, können manche eben noch zehn Prozent draufpacken.“

Bei den Freestylern war ohnehin im Vorfeld nicht viel erwartet worden, so zählt die Finalteilnahme von Annika Morgan durchaus als Erfolg. Zur Weltspitze ist der Abstand der deutschen Trick-Snowboarder aber noch sehr weit.

++++Ski-Freestyle++++

Eine Medaille und viel Baustellen

Dass hier ausgerechnet eine Athletin hervorsticht, die auf Abfahrtsski unterwegs ist, spiegelt das Dilemma dieser Sportart aus deutscher Sicht wieder. Denn die einzige Medaille bei den Freestylern holte mit Daniela Maier eine Sportlerin, die im Skicross an den Start geht. Diese Disziplin soll allerdings künftig im deutschen Skiverband an die Alpinen angedockt werden, weil sie doch weniger mit den kunstvollen Sprüngen über große Kicker oder in der Halfpipe zu tun hat, als mit Abfahrtsläufen durch die Tore. „Wir haben heute eine Medaille für Alpin geholt“, sagte deshalb auch der Sportliche Leiter Skicross, Heli Herdt.

Die Medaille holte sich Maier so überraschend wie dramatisch. In einem hochspannenden Finallauf geriet sie mit der Schweizerin Fanny Smith aneinander – und kam als Vierte ins Ziel. Nach langem Warten entschied die Jury auf Behinderung durch die Schweizerin und stufte sie zurück, sodass Maier Bronze gewann. Diese wollte es zunächst nicht wahrhaben, freute sich dann aber tränenreich über das nicht für möglich gehaltene Edelmetall. Die Cross-Männer um Daniel Bohnacker hingegen gingen wie die Snowboarder leer aus, obwohl diese durchaus favorisiert nach China reisten.

In den Sprung-Disziplinen Slopestyle, Big Air, Halfpipe oder den Aerials zählen deutsche Sportler genauso wenig zur Weltklasse wie auf der Buckelpiste. Daran änderte auch die eine oder andere Finalteilnahme nichts. Soll sich daran in Zukunft etwas ändern, muss wohl auch die Förderung dieser Sportarten in Deutschland überdacht werden. Da sind andere Länder dem DSV weit voraus.

+++++Ski Alpin+++++

Silber im Team zum Abschluss als Erlösung - Speed-Team hat Nachholbedarf

In einer Saison im Weltcup würde sich die Bilanz gar nicht so schlecht lesen. Vierte, Vierte, Siebter, Achter. Bei Olympischen Spielen steht aber bekanntlich auf Platz vier schon der erste Verlierer. Für denjenige oder diejenige gibt es schließlich keine Medaille – selbst wenn die Leistungen durchaus ansprechend waren. Und so kullerten bei Kira Weidle und Lena Dürr aus dem deutschen alpinen Skiteam in China die Tränen. Äußerst knapp verpassten die beiden Front-Frauen in den Zebra-Rennanzügen die Medaillen in Abfahrt und Slalom. Umso größer war dann die Freude über Silber im Team zum Abschluss der Winterspiele. „Es ist purer Genuss“, sagte Lena Dürr. „Eine riesen Genugtuung“ verspürte ihr Teamkollege Alexander Schmid.

Die Silber-Medaille kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass das deutsche Team enttäuschte, nachdem es im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft in Italien noch überraschte mit diversen Edelmetall-Plaketten.

„Es gibt Großereignisse, die laufen und welche, die laufen a bisserl zäh“, sagte Alpin-Direktor Wolfgang Maier noch bevor Dürr als in Führung Liegende im Slalom auf Platz vier zurückrutschte. Diese Spiele waren eher von der zweiten Sorte, weil auch ansonsten nicht viel zusammenlief. Die hochgelobte Speed-Mannschaft um den Ennepetaler Andreas Sander verpasste in der Abfahrt Top-Ten-Platzierungen deutlich.

Dass die Alpinen nicht besser abschneiden, hätte man vor den Olympischen Spielen vielleicht sogar erahnen können, zu durchwachsen waren die Leistungen in der Saison. Doch insgesamt waren die Leistungen auch nicht gut. „Wir haben da nicht so performt, wie wir es uns vorgestellt haben“, so Maier. Währenddessen musste Dürr lernen, dass selbst die stärksten Läufe nicht immer zu einer Medaille reichen können. Sie und Linus Straßer, der im Slalom der Männer Siebter wurde, können aber allemal stolz auf ihre Leistungen sein. Insgesamt sind die Ansprüche durch die Erfolge der vergangenen Jahre aber gestiegen – und so bleibt beim DSV doch die Ernüchterung hängen.

+++++Skispringen+++++

Mixed-Eklat überschattet die Erfolge - eine gemischte Bilanz

Strahlend standen Karl Geiger, Markus Eisenbichler, Stephan Leyhe und Constantin Schmid mit der Bronze-Medaille zum Abschluss der Skisprung-Wettbewerbe auf dem Podest. Drei Medaillen in fünf Wettbewerben gehen an die deutschen Adler. Katharina Althaus verpasste bei den Frauen Gold nur knapp. Karl Geiger gewann nach vielen schlechten Sprüngen in China noch Bronze von der Großschanze. Eine gute Bilanz und doch waren die Erwartungen vor den Winterspielen durchaus größer. Der Oberstdorfer Geiger war als Führender im Weltcup nach China gereist und galt vor allem wegen seiner Konstanz auf den unterschiedlichen Schanzen als Favorit. Geiger gehört zu den Springern, die sich auf fast alle Bedingungen schnell einstellen können. Auch Markus Eisenbichler war in Topform. Doch mit der für alle Skispringerinnen und Skispringer neuen Schanzenanlage kamen die Deutschen vom ersten Training an nicht gut zurecht. Und das änderte sich von Sprung zu Sprung kaum -weder auf der kleinen, noch auf der großen Schanze. Ungewöhnlich auf diesem Niveau. Eisenbichler schied beim Wettbewerb von der Normalschanze gar im ersten Durchgang aus und betonte, Olympia sei eben auch nur ein Wettkampf - allerdings einer, bei dem es auch egal sei, wievielter man wird, wenn es nicht für die Medaillen reicht. Kollegen wie Severin Freund, die es nicht ins Olympia-Team schafften, aber gerne noch mal um einen guten Platz gekämpft hätten, dürften das anders gesehen haben. Karl Geiger wirkte völlig ratlos und niedergeschlagen.

Und dann kam auch noch der Eklat bei der Premiere des Mixed-Wettbewerbs hinzu. Kostenpflichtiger Inhalt Katharina Althaus wurde wegen eines angeblich nicht regelkonformen Sprunganzugs disqualifiziert – wie vier weitere Topathletinnen anderer Nationen auch. Weltmeister Deutschland verpasste so den zweiten Durchgang. Die Diskussionen um die beim Frauenwettbewerb noch passenden, nun zu großen Anzüge überschattet den gesamten Wettbewerb. Das deutsche Team sparte nicht mit Kritik an der Wettkampfjury. Dass es dann im Einzel von der Großschanze zu Platz drei für Geiger reichte, war für das gesamte Team sichtlich eine Erlösung. Bronze schien für den 29-Jährigen in dem Fall genauso viel Wert zu sein, wie der Olympiasieg. Gleiches galt nach dem Teamspringen für das DSV-Quartett. Eisenbichlers lautstarker Jubel über Bronze zeugt aber davon, dass die Medaille im Team dann sehr wohl eine Genugtuung nach schwierigen Tagen und viel Kritik war. „Ich wollte unbedingt die, sorry, Scheiß-Medaille haben“, sagte der Bayer. Wie schon bei der Vierschanzentournee in den vergangenen Jahren reichte es auch bei den Winterspielen trotz guter Ausgangslage nicht zum ganz großen Triumph. Dass sie Druck standhalten können, haben Geiger und Co. bei Weltmeisterschaften längst gezeigt. Trotzdem wirkten mindestens Geiger und Eisenbichler in China ungewöhnlich verunsichert. Die Gründe gilt es nun aufzuarbeiten, um ähnliche Situationen künftig vielleicht besser bewältigen zu können und für die nächsten Höhepunkte daraus zu lernen.

Hier finden Sie den Medaillenspiegel der Winterspiele im Überblick.

Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen zu den Winterspielen.

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