Olympia 2018: IOC wankt in der Russland-Frage

Wieder Chaos bis zuletzt: IOC wankt in der Russland-Frage

Nach dem erneuten Doping-Fall aus Russland tut sich das IOC in Pyeongchang mit seiner Entscheidung über eine mögliche Begnadigung des Riesenreichs schwer.

Wieder dauert das Chaos bis zur letzten Minute: Die Entscheidung des IOC über eine Begnadigung Russlands wird wohl erst kurz vor der Abschlussfeier der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang bekannt gegeben. Der zweite Dopingfall aus Russland warf alle Planungen über den Haufen. Selbst das IOC kannte den genauen Ablauf angeblich nicht mehr.

"Es kann sein, dass die Session darüber abstimmt, es kann aber auch nicht sein", sagte IOC-Sprecher Mark Adams am Samstagmorgen. Ein Votum der Vollversammlung würde IOC-Präsident Thomas Bach Rückendeckung geben. Die eigentliche Entscheidung soll aber schon am Samstagnachmittag in der Sitzung der Exekutive fallen, der 14-köpfigen "Regierung" des IOC unter Bachs Leitung.

Dass die russische Bob-Pilotin Nadeschda Sergejewa (30), die am Freitag für das zweite Dopingvergehen ihres Landes gesorgt hatte, auf die Öffnung der B-Probe verzichtet und damit ihre Schuld eingesteht, wollte das IOC nicht bestätigen. "Das habe ich auch gelesen. Aber da muss man sich an die Russen wenden", sagte Adams. Wenig später bestätigte der Internationale Sportgerichtshof CAS den Fall und schloss Sergejewa von den Spielen aus.

Die Bob-Piolotin gestand ihr Fehlverhalten ein. Schon der Curler Alexander Kruschelnizki hatte nach Bekanntwerden seines Dopingfalles für russische Verhältnisse ungewöhnlich artig reagiert und auf alle Proteste verzichtet.

Generell bedauerte das IOC den erneuten Vorfall. "So ein Dopingfall ist immer eine Enttäuschung", meinte Adams. Das IOC hatte nach dem Doping-Skandal der Russen bei den Heimspielen 2014 in Sotschi nur 169 angeblich saubere russische Athleten eingeladen, die in Pyeongchang als "Olympische Athleten von Russland" unter neutraler Flagge antreten durften.

Aufhebung der Suspendierung wird immer unwahrscheinlicher

Mehr und mehr scheint sich nun aber auch in höheren IOC-Kreisen die Meinung durchzusetzen, dass eine Rehabilitierung Russlands nach dem erneuten Dopingfall nicht mehr möglich sei. Das IOC hatte bei seinem Urteil am 5. Dezember die Möglichkeit eingeräumt, dass die Suspendierung gegen die Sportgroßmacht zur Abschlussfeier wieder aufgehoben werden könnte.

Der Branchendienst Insidethegames zitierte IOC-Mitglied Sam Ramsamy, früher auch Mitglied der Exekutive und ein Getreuer von Bach. "Ich denke, dass es sehr schwer sein wird, uns alle davon zu überzeugen, dass wir jetzt die Suspendierung aufheben sollen", sagte der Südafrikaner und fügte an: "Definitiv nicht jetzt bei diesen Spielen."

Zuvor war noch von einem Kompromiss die Rede gewesen. Demnach würde das IOC die Suspendierung unter Auflagen aufheben und Russland zur Abschlussfeier den Einmarsch unter eigener Flagge ermöglichen. Dies sollte aber an Bewährungsauflagen geknüpft werden - mögliche weitere Verstöße des Riesenreichs bis zu den nächsten Olympischen Spielen könnten besonders hart bestraft werden.

Bach ist in einer schwierigen Lage, auch deshalb scheint sich der Prozess zur Entscheidungsfindung wieder mal bis zur letzten Minute herauszuzögern. Der erste deutsche IOC-Präsident will es sich auf keinen Fall mit den Russen verscherzen, insbesondere nicht mit Staatschef Wladimir Putin, der ihm nahe steht und Bach bei der Wahl zum IOC-Präsidenten unterstützt hat.

Zum anderen aber darf Bach den Russen nicht alles durchgehen lassen. Was dann passiert, bekommt gerade der Biathlon-Weltverband IBU zu spüren. Da die IBU das Weltcup-Finale vom 22. bis 25. März trotz der jüngsten Dopingfälle weiterhin im russischen Tjumen ausrichten will, haben nach Kanada und Tschechien nun auch die USA mitgeteilt, die Wettkämpfe zu boykottieren. Hier zeigt sich, dass dem Sport durch die von Bach nie richtig gelöste Russland-Problematik wieder einmal eine Spaltung droht.

Hier geht es zur Infostrecke: Russischer Dopingsumpf: eine Chronologie

(sid)
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