Olympia 2018: Ester Ledecka glaubte an einen Fehler bei der Zeitmessung

Sensationssiegerin im Super-G: Ledecka glaubte an einen Fehler bei der Zeitmessung

Die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang haben ihren nächsten großen Gänsehautmoment. Völlig überraschend rast Ester Ledecka zu Gold im Super-G - auf Ski. Die Tschechin ist zwar Weltmeisterin. Das allerdings in einer anderen Sportart.

Unmittelbar nach der bisher größten Sensation der Winterspiele von Pyeongchang rasteten die Menschen im Ziel aus, jubelten und brüllten - nur Ester Ledecka stand fassungslos da. Nach ihrem Sensationslauf zu Olympia-Gold im Super-G starrte die Tschechin sekundenlang ungläubig auf die Anzeigetafel und rührte sich nicht.

"Du bist die Gewinnerin", sagte schließlich der Kameramann im Ziel. "Nein", antwortete Ledecka. Dann lächelte sie verlegen. Als krasse Außenseiterin hatte sie die komplette Weltelite düpiert. Denn Ester Ledecka ist zwar Weltmeisterin. Das allerdings auf dem Snowboard.

Erst vor zwei Jahren bestritt die zweimalige Snowboard-Weltmeisterin ihren ersten Ski-Weltcup. In insgesamt 19 Rennen war ein siebter Platz das beste Ergebnis. Doch dann schob sich die 22-Jährige aus dem Starthaus des Jeongseon Alpine Centres - und schnappte Anna Veith die Gold weg. Die Österreicherin reagierte fassungslos auf die 0,01 Sekunden Rückstand. Dritte wurde Tina Weirather aus Liechtenstein (+0,13 Sekunden) - die Schweizerin Lara Gut verpasste als Vierte das Podest.

Ledecka kann auch im Snowboard Gold holen

"Ich habe gedacht, das ist ein Fehler bei der Zeitmessung", erklärte Ledecka ihre Reaktion im Ziel. Sie habe darauf gewartet, dass auf die angebliche Bestzeit noch ein paar Sekunden draufgepackt werden. Aber das passierte nicht. Sie gewann wirklich Gold. "Das war natürlich mein Traum, weil ich jedes Rennen immer gewinnen will. Aber das habe ich natürlich nicht erwartet", sagte sie. Und in einer Woche ist sie auch noch Gold-Favoritin für den Parallel-Riesenslalom.

Völlig unter gingen an dem sonnigen Nachmittag in den Bergen von Pyeongchang alle andere Geschichten, etwa das famose Comeback von Veith nach einer schweren Knieverletzung, die verpasste Medaille von US-Star Lindsey Vonn wegen eines groben Fehlers kurz vor Schluss und der zehnte Platz der deutschen Hoffnungsträgerin Viktoria Rebensburg.

Ledecka stahl allen die Show - und überraschte sich selbst. Bei der Pressekonferenz vor Dutzenden Journalisten wollte sie auf dem Podium ihre Skibrille nicht absetzen. "Ich war nicht darauf vorbereitet so wie die anderen Mädels. Ich trage kein Makeup", erklärte sie. Vom plötzlich über sie hereinbrechenden Interesse war sie überwältigt. "Ich will nicht unhöflich sein, aber lieber würde ich jetzt Snowboarden gehen", sagte die Tschechin. Schließlich stehe ja noch das Rennen im Parallel-Riesenslalom auf einem Brett an.

Seit zwei Jahren fährt Ledecka abwechselnd mit Ski und Snowboard in den Weltcups. "Sie ist unerbittlich bei ihren Projekten. Wenn man ihr eine Aufgabe gibt, lässt sie nicht davon ab, ehe sie diese gemeistert hat", sagte ihr Snowboard-Trainer Justin Reiter. Ski-Coach Tomas Bank meinte: "Sie ist eine unglaubliche Athletin, ein Siegertyp." Als Ledecka mehr als eine Stunde nach dem Rennen erstmals ihre Trainer und Betreuer sah, fiel sie ihnen um den Hals, fasste sich mit den Händen an den Kopf und stammelte nur: "Das passiert gerade wirklich."

Rebensburg freut sich für Ledecka

Noch kein Sportler ist in beiden Disziplinen bei Olympia angetreten, schon dieser Plan war historisch. Die Goldmedaille sorgte in der Szene für einen Mix aus Ungläubigkeit und Begeisterung. "Super geil", sagte Rebensburg. "Solche Sachen sind Olympia. Ich finde es richtig cool für unseren Sport. Sie ist super gefahren, das muss man erst mal runterbringen." Vonn, die Sechste wurde, meinte: "Es ist ein bisschen enttäuschend für mich, von einer Snowboarderin geschlagen zu werden, aber für sie ist das unglaublich. Wow, was für eine Athletik."

Niemand hätte mit diesem Coup gerechnet, selbst IOC-Präsident Thomas Bach hatte Veith in der Box der Führenden schon gratuliert. Die Österreicherin, die unter ihrem Mädchennamen Fenninger schon Gold 2014 in Sotschi geholt hatte und die vergangenen zwei Winter mit den Folgen eines Totalschadens im Knie kämpfte, hätte für das schon dritte Alpin-Gold der Skination bei diesen Spielen sorgen können. Doch dann raste Ledecka ins Ziel und schrieb Geschichte.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Ester Ledecka

(areh/dpa)