Thomas Dreßen vor der Olympia-Abfahrt: Von Nervosität keine Spur

Dreßen vor der Abfahrt ganz locker: "I schloaf wie a Baby"

Favoriten auf Abfahrtsgold sind andere, doch Thomas Dreßen tritt in Pyeongchang locker auf wie eh und je. Der Kitzbühel-Sieger rechnet sich etwas aus.

Nervosität vor der "Schlacht" um Abfahrtsgold? Nicht bei Thomas Dreßen! "I schloaf wie a Baby", sagte der Kitzbühel-Sieger vor seinem ersten Olympia-Rennen am Sonntag (11 Uhr OZ/3 Uhr MEZ) - also alles "koa Problem". Dreßens urbayerische Gelassenheit hat gute Gründe: Zwar sind auf der "Men's Downhill" in Jeongseon andere die Favoriten auf Gold, Weltmeister Beat Feuz (Schweiz) etwa oder Kjetil Jansrud (Norwegen), der Olympiasieger im Super-G. Doch Dreßen gehört zum großen Kreis der Medaillenanwärter.

"Wir haben sicher die Möglichkeit, die Arrivierten ein bisschen zu ärgern", sagte Dreßen nach dem Abschlusstraining, und: "Ich mach mir jetzt keine Sorgen, dass wir da gar keine Chance haben." Aber, fügte er an: Auf dem wenig anspruchsvollen Kurs am geschundenen Berg Gariwang "fahren halt nicht nur drei um die ersten drei Plätze, sondern 20". Dreßen ist einer von ihnen - und trotzdem nicht nur einer unter vielen.

"Die Deutschen haben gerne, wenn sie einen eigenen Favoriten haben, oder? Deshalb sage ich jetzt mal: Thomas Dreßen ist der Favorit", sagte Feuz, und das war nicht nur Schweizer Charme oder dem Fakt geschuldet, dass er von seiner eigenen Favoritenrolle ablenken wollte. Dreßen genießt in der Szene nicht erst seit seinem Sieg auf der berühmt-berüchtigten Streif großen Respekt. Die Olympia-Strecke mit vielen langgezogenen Kurven tauge ihm, sagte er, sagen alle.

Es ist keine vier Wochen her, da wagte Dreßens Chef einen bemerkenswerten Vergleich. "Er ist ein geerdeter Junge", sagte Mathias Berthold, "er erinnert mich in dieser Saison an ... nein, das sag ich lieber nicht." Es war freilich nicht schwer zu erraten, über wen der Cheftrainer der deutschen Ski-Rennläufer da sprach. "Ja, genau", antwortete Berthold grinsend auf die Frage, ob es Matthias Mayer sei, über den er da nicht reden wollte.

Matthias Mayer, Österreich, wurde 2014 in Sotschi unter Coach Berthold überraschend Olympiasieger in der Königsdisziplin. "Die Gespräche, die ich mit dem Matthias 2014 hatte, habe ich jetzt mit dem Thomas, das ist ganz cool", sagte Berthold.

Dreßen könnte seinen Trainer am Sonntag als Wahrsager dastehen lassen. Berthold hatte im Sommer 2014 den zu diesem Zeitpunkt aberwitzigen Satz gesagt, seine "Jungs" sollen in Pyeongchang so weit sein, "dass wir um die Medaillen mitfahren können". Das Abfahrtsteam glich damals einem Trümmerhaufen, Dreßen hatte als beste Abfahrtsplatzierung einen 22. Rang vorzuweisen - im Europacup! Und doch ist es jetzt soweit gekommen.

Allen voran Dreßen darf hoffen. In Pyeongchang tritt er locker auf wie eh und je, gibt sich bayerisch-bodenständig, scherzt und lacht, nimmt kein Blatt vor den Mund. Schwierigkeiten? Wie üblich drücken die viel zu kleinen Skischuhe, Dreßen friert deshalb an den Zehen ("die san die ganze Zeit kalt"). Und beim Interview-Marathon stört ihn schon mal der rutschende Rennanzug. Alles nichts Gravierendes.

Auch seinen "Absitzer" beim Abschlusstraining, das er auf Rang sieben beendete, nahm er gelassen. "Schrecksekunde war das keine, da gibt's andere Sachen, die schlimmer sind", sagte er, "ich habe mir bloß gedacht: Jetzt bleib ich mal hocken, bis das Tor um ist, dann steh ich wieder auf und fahr weiter." Ein typischer Dreßen, über den sie in Bayern sagen würden: Der scheißt sich nix! Also: Der Kerl traut sich was.

Sollte Dreßen am Sonntag aufs Podium fahren, wäre das historisch. Einen deutschen Olympiasieger gab es in der Abfahrt noch nie, nur zwei Medaillengewinner - vor über 50 Jahren. Hans-Peter Lanig holte 1960 Silber, Wolfgang Bartels vier Jahre später Bronze.

Kann Dreßen ihnen nachfolgen? Wer Kitzbühel gewinnt, sagte Berthold, könne "nicht wegdiskutieren", dass er zu den Kandidaten zähle. Es ist angerichtet.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Das ist Thomas Dreßen

(sid)