Olympia 2018: Andreas Wellinger ist Deutschlands Vorzeige-Springer

Andreas Wellinger: Deutschlands Vorzeige-Springer

Andreas Wellinger holt nach Gold von der Normalschanze die Silbermedaille auf der Großschanze. Seine Kollegen staunten über Wellingers frühreife Abgeklärtheit.

Über Andreas Wellinger (22) weiß die Sportwelt inzwischen allerhand. Zum Beispiel, dass der Oberbayer aus dem Örtchen Traunstein stammt. Oder dass er Erfolge ganz gern mit einem Weißbier feiert. Und dass er dazu bei den Olympischen Winterspielen reichlich Gelegenheit hat. Nach der Goldmedaille beim Skispringen von der Normalschanze gewann er die Silbermedaille von der Großschanze, nur der Pole Kamil Stoch war ein bisschen besser. Und was sagte Wellinger? "Oa Weißbier geht scho", sagte er. Klar.

Genauso locker geht er heute als Spitzenkraft der deutschen Mannschaft ins Teamspringen. Und es sollte sich niemand wundern, wenn die Deutschen ihren Triumph von Sotschi 2014 wiederholen, zu dem Wellinger im zarten Alter von 18 Jahren bereits beigetragen hatte. "Wenn jeder seine Leistung bringt, dann müssen sich die anderen lang machen, um uns zu schlagen", erklärte Wellinger.

Vor vier Jahren sprang er in einem Team mit Andreas Wank, Marinus Kraus und Severin Freund. Das Quartett landete bei der Wahl zur Mannschaft des Jahres auf Platz zwei hinter der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes, die in Brasilien Weltmeister geworden war.

Star der Skispringer war Severin Freund, der noch vor zwei Jahren als Maß der Dinge bei den Deutschen galt. Zwei Kreuzbandrisse kosteten ihn jedoch die Möglichkeit, sich für Olympia in Pyeongchang zu qualifizieren. In die Rolle des Vorspringers schlüpfte längere Zeit Richard Freitag. Aber er steht seit einer Woche klar im Schatten Wellingers.

Die Goldmedaille von der Normalschanze hob Wellinger endgültig ins Scheinwerferlicht. Offenbar hat der große Erfolg zum Auftakt der Spiele die notwendige Mischung aus Selbstvertrauen und Entspannung vermittelt. "Ich war total relaxed", versicherte Wellinger, "ich habe einfach versucht, das richtige Gefühl zu kriegen. Das hat geklappt."

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Und wie. Wie schon beim Springen von der Normalschanze legte er einen fantastischen zweiten Durchgang hin. Mit einem Satz auf 142 Meter beeindruckte er die Konkurrenz und seinen Trainer. "Es waren zwei Topsprünge", urteilte Werner Schuster, "es ist ein Riesenerfolg für den jungen Burschen und das ganze Skisprung-Deutschland." Seine Kollegen staunten über Wellingers frühreife Abgeklärtheit. "Es ist so schön, ihm zuzuschauen", stellte Freitag fest, "er ist wahnsinnig cool. Gold und Silber, das ist schon groß."

Seinen Platz in den deutschen Skisprung-Statistiken hat Wellinger sicher. Das hatte bereits die Goldmedaille garantiert. Vor ihm hatte zuletzt Jens Weißflog 1994 (Lillehammer) Gold im Einzel für Deutschland gewonnen. Der heutige TV-Experte hat seinem Nachfolger nur noch einen Rekord voraus. Wellinger kann ihn einstellen, wenn er mit dem Team Gold gewinnt. Noch steht Weißflog als erfolgreichster deutscher Skispringer oben in der Rangliste. Dass er überhaupt eingeholt werden kann, liegt natürlich nicht allein an Wellingers Vorliebe fürs Weißbier.

Es hat vor allem damit zu tun, dass der hochbegabte Athlet seine Lehre aus seiner ganz persönlichen Berg- und Talfahrt gezogen hat, die ihn im Anschluss an den Olympiasieg mit der Mannschaft vor vier Jahren ereilte. Er hat begriffen, dass großes Talent ohne harte Arbeit wirkungslos bleibt. "Ich habe das Arbeiten gelernt", erklärte er. Und Trainer Schuster sagte: "Früher hat sich Andreas auch mal auf seinem Talent ausgeruht." Ein schöner Seitenaspekt der anständigen Einstellung zum Beruf: Dadurch ist auch Wellingers Jugend wieder zum Vorteil geworden. Sie führt nicht länger zu Überschwang und Leichtfertigkeit, sie gibt Schwung und Leichtigkeit - Tugenden des großen Wettkämpfers.

Ein großer Wettkämpfer ist dieser 22-Jährige allemal. Das hat er auf der großen Bühne in Südkorea nachgewiesen. Und wenn's heute mit der dritten Medaille klappt, wird es sicher wieder Weißbier geben. Dass es dann bei einem bleibt, ist eher unwahrscheinlich.

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(pet)