Millionär John Jahr: Curling — mit dem Schrubber nach Sotschi

Millionär John Jahr: Curling — mit dem Schrubber nach Sotschi

Der CC Hamburg stellt das deutsche Team für die Olympischen Spiele. Kapitän ist der Verlegerenkel und Millionär John Jahr.

Ein hastiger Blick in die Speisekarte des Vier-Sterne-Hotels am Hamburger Tierpark Hagenbeck, ein kräftiges Nicken, eine flotte Bestellung beim Ober — Peter Rickmers und Sven Goldemann haben es eilig. Schnell etwas essen! Gut fünf Minuten später bekommen sie ihre Nudeln mit gegrilltem Kürbis, Spitzpaprika, Mangold, gerösteten Walnüssen und eingelegtem Schafskäse. Die beiden teilen sich eine Portion. Sie brauchen ein paar Kalorien zwischen den beiden Spielen zum Auftakt der Deutschen Curling-Meisterschaften. Aber leicht soll es sein. Der Ernährungsberater am Olympia-Stützpunkt Hamburg hat ihnen entsprechende Empfehlungen gegeben.

Thorsten Weidig sitzt am anderen Ende des Tischs. Er isst einen Hamburger der Größe XXL und einen Berg Fritten. Weidig betreut das Team als Sportpsychologe. Seine Megaportion im Vergleich zur Minimahlzeit der Athleten wirkt, als nehme er einen psychologischen Test an seinen Jungs vor. Ist es aber nicht. Er hat einfach Kohldampf.

Ernährungsberatung, psychologische Betreuung, Krafttraining, jeden Morgen umfangreiche Schwimmeinheiten — in der heißen Phase vor den Olympischen Spielen in Sotschi bereitet sich die Curling-Nationalmannschaft mit der Ernsthaftigkeit und Akribie von Topathleten vor. Nur wer fit ist, kann über Stunden die erforderliche Konzentration aufbringen.

Acht Spiele je zwei Stunden an einem Wochenende sind ein übliches Programm. Jeden Wurf halten Bundestrainer Martin Beiser oder Psychologe Weidig auf einem Tablet-Computer fest. Stundenlang analysieren sie die Daten, vergleichen sie mit den Ergebnissen anderer Mannschaften und ergründen die Fortschritte im Training. Sie halten sogar die Geschwindigkeit der Sportler beim Anlauf auf die Hundertstelsekunde fest.

Curling ist ein Präzisionssport, verwandt mit Boccia oder Eisstockschießen. Das Spiel soll im späten Mittelalter im schottischen Hochland erfunden worden sein, seit Nagano 1998 gehört es zum olympischen Programm. Seine größte Verbreitung hat Curling heute in Kanada, bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren in Vancouver waren die Wettbewerbe Straßenfeger. In Deutschland liegt die Zahl der Aktiven lediglich bei 1500, rund 800 nehmen regelmäßig an Wettkämpfen teil. Die Männer schafften die Olympia-Qualifikation, das Damen-Team aus Füssen scheiterte auf dem Weg nach Sotschi.

Peter Rickmers, Sven Goldmann, Christopher Bartsch, Felix Schulze und John Jahr stehen vor ihrer größten sportlichen Herausforderung. Das — mit Unterbrechungen — seit Jahren eingespielte Team des traditionsreichen und vornehmen Vereins CC Hamburg tritt ab dem 7. Februar in Sotschi an.

Aus der internationalen Zweitklassigkeit haben die Hamburger Deutschland im November bei der EM im norwegischen Stavanger wieder auf Weltniveau gebracht. Olympia-Favoriten sind aber andere: allen voran die Kanadier, die in Clownskostümen antretenden Norweger, die Schweden und die Schotten als Team Großbritannien. "Wir können gegen viele dort gewinnen, aber auch gegen jeden verlieren", sagt Teamkapitän John Jahr. Auf eine Medaille zu spekulieren hält er für vermessen.

Auf dem Eis gibt Jahr den Ton an. Er ist der "Skip", wie im Curling der Kapitän genannt wird. "Wir entscheiden demokratisch", sagt er zwar, doch im Zweifelsfall gibt er die Taktik vor. Er zeigt den Mitspielern an, wie sie ihre Steine platzieren sollen, er bestimmt, wie die jüngeren Kollegen mit ihren Schrubbern wischen sollen, damit das Spielgerät die richtige Richtung einschlägt und weit genug gleitet. Und er spielt die letzten, die entscheidenden Züge jeder Partie.

John Jahr steht im Mittelpunkt, ohne sich dorthin zu drängen. Mit seinen 48 Jahren ist er der älteste deutsche Athlet, wenn sich die "Jugend der Welt" im Nordkaukasus trifft. "Ist mir egal. Wenn ich mit 48 Präsident der USA würde, wäre ich jung, so bin ich eben alt", sagt er. Mehr als eine Generation liegt zwischen ihm und Shorttrackerin Anna Seidel und Skispringerin Gianina Ernst, den mit 15 Jahren Jüngsten im deutschen Aufgebot.

Als Enkel des gleichnamigen Verlagsgründers gehört Jahr zur besseren Gesellschaft Hamburgs. Mit Immobilien hat er sein Vermögen vergrößert. Unter anderem ist er Gesellschafter der Casinos in Hamburg und Wiesbaden. "Es ist völlig egal, ob du reich bist oder berühmt. Hauptsache, du kannst spielen. Das ist der Reiz", sagt er.

Wenn er zwischen den Spielen auf der Anlage des CC Hamburg — einem tunnelförmigen Gebäude zwischen Kleingärten und Tennisplätzen im Stadtteil Stellingen — eine Zigarette rauchen geht, ist Jahr einer unter vielen. "Johnny" wird er gerufen. Sein Vater, der wie er und der Großvater auch John heißt, brachte das Spiel in den 1960er Jahren aus dem Skiurlaub im Schweizer Arosa mit nach Norddeutschland. Er gründete den Klub und machte Hamburg damit zu einem exotischen Wintersport-Standort.

An Trainingspartnern auf höchstem Niveau mangelt es allerdings in der Region. Im Sommer flogen die Hamburger alle zwei Wochen ins Allgäu, weil in Füssen wettkampftaugliches Eis und Gegner bereitstanden. Die nächsten Kontrahenten finden sich ansonsten in Kopenhagen, viereinhalb Autostunden von der Hansestadt entfernt.

Rund 70 Tage waren die Curler seit Beginn der intensiven Olympia-Vorbereitung im August des vergangenen Jahres unterwegs. Als "semi-professionell" bezeichnen sie ihre Art, den Sport zu betreiben. "Wir haben alle Beruf und Familie", sagt Goldmann, mit 44 Jahren der Zweitälteste im Team, "das Ganze geht nur, weil wir viel Unterstützung bekommen." Ende März repräsentieren sie Deutschland noch einmal bei den Weltmeisterschaften in Peking. Nach der Saison "hat die Seele Ruh'", wie Jahr betont. Er wird aufhören. Wie es mit den anderen Teammitgliedern weitergeht, steht noch nicht fest.

Die Deutschen Meisterschaften laufen trotz Nudeln und gegrilltem Kürbis nicht nach Plan. Die Hamburger leisteten sich zwei Niederlagen. "Für uns waren die Spiele wichtig, um Ansatzpunkte fürs Training zu finden", sagt Bundestrainer Beiser (Oberstdorf). Stresserprobt sind Jahr und sein Team allemal. In die Olympia-Qualifikation waren sie im Dezember mit zwei Niederlagen gestartet und hatten sich erst in einem nervenzehrenden Zusatzspiel den Startplatz für Sotschi erkämpft. Der Sportpsychologe dürfte stolz sein.

Hier geht es zur Bilderstrecke: John Jahr – Deutschlands ältester Olympia-Starter

(RP)
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