Ersatzkandidat für Ringen: Wushu — ein Kandidat für Olympia

Ersatzkandidat für Ringen : Wushu — ein Kandidat für Olympia

Die traditionelle chinesische Kampfkunst könnte ab 2020 Ringen als olympische Disziplin ablösen. In Deutschland wird Wushu fast nur am Niederrhein gekämpft. Dabei geht es nicht nur um Zweikampf, sondern um Ästhetik.

Die Bilder aus dem fernen China sind erstaunlich. Tausende Kämpfer, angeordnet in einem zentimetergenauen Muster, führen akrobatische Kampftechniken auf. Sie funktionieren präzise und absolut synchron, ihre Bewegungen nach Überlieferungen chinesischer Kampfmeister bilden ein Massenspektakel — ganz im Sinne kommunistischer Führer. Wushu, zu deutsch Kriegskunst, fasst alles zusammen, was unter chinesischer Kampfkunst verstanden wird. Ab den Sommerspielen 2020 könnte die Kunst der chinesischen Meister statt der Traditionssportart Ringen ins olympische Programm aufgenommen werden — wenn sich die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Ende Mai und die Vollversammlung im September dafür entscheiden sollten.

Niederrhein deutsches Zentrum für Wushu

Im Gegensatz zu China ist Wushu in Deutschland doch etwas beschaulicher. Man muss in Industriegebiete, in Hinterhöfe fahren, um die Akademien deutscher Wushu-Kämpfer zu finden. Aber es gibt sie, vor allem am Niederrhein. "Die Region ist das deutsche Zentrum für Wushu", sagt Erik Gruhn vom Dachverband für Budotechniken in Nordrhein-Westfalen, dem alle Verbände für asiatische Kampfkünste angehören. Rund 3500 Kämpfer sind nach Auskunft des Verbandes in 83 Vereinen in NRW registriert, die meisten davon in Hochburgen wie Wesel, Moers oder Rees, wo der Wushu-Landesverband außerdem seinen Leistungsstützpunkt betreibt. Außerhalb von NRW sind es allerdings gerade einmal 600 aktive Wushu-Kämpfer. "In acht Bundesländern haben wir nicht einmal genügend Vereine, um einen Landesverband gründen zu können", sagt Roland Czerni, Präsident der Deutschen Wushu Federation, die ihren Sitz in Moers hat.

Das schlägt sich in internationalen Wettkämpfen natürlich nieder. Allenfalls Russen und Ukrainer, wo die Kampfkunst staatlich gefördert wird, können halbwegs mit China, Singapur oder Taiwan mithalten. "Die westlichen Nationen erreichen selten mal einen Podestplatz", sagt Czerni. In China hat Mao Tse-tung Anfang der 1950er Jahre die jahrtausendealte Kunst der Wushu-Meister staatlich reformieren lassen — und entsprechend akribisch wird sie seither im Sinne des Gründers der kommunistischen Volksrepublik gelehrt. In Deutschland trifft sich an diesem Wochenende der Leistungskader zum Training in Coburg — das gibt es einmal im Quartal. Ob und für wie viele Kämpfer es für Olympia reichen würde, ist unklar.

Sollte Wushu Bestandteil des olympischen Kanons werden, dann geht es dabei um zweierlei: in erster Linie um "Sanshu", wie der Vollkontaktkampf genannt wird. Im Zweikampf ermitteln die mit Handschuhen, Kopf- und Brustschutz ausgestatteten Kämpfer den Sieger. Die zweite Variante hat weniger mit Kampf, mehr mit Akrobatik zu tun. Die Kämpfer führen Formen und Bewegungsabläufe auf, die zum Teil an Kampfarten bestimmter Tiere wie Tiger, Schlange oder Kranich erinnern. Punktrichter geben ihre Wertung ab — ähnlich wie beim Turnen. Dazu gehören Faustkämpfe , Kämpfe mit Waffen (Speere, Langstock, Schwerter, Säbel) — aber auch ästhetische und artistische Choreographien, die "Taolu" genannt werden. Ausschließlich diese Wettkämpfe werden bei internationalen Wettbewerben ausgetragen. Das ist es, was nach olympischem Verständnis seit 1999, als das IOC den Weltverband der Wushu-Kämpfer anerkannte, als "modernes Wushu" gilt. In den Akademien allerdings werden fernab des Wettkampfes noch viele weitere Formen chinesischer Kampfkunst gelehrt.

"Hinter allen Kampfkünsten steht eine Philosophie: die Selbsterkenntnis, die Harmonie von Körper und Geist", sagt der mehrfache Deutsche Meister Herbert Corsten, der in Wegberg eine Wushu-Akademie betreibt. "In China wird ein enorm hohes Niveau erreicht. Das muss man von klein auf lernen."

(RP/seeg)
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