Para-Sportler des Jahres von Bayer Leverkusen Weit springen und am Boden bleiben

Düsseldorf · Er übertraf bei der Para-Leichtathletik-WM seinen eigenen Weltrekord und holte damit Gold. Sein Hunger ist noch lange nicht gestillt. Dabei kann Léon Schäfer vom TSV Bayer Leverkusen seinen Sport nur durch eine glückliche Wendung betreiben.

Leichtathlet Leon Schäfer in Aktion bei den Paralympics 2020 in Tokio.

Leichtathlet Leon Schäfer in Aktion bei den Paralympics 2020 in Tokio.

Foto: dpa/Marcus Brandt

Kein Athlet steht an diesem Abend länger vor den Mikrofonen und Kameras als Léon Schäfer. Wenige Minuten zuvor ist die Preisverleihung der Para-Sportler des Jahres 2023 in der Düsseldorfer Rheinterrasse an diesem Novemberabend geendet. Die Gäste stehen schon am Buffet, die Sportler werden im Eingangsbereich der Reihe nach von Journalisten interviewt und fotografiert. Für Schäfer dauert es besonders lange, bis er an eine Mahlzeit kommt. Denn er ist besonders gefragt, nachdem er zum Para-Sportler des Jahres gekürt wurde.

Im Nebenraum stehen schon Desserts bereit, einige Sponsoren haben Stände aufgebaut. Noch ist es recht leer, die meisten arbeiten sich im großen Saal am zweiten oder dritten Buffetgang ab. Genug Ruhe, um den Star des Abends besser kennenzulernen. Geboren ist er in Burgwedel bei Hannover, aufgewachsen in Bremen. Er hat früher Fußball gespielt, schaffte es sogar bis zum dortigen DFB-Stützpunkt.

Außerdem ging er damals viel Eislaufen. Im Alter von zwölf Jahren stand er mit Freunden auf dem Eis, einer von ihnen rutschte nach hinten aus, die Kufe seines Fußes traf Schäfer am rechten Schienbein, wo eine große Beule entstand. Die Schwellung hielt sich zwar hartnäckig, doch Schäfer dachte sich zunächst nicht viel dabei. Erst nach zweieinhalb Monaten ging er zum Arzt. Der erste Verdacht auf eine Kalkablagerung bestätigte sich nicht – zwei Wochen später wurde bei einer Biopsie im Krankenhaus dann aber Knochenkrebs festgestellt.

Trotz einer Chemotherapie über sechs Monate war der Krebs zu fest im Bein verwachsen, sodass ein weiterer Eingriff nötig war. Schäfer und seine Familie entschieden sich für einen Knochenersatz, doch den nahm sein Körper nicht an: Sein Fuß starb ab, weil die Blutzufuhr gestört war. Das Bein musste ab dem Oberschenkel amputiert werden. „Das war für mich natürlich erst mal ein Schock, aber ich wusste, dass die Ärzte alles versucht haben. Und im Endeffekt ist es gut, dass es so gekommen ist“, sagt Léon Schäfer heute.

Das sah Schäfer später auch in der Reha anhand von anderen Patienten mit Knochenersatz. Diese können die Bewegung stark einschränken, so der Sportler. Und da er noch im Wachstum war, wären immer wieder neue Eingriffe nötig gewesen. Nach der Reha wollte Schäfer dann einen Para-Sportler treffen. Durch den Verein „Wünsch dir was“ bekam er die Möglichkeit, dem Leichtathleten Markus Rehm beim Training zuzugucken. Das hinterließ Eindruck bei Schäfer.

Noch heute zeigt sich der 26-Jährige beeindruckt von Rehm: „Er ist schon so viele Jahre so erfolgreich und schafft es, sich immer wieder weiter zu pushen. Das muss man erst mal schaffen.“ Seine Entscheidung für den Para-Sport fiel aber aus einem anderen Grund. „Das Laufen mit dieser geilen Sportprothese. Die wollte ich auch haben.“ Deshalb seien andere Sportarten wie Sitzvolleyball nichts für ihn gewesen, er wollte wieder aktiv und vor allem flink sein. „Markus hat mir gezeigt, dass man mit Prothese schnell sein kann.“

Und wie. Nachdem er Laufen komplett neu lernen musste, schaffte es Schäfer zu ersten Platzierungen bei der Para-WM 2015 und den Paralympics 2016, bei der Para-WM 2017 holte er dann Gold als Teil des Teams der 100-Meter-Staffel und Bronze im Weitsprung. 2019 erkämpfte Schäfer sich erste Gold im Weitsprung und den zweiten Platz im Sprint. Bei den nächsten Paralympics sprang er dann zu Silber und lief auf den 100 Metern zu Bronze. In diesem Jahr gewann er bei der Para-WM erneut Bronze im Sprint und sein zweites Weitsprung-Gold – im letzten Versuch, mit dem er gleichzeitig seinen eigenen Weltrekord um einen Zentimeter auf 7,25 Meter steigerte.

Diese Leistung brachte ihn zur Ehrung der Para-Sportler des Jahres. Schäfer läuft den roten Teppich auf der Rampe zur Bühne hoch. Die Jeans ist pragmatisch, doch bei dem Sakko und der abgedunkelten Brille könnte man fast meinen, ein Filmstar betritt die Bühne. Er gib sicht selbstbewusst, aber auch diszipliniert und bodenständig. Das legt er, im Gegensatz zur Brille, im Gespräch nicht ab. Dafür betont er, wie dankbar und geehrt er sich fühlt, in so einem starken Feld aus Sportlern ausgezeichnet zu werden und dass er den Para-Sport an die breite Masse führen will. Der 26-Jährige scheint mit der Aufmerksamkeit, die gerade auf ihn einprasselt, souverän umzugehen. Wie gelingt ihm das?

Der vorhin noch so ruhige Nebenraum füllt sich langsam. „Sport ist meine Therapie“, sagt Schäfer, bevor er einen größeren Einblick hinter sein Auftreten gibt: „Ansonsten heißt Abschalten für mich, bei entspannter Musik auf der Couch mit meinen Gedanken alleine sein.“ Er meditiere und reflektiere viel, könne gut mit sich alleine sein. „Dadurch verstehe ich mich selbst besser, das gibt mir Ruhe, Zufriedenheit und Kraft.“ Das erklärt vielleicht seinen Prozess beim Wettkampf. Es ist kein Zufall, dass er seinen Weltrekord im letzten Versuch übertraf. Er sagt, er sei zu Beginn oft fast zu entspannt und brauche ein paar Versuche, um reinzukommen. „Ich weiß, dass meine Stärke in den letzten drei Versuchen steckt. Ich kann Druck ganz gut nutzen, um mich zu pushen.“

Ehrgeiz habe er von Natur aus, trotzdem sei es eine Kunst, hungrig auf Erfolg zu bleiben. „Das Hoch vom Gewinnen hält bei mir nur kurz an. Je stärker die Euphorie ist, desto stärker ist der Aufprall, wenn sie wieder abflacht.“ Deshalb versuche er, auch an Abenden wie diesen auf dem Boden zu bleiben.

Schon während der Gala werden ständig die Paralympics im August 2024 in Paris angesprochen. Man könnte es den Athleten nicht verübeln, würden sie sich den Abend als reinen Moment zum Innehalten und Rückblicken auf ihre Leistungen wünschen. Doch viele nehmen ihre Ehrung per Video entgegen, weil sie schon im Trainingslager sind. Auch Schäfer stört sich nicht an den ständigen Anspielungen, auch er denkt schon an den nächsten Wettkampf, und an die Paralympics in Paris. Vorher steht im Mai die nächste Leichtathletik-Weltmeisterschaft an. In beiden Wettkämpfen ist Weitsprung-Gold sein Ziel: „Da führt kein Weg dran vorbei. Ich will mir meinen dritten WM-Titel in Folge und das erste paralympische Gold sichern. Aber auch auf den 100 Metern bin ich guter Dinge, da geht noch mehr.“

Inzwischen wurde die Party aus dem großen Saal komplett in den Nebenraum verlegt. Schäfer hingegen hat genug vom Trubel der Athleten und Sponsoren – auf die Couch geht es aber noch nicht. Er fährt zum Umziehen nach Leverkusen und geht danach mit einem Freund in Köln feiern. „Aber nicht allzu wild, ich bin gerade gut im Training und will mir das nicht zerschießen.“

Erfolgreichen Sportlern wird mitunter vorgeworfen, sie seien nach Titelgewinnen nicht mehr hungrig genug. Schäfer glaubt, falls der Hunger mal verloren geht, können Athleten ihn sich immer zurückholen – ob auf dem gleichen Level, das sei eine andere Frage. Eine Frage, die er sich noch lange nicht stellen muss. Denn Léon Schäfer hat noch viel Hunger auf mehr.

(tsi)
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