Disqualifikation bei den Paralympics: Britischer Bahnradfahrer rastet aus

Disqualifikation bei den Paralympics: Britischer Bahnradfahrer rastet aus

Die Medaillenvergabe an die falschen Athleten im Diskuswurf und die Disqualifikation eines englischen Goldfavoriten im Bahnrad-Fahren waren die ersten skandalösen Zwischenfälle bei den Paralympics.

Bahnrad-Fahrer Jody Cundy war nicht zu bremsen. "Ich habe vier Jahre meines Lebens verschwendet", brüllte der 33-Jährige durch das Velodrome, deckte die Offiziellen mit Schimpftiraden ein und schmiss mit Wasserflaschen um sich. Die Disqualifikation im Einzelzeitfahren über 1000 m bei den Paralympics in London hatte den Goldfavoriten völlig aus der Bahn geworfen. Nicht minder geschockt dürfte Diskuswerferin Maria Pomasan gewesen sein. Wegen einer Mess-Panne durfte sich die Ukrainerin am Freitag nur sechs Stunden als Siegerin fühlen.

Doch dieser "Pfusch" (The Guardian) ging im Tumult um Cundy nahezu unter. Erst seine Freundin und der Psychologe des britischen Radsportteams konnten den rasenden Wüterich wieder beruhigen. In einer extra anberaumten Pressekonferenz entschuldigte sich der Weltrekordhalter seiner Klasse dann aber gegenüber dem Radsport-Weltverband UCI und allen, die das Schauspiel verfolgt hatten, für seine Entgleisungen.

Zugleich bat der zweimalige Paralympics-Champion auf der Bahn aber auch um Verständnis. "Das sollte mein strahlender Moment werden. Doch ich hatte nur fünf Yards", sagte er bitterlich enttäuscht: "Es ist zwar nur ein Bahnrennen, aber es war das wichtigste Rennen meines Lebens."

Seit sechs Jahren ungeschlagen

Als Cundy als letzter Fahrer auf die Bahn kam, war er in seiner Klasse seit sechs Jahren ungeschlagen. Der Sieg schien für den Allrounder, der auch schon drei paralympische Siege im Schwimmen auf dem Konto hat, reine Formsache. Doch die anvisierte Goldfahrt nahm ein abruptes Ende, als er nur schlingernd aus der Startmaschine kam und das Rennen in der vermeintlichen Gewissheit eines Neustarts abbrach.

Doch stattdessen verbreiteten auf der Anzeigetafel die Buchstaben "DNF" die unmissverständliche Botschaft: Did not finish - Nicht ins Ziel gekommen! "Um einen Neustart zu bekommen, muss einem ein erkennbares Missgeschick widerfahren", sagte der technische Delegierte Louis Barbeau (Kanda). Doch habe Cundy weder einen Platten noch kaputte Bremsen gehabt. Auch die Startmaschine habe reibungslos funktioniert. Zu allem Überfluss reichte es für den rechtsseitig unterschenkelamputierten Cundy am Samstag in der Einer-Verfolgung über 4000 m nur zum Einzug ins kleine Finale.

Die ukrainische Leichtathletin Pomasan durfte sich immerhin kurzzeitig als Siegerin fühlen, selbst die Goldmedaille hatte sie schon um den Hals bekommen. Doch nach der Korrektur des Ergebnisses infolge einer Messpanne war die emotionale Siegerehrung ein Muster ohne Wert. Die 23-Jährige fiel auf den zweiten Platz zurück und die Chinesin Qing Wu rückte vom Silber- auf den Goldrang.

Ihre Landsfrau Jiongyu Bao muss Bronze abgeben und geht nun als Vierte leer aus. Dafür wird die zunächst auf Rang fünf geführte Australierin Katherine Proudfoot nun unverhofft zur Medaillen-Gewinnerin. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC)
entschuldigte sich in einer Mitteilung bei den Athletinnen.

Angeblich war der Fehler zustande gekommen, weil die Rechner nicht richtig auf das sogenannte Raza-System umgestellt waren. Dieses kommt zum Einsatz, wenn Sportler mit unterschiedlicher Behinderung mit einem Multiplikator-System direkt gegeneinander antreten.

Glück im Unglück hatte dagegen der Kugelstoßer Jackie Christiansen. Zwar kam es auch in seinem Wettbewerb, in dem Frank Tinnemeier (Leverkusen) den zehnten Platz belegt, zu fehlerhaften Messungen, auf die Medaillenvergabe wirkte sich die Panne aber nicht aus.

Erst vor 20 Tagen hatte Hammerwurf-Weltrekordlerin Betty Heidler wegen Problemen mit der elektronischen Weitenmessung um ihre olympische Bronzemedaille bangen müssen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Paralympics 2012: Jody Cundy verliert die Nerven

(sid)
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