Olympia Sanktionen gegen Belarus? IOC untersucht und "braucht Zeit"

Tokio · Das Schicksal der Leichtathletin Kristina Timanowskaja wird mittlerweile auf weltpolitischer Bühne diskutiert. In der olympischen Blase muss sich das IOC Fragen zum Umgang mit Belarus gefallen lassen.

 Blick durch die Olympischen Ringe auf das Olympiastadion.

Blick durch die Olympischen Ringe auf das Olympiastadion.

Foto: dpa/Friso Gentsch

Kristina Timanowskaja hat die olympische Bühne verlassen, ihr Fall aber wirkt nach. Dem belarussischen NOK drohen nach den Entführungsvorwürfen Konsequenzen, das Internationale Olympische Komitee erwartet Aufklärung - und steht selbst unter Druck. Unabhängige Athletenorganisationen fordern schnelle Sanktionen, und selbst US-Außenminister Antony Blinken sieht einen Angriff auf den olympischen Geist. Doch das IOC bittet um Geduld.

Eine "formelle Untersuchung" soll den Anschuldigungen gegen die Delegation aus Belarus "auf den Grund gehen", sagte IOC-Sprecher Mark Adams und trat sofort auf die Bremse. "Diese Dinge brauchen Zeit", zunächst müssten alle Beteiligten angehört werden. Sportler-Vertretungen wie Global Athlete oder auch Athleten Deutschland und ihr öffentliches Drängen nach einem schnellen Ausschluss des zwielichtigen NOK ließ er damit ins Leere laufen.

Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Bundestag, befürchtet daher eine zähe Angelegenheit, die sich nicht mehr vor den Augen der Weltöffentlichkeit in Tokio abspielen wird. "Es sieht jedenfalls nicht danach aus, als sollte das Thema während der Olympischen Spiele geklärt werden", sagte Freitag dem SID: "Ich habe nicht viel Hoffnung auf eine Aufklärung des Falles, da ich nicht davon ausgehe, dass vom NOK von Belarus substanzielle Antworten auf Fragen des IOC zu erwarten sind."

Sie selbst hätte da die eine oder andere Frage - nicht zuletzt auch an das IOC. Zum Beispiel, "wie es möglich war, dass eine Athletin offenkundig gegen ihren Willen aus dem Olympischen Dorf gebracht werden konnte - einem Ort, an dem die Sportlerinnen und Sportler doch unter dem Schutz des IOC stehen sollen", sagte die SPD-Politikerin. Auf diese Frage sind die Organisatoren der Olympischen Spiele bislang tatsächlich eine Antwort schuldig geblieben.

Unterdessen bereitet sich Timanowskaja nach ihrer geglückten Flucht auf ihr neues Leben in einer neuen Heimat vor. Wie viele Gegner des autoritären Regimes von Staatspräsident Alexander Lukaschenko kommt sie in Polen unter. Ministerpräsident Mateusz Morawiecki kündigte auf Facebook an, dass sein Land die Sprinterin bei der Fortsetzung ihrer Sportkarriere unterstützen will. Den "kriminellen Versuch" einer Entführung verurteilte er scharf.

US-Außenminister Blinken nutzte Twitter für sein Statement. "Solche Aktionen", schrieb er, "verletzen den olympischen Geist, verstoßen gegen die Grundrechte und dürfen daher nicht toleriert werden". Ob er damit auch das IOC zum Handeln auffordern wollte, blieb offen. Das war ohnehin lange davon überzeugt, dass die im vergangenen Jahr verhängten Sanktionen ausreichen, um die Sportlerinnen und Sportler in Belarus zu schützen.

Das Regime in Minsk war nach den von der EU nicht anerkannten Wahlen im vergangenen Sommer mit Polizeigewalt gegen Demonstranten vorgegangen, viele Athleten - darunter auch Timanowskaja - hatten sich in einem Offenen Brief solidarisiert, was für einige nicht folgenlos blieb. Das IOC schritt ein und erklärte Lukaschenko, bis dahin NOK-Vorsitzender, zur "Persona non grata", seinem Sohn Wiktor, den Lukaschenko zum Nachfolger erklärt hatte, verweigert das IOC die Anerkennung. Geld gibt es auch nicht mehr aus Lausanne.

Geändert hat sich im belarussischen Sport, der so eng mit der Regierung des "letzten Diktators Europas" verknüpft ist, dadurch aber nichts. Vor der Abreise der Delegation nach Tokio hatte Lukaschenko verdeutlicht, dass er Ergebnisse erwartet. "Bevor ihr mit nichts zurückkommt, kommt ihr besser gar nicht zurück", sagte er.

(stja/SID)