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Olympia 2021: Karsten Warholm stürmt zu Fabelweltrekord über 400 m Hürden

Norweger pulverisiert eigenen Weltrekord : Warholm stößt in neue Dimension vor

Karsten Warholm durchbricht über die 400 Meter Hürden eine Schallmauer. Silbermedaillengewinner Rai Benjamin hält das Spektakel in Tokio sogar für denkwürdiger als Usain Bolts 100-Meter-Lauf für die Ewigkeit. Wie konnte Warholm nur so schnell sein?

Karsten Warholm quollen fast die Augen raus, als er nach seinem Wahnsinns-Lauf auf die Anzeigentafel schaute. 45,94 Sekunden standen da notiert für den Olympiasieger über 400 m Hürden aus Norwegen, Warholm zerriss sich das Trikot. Ein Weltrekord war von dem 25-Jährigen fast erwartet worden, aber 45,94 Sekunden? Niemals. Nicht diese unwirkliche Fabelzeit, ein Schock, eine Zeit, die auch Fragen aufwirft.

Der Norweger ist in Tokio in eine neue Leichtathletik-Dimension vorgestoßen und hat Erinnerungen an Usain Bolts Wundertaten geweckt. „Das ist so verrückt, verrückt. Das ist mit Abstand der größte Moment meines Lebens“, sagte Warholm, nachdem er seine eigene Bestmarke gleich um 76 Hundertstelsekunden verbessert hatte. „Das war wahrscheinlich das beste Rennen in der olympischen Geschichte. Ich glaube nicht einmal, dass Usain Bolts 9,5 das getoppt hat“, meinte Silbermedaillengewinner Rai Benjamin aus den USA nach einem unglaublichen Finale.

Warholm blieb als erster Athlet unter der 46er Marke und verbesserte seinen eigenen Weltrekord deutlich. 2009 war Jamaikas Sprint-Legende Bolt bei der WM in Berlin über die 100 Meter in irren 9,58 Sekunden in die Sport-Geschichtsbücher gerast.

„Ich habe keine einzige Hürde berührt. Auf den letzten Metern konnte ich sogar noch einen Gang zulegen, also wow!“, meinte Warholm, der an der letzten Hürde Benjamin (46,17) abhängte. „Ich habe davon wie ein Irrer geträumt.“ Die Aufregung vor seinem Sensations-Erfolg war groß: „Ich hatte letzte Nacht Mühe einzuschlafen, weil ich dieses besondere Gefühl in meiner Brust hatte. Es ist wie das Gefühl, das ich als Sechsjähriger an Heiligabend hatte. Ein Gefühl, von dem man nicht glaubt, dass man es noch einmal haben wird, wenn man älter ist. Aber ich hatte es letzte Nacht.“

Warholm hatte beim Diamond-League-Meeting in Oslo am 1. Juli schon den Uralt-Weltrekord gebrochen. Bei seinem Heimspiel im Bislett-Stadion hatte er in 46,70 Sekunden gewonnen. Der Welt- und Europameister war damit acht Hundertstelsekunden unter der fast 29 Jahre alten Bestzeit des US-Amerikaners Kevin Young bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona geblieben.

Wieso ist er nun so schnell? „Manchmal sagen mir meine Trainer im Training, dass das mit einem perfekten Rennen möglich sein könnte“, meinte Warholm über das Durchbrechen der 46-Sekunden-Schallmauer. „Aber es war schwer, sich das vorzustellen, weil es eine riesige Hürde ist und man nicht einmal davon zu träumen wagt.“

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Die Bahn im Olympiastadion von Tokio gilt als besonders schnell. Hilfreich dürfte auch das Schuhwerk gewesen sein: Warholm wird von Puma ausgestattet. Und die Herzogenauracher Sportartikelfirma hat zusammen mit Renningenieuren des Formel-1-Teams Mercedes Hightech-Spikes entwickelt, die neben Warholm unter anderen auch der kanadische Sprinter Andre De Grasse trägt. Das Obermaterial der Spikes ist mit Kohlenstoffasern durchzogen, die Sohle ist wiederum eine Platte aus Kohlenstoff mit Dornen aus Titanium. Die Spikes wiegen gerade einmal 135 Gramm. Für Warholm geht es dabei um die perfekte Rückfederung.

„Dieser Junge ist unglaublich. Darüber kann man überhaupt nicht böse sein“, meinte Benjamin über Warholms glanzvollen Gold-Coup. Die richtigen Schuhe oder die Bahn sind für den US-Amerikaner aber nur Beiwerk. „Versteht mich nicht falsch, es ist eine phänomenale Strecke“, sagte Benjamin und hob die Weichheit und Nachgiebigkeit des Belags hervor, „aber die Leute werden sagen, es liegt an der Strecke, es liegt an den Schuhen – ich kann andere Schuhe tragen und trotzdem schnell laufen. Das spielt eigentlich keine Rolle.“

Selbst Bronze-Mann Alison dos Santos aus Brasilien lief in 46,72 Sekunden eine herausragende Zeit in diesem Hürden-Spektakel. Warholm dachte im Moment des Triumphs aber schon an den nächsten Schritt. „Jetzt muss ich mir neue Ziele setzen, weil ich noch nicht fertig bin“, sagte der frühere Zehnkämpfer.

Bei seinem Blick auf die Zeit hatte Warholm einen Brüller losgelassen. Die Jubelszene erinnerte an seinen Sieg bei der WM 2017 in London: Das Bild von seinen aufgerissenen Augen, dem geöffneten Mund und den Händen vor dem Gesicht waren der Renner in den sozialen Netzwerken – weil es so sehr an Edvard Munchs Kunstwerk „Der Schrei“ erinnerte. Die Experten ließ Warholm dieses Mal ziemlich sprachlos zurück.

(c-st/dpa/SID)